Band 
I.
JPEG-Download
 

Die unsichtbare Loge,

224

ich die weiblichen Reize und die Rolle Ernsstinensgehabt und hätt' ich ihm, indeß er seine Kontra-approche anssann, ins betretne Gesicht geschauet,auf dessen gerundetem Munde der Schmerz überunverdiente Kränkung stand, der so rührend anMännern von Muth aussieht, sobald ihn nicht dieGichtknoten und Hautausschläge der Rache ver-zerren: so wär'ich roth geworden und wäre wahr-haftig gerade zu mit der Königin (und mir dazu)ins Schach hineingefahren: denn was hätt' ich dageliebt als strenge Selberbüßung?

Beinahe hätte am löten Junius Ernesiins dieseBüßung geliebt, wie man aus ihrem Briefe so-gleich ersehen soll. Denn allerdings ist eine Frauim Stande, zweimal vier und zwanzig Stundenlang eine und dieselbe Gesinnung gegen einenMann (aber auch gegen weiter nichts) zu behaup-ten, sobald sie von diesem Manne nichts vor sichhat als sein Bild in ihrem schönen Köpfchen; al-lein, steht der Mann selber unkopiert fünf Fußhoch vor ihr: so leistet sie es nicht mehr —ihre wieeine besonnete Mückenkolonne spielenden Empfin-dungen treiben aus einander, wider einander undin einander, ein Fingerhut voll Puder am besagte»Mann zu viel oder zu wenig — eins Beugung sei-nes Oberleibs — ein zu tief abgeschnittener Fin-gernagel — eine sich abschälende fchurfige Unter-lippe — der Puder-Anschrot und Spielraum desZopfs hinten auf dem Rock — ein langer Backen-bart — alles. Aus hundert Gründen schlag' ichhier vor den Augen des indiskreten Lesers Erns-siinens Brief an eine ausgediente Hofdame in derResidenzstatt Scheerau aus einander: sie mußtejede Woche an sie schreiben, weil man sie zu be-erben gedachte und weil Ernesiins selber einmalso lange bei ihr und in der Stadt gewesen war,daß sie recht gut elf taufend Pfiffe mit wegbrin-gen konnte — drei Wochen nämlich.

--Die vorige Woche hakt' ich Ihnen wirklichnichts zu schreiben als das alte Lied. Unser Ge-spiele ennuyiert mich unendlich und es dauertmich nur der Rittmeister; es hilft aber beimeinem Vater kein Reden, sobald er nur jemandhaben kann, den er spielen sieht. Wär' es nichtbesser, der gute Rittmeister ließe seinen Kutscher,der den ganzen Tag in unserer Domesiikenstubeschnarcht, aufwecken und anspannen und führ' ab?Seit dem Sonntage martern wir uns nun aneiner Partie herum und ich habe mir schon denEllenbogen wund gestützt — Abends soll sie zuEnde.

Abends um zwölf U h r. Er verliertS alle-mal mit seinen Springern und durch meine Kö-nigin. Wenn er einmal geheirathet hat, so willich ihm seine Fehlgriffe und meine Kunstgriffezeigen. Ich bin recht verdrüßlich, gnädige Taute.

Den löten Juni. In vier Tagen binich von meinem Spieler und Schachbret losund ich will dieses nicht zusiegeln, bis ich Ihnenschreiben kann, wie er sich gegen seine müde undunschuldige Korbflechterin benommen. Heutespielten wir oben im sinesischen Häuschen. Dadie Abendröths, die gerade in sein Gesicht hinein-fiel, verwirrte Schatten unter die Figuren warfund da mich sein rechter Zeigefinger dauerte, dervon einem Säbelhiebe eine rothe Linie hat und

der auf der Schachbande auflag: so kam ich ausZerstreuung wahrhaftig um meine Königin unddas abscheuliche Kindtaufgeläute des sinesischenGlockenspiels ließ mir fast kein Dessein — zumGlück kam mein Vater wieder und half mir einwenig ein. Ich führte ihn nachher in unsernneuen Anlagen im Wäldchen herum und er erzähltemir, glaub' ich, die Historie seines linierten Fin-gers; er ist gegen seines Gleichen sehr wild,aber dabei nngemein verbindlich gegen Frauen-zimmer.

Den löten. Juni. Seit gestern sind wiralle etwas lustiger. Abends brachten zwei Unter-offiziere fünf Rekruten, und da man sagte, eswär' ein Mensch darunter, der eine ganze geschla-gene Armee zum Lachen brächte, gingen wir allemit hinunter. Unten erzählte der Mensch geradehalb laut einem andern Rekruten ins Ohr, erhabe ein eingesetztes Gebiß von lauter falschenSchneidezähnen und sie fielen alle bis auf eimnEckzahn heraus, wenn er eine Patrone anbisse;er habe aber blos das Handgeld wegkapern wollen.Er schraubte unsertwegen den Hut vom Kopf ab,aber eine weiße Mütze, die sich bis über die An-genbraunen hereinsenkte, zerrets er noch tiefernieder: "Zög' er sie ab, sagt' er, so käm' er inseinem Leben nicht zum Regiment." Der einsUnteroffizier fing an zu lachen und sagte, er thuisblos, weil er drei abscheuliche Muttermäler dar-unter hat, weiter nichts — und ein Kameradstreifte ihm heimlich die Mütze von hinten her-unter. Kaum war zu unserm Erstaunen ein Kopfdaraus vorgesprungen, der an beiden Schläfenzwei brennende Muttermäler wies, einen Schat-tenriß mit einem natürlichen Haarzoxf und gegeu-über'zwei Iltis-Schwänzchen: so faßte zu unsermnoch großem Erstaunen der Rittmeister den be-malten Kopf an und küßte ihn so heftig wie seinenleiblichen Bruder und wollte sich todt lachen undtodt freuen. "Du bist und bleibst doch der DoktorFeilk!" sagt' er. Er muß sehr vertraut mitdem Rittmeister sein und kommt unmittelbar vonOberscheerau. Kennen Sie ihn nicht? DerFürst lässet ihn als Botaniker uns Gesellschaftermit seinem natürlichen Sohn, dem Kapitaiu vonOttomar, nach der Schweiz und Italien reisen,wie Sie schon wissen werden. Er setzt tolle Strei-che durch, wenns wahr ist, was er schwört, daßdieses seine ein und zwanzigste Verkleidung sei,und daß er eben so viele Jahre habe. Er siehtübel aus; er sagt selbst, sein breites Kinn stülpesich wie ein Biberschwanz empor und der Baderrasier' ihm im Grunde die halbe Wüste gratis, soviel wie zwei Bärte — seine Lippen sind bis zuden Stockzähnen aufgeschnitten und seine kleinenAugen funkeln den ganzen Tag. Er spaßet auchfür Leute, die nicht seines gleichen sind, viel zufrei."-

— Ernesiins silhouettiert -hier den äußern Men-schen des Doktors, der wie viele indische Bäumeunter äußern Stacheln und dornigem Laub dieweiche kostbare Frucht des menschenfreundlichstenHerzens versteckte. Ich werd' ihn aber eben sogut zeichnen können wie die Briefstellerin. DaHumoristen, wie er, fetten schön sind — weibli-che Humoristinne» noch weniger — und da der