Band 
I.
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230 Die unsich

Herrnhutismus krank und er nahm blos dasSanfte und Einfache von ihm. Ueber seinemschwärmerischen trunknen Auge glättete sich eineruhvolle schuldlose Stirne, die das vierzigsteJahr eben so unrastriert und ungerunzelt ließ,wie das vierzehnte. Er trug ein Herz, welchesLasier wie Gifte Edelsteine zerbrochen hätten;schon ein fremdes von Sünden durchackertes oderangesäetes Gesicht beklemmte schwül seine Brust,und fein Inneres erblaßte vor dastehenden Schmutz-seelen, wie der Saphyr an dem Finger einesUnkeufchen seinen Blauglanz verlieren soll.

Gleichwohl mußte eine solche vieljährige Auf-opferung für ein Kind sogar auf eine so schöneSeele, wie des Herrnhuters, schwer und hartaufdrücken; aber er sagte: "v welche himmlische--Anlässe hab' er dazu, die er aber nur seinem»Gustav, der gewiß mit GvtteS Hülfe so auf-"blühe wie er hoffe, künftig vertraur; und nie-"Mand solle sich doch über sein scheinbares Selbst-"Hinopfern zu einem wahren tiefen Erden-Le-"ben wundern."—Und in der That werden feinereLeser, die weit denken, hoff' ich, nicht sich wun-dern, sondern vielmehr sich anstellen, als fändensie ein solches Erzieh-Keldenthum eben recht na-türlich. Uebrigens ist wohl die Tugend der mei-ste» Menschen mehr nur ein Extrablatt lind Gele-genheitgedicht in ihrem Zeitung- und Alltagleben;allein zwei, drei und mehre Genien sind dochvorhanden, in deren epischem Leben die Tugenddie Heldin ist und alles klebrige nur Nebenpartieund Episode und deren Steigen vom Volke mehrangestaunet als bewundert werden kann.

Die ersten dunkeln Jahre lebte Gustav mitseinem Schutzengel noch in einem überirdischenZimmer, er trennte ihn blos von den heillosenKipperinnen und Wipperinnen der Kindheit, denenwir eben so viele lahme Beine, als lahme Herzenzu danken haben — Mägden und Ammen. Ichwollte lieber, Liese Unhuldinnen erzögen uns imzweiten Jahrzehend als im zweiten Jahr.

Der Genius zog darauf mit seinem Gustavunter eine alte ausgemauerte Höhlung im Schloß-garten, von der es der Rittmeister bedauerte, daßer sie nicht längst verschütten lassen. Eine Keller-treppe führte links in den Felsenkeller, und rechtsin diese Wölbung, wo eine Karthause mit dreiKammern stand, die man wegen einer alten Sagedie Dreibrüder-Karthause nannte; auf ihremFußboden lagen drei steinerne Mönche, welchedie ausgehauenen Hände ewig über einander leg-ten ; und vielleicht schliefen unter den Abbilderndie stummen Urbilder selber mit ihren unter-gegangenen Seufzern über die vergehende Welt.Hier waltete blos der schöne Genius über denKleinen, und bog jeden knospenden Zweig dessel-ben zur hohen Menschengestalt empor.

Elende Umständlichkeit z. B. über die Liefe-ranten der Wäsche, der Betten und Speisenwerden mir Frauenzimmer am liebsten erlassen,aber sie werden begieriger sein, wie der Geniuserzog. Recht gut, sag' ich; er befahl nicht, sonderngewöhnte und erzählte blos. Er wider-sprach weder sich noch dem Kinde, ja er hattedas größte Arkanum, ihn gut zu machen — erwarS selbst. Ohne dieses Arkanum könnte man

tbare Loge.

eben so gut den Teufel zum Informator dingenals sich selber, wie die Töchter schlimmer Mütterzeigen. Der Genius glaubte übrigens, beim er-sten Sakramente (der Taufe) gehe die Bildungdes Herzens an, beim zweiten (Abendmahl) diedes Kopfes.

Von guten Menschen hören ist so viel als unterihnen leben, und Plutarchs Bivgraphieen wirken tie-fer als die besten Lehrbücher der Moralphilosophiezum Gebrauch — akademischer Lehrer. Für Kin-der vollends gibts keine andere Sittenlehre alsBeispiel, erzähltes oder sichtbares; und es ist er-zieherische Narrheit, daß man durch Gründe,Kindern nicht diese Gründe, sondern den Willen unddie Kraft zu geben meinet, diesen Gründen zu folgen.O tausendmal glücklicher als ich neben meinem Ter-zius und Konrektor, lagst du Gustav auf dem Schoße,an den Armen und unter den Lippen deines theuernGenius, wie eine trinkende Alpenblnme an derrinnenden Wolke, und sogest Dein Herz an denErzählungen von guten Menschen groß, die derGenius sämmtlich Gustave und Selige nannte,von denen wir bald sehen sollen, warum sie mitSchwabacher gedruckt sind! Da er gut zeichnete,so gab er ihm, wie Chodvwiecky dem Rvmanen-macher, die Zeichnung jeder Geschichte und um-bauet« den Kleinen mit diesem orliis pictu» gu-ter Menschen wie der allmächtige Genius uns mitder großen Natur. Aber er gab ihm die Zeich-nung nie vor, sondern nach der Beschreibung,weil Kinder das Hören zum Sehen stärker ziehtals das Sehen zum Hören. Ein anderer hättezu diesem pädagogischen Hebebaum statt der Reiß-feder den Fidelbogen oder die Klavierkaste genom-men : aber der Genius that es nicht; das Gefühlfür Malerei entwickelt sich wie der Geschmack sehrspät und bedarf also der Nachhülfe der Erziehung.Es ist der frühesten Entwicklung werth, weil eSdas Gitter wegnimmt, das uns von der schönenNatur absondert, weil es die phantasierende Seelewieder unter die äußern Dinge hinaustreibt undweil es das deutjche Auge zur schweren Kunst ab-richtet, schöne Formen zufassen, Die Musikhingegen trifft schon im jüngsten Herzen (wie beiden wildesten Völkern) nachtönende Saiten an;ja ihre Allmacht büßet vielmehr durch Uebung undJahre ein. Gustav lernte daher als Taubstum-mer in seiner taubstummen Höhle so gut zeich-nen, daß ihm schon in seinem dreizehnten Jahresein Hofmeister saß, ein schöner Mann, der wei-ter,unten im Buche auftreten muß.

Und so floß beiden ihr Leben sanft in der Kata-kombe wie eine Quelle davon. Der Kleine warglücklich; denn seine Wünsche langten nicht überseine Kenntnisse hinaus und weder Zank nochFurcht rissen seine stille Seele auseinander. DerGenius war glücklich; denn die Ausführung die-ses zehnjährigen Baues würd' ihm leichter als derEntschluß desselben; der Entschluß drängt alleSchwierigkeiten und Entbehrungen auf einmalvor die Seele. Die Ausführung aber stellet sieweit auseinander und gibt uns erst das Inte-resse daran durch die sonderbare Freude, ohne dieman bei tausend Dingen nicht ausdanerte — et-was unter seinen Händen täglich wachsen zu sehen.

Für beide Menschen war es gut, daß unten