Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

in diesem moralischen Treibhaus ein Schulka-merad des Gustavs mit wohnte, der zugleich einhalber Kollaborator und Adjunktus des Geniuswar, indeß von der ganzen Erziehung wegen ge-wisser Mangel seines Herzens nur schlechten Vor-theil zog, ob er gleich so gut wie Gustav zu denThieren mit zwei Herzkammern und mit warmemBlute gehörte. — Wenn ich sage, daß der größteFehler des Mitarbeiters war, daß er keinen Brändt-wein trinken wollte, so steht man wohl, daß erklein, wie Gustav großgezogen werkcu sollte,weil er der netteste schwärzeste — Pudel war, derjemals über der Erde mit einer weißen Brustherumgesprungen war. Dieser verständige Hundund Unterlehrer lösete den Oberlehrer oft imSpielen ab; zweitens konnten die meisten Tugen-den nicht sowohl vonals an ihm durch Gustav aus-geübt werden, und er hielt dazu die nöthige» u n-gleichnamigen Laster bereit; —im Schlafbiß der Schulkvllege leicht um sich nach lebendi-gen Beinen, im Wachen nach abgezauseten.

In diesem unterirdischen Amerika hatten diedrei Antipoden ihren Tag, das heißt es war einLicht angezündet, wenn es oben bei uns Nachtwar — Nacht d. h. Schlaf hatten sie, wenn beiuns die Sonne schien. Der schöne Genius hattedes äußern Lärms und seiner Tagausflüge wegenes so eingerichtet. Der Kleine lag dann unten inseiner Karthause, während sein Lehrer Luft undMenschen genoß, mit zugeschnürten Augen,weil dem Zufall und der Kellerthür nicht zu trauenwar. Zuweilen trug er den schlafenden verhüll-ten Engel in die frische Luft und in die beseelendenSonnenstrahlen hinauf, wie Ameisen ihre Pup-pen den Brntflügeln der Sonne unterlegen.Wahrlich, wär' ich der zweite oder dritte Chodo-wiccky: so stand' ich jetzo auf und stäche zumeinem eignen Buche den Austritt in schwedischesKupfer, nicht blos wie unser herausgetragnerblaßrother Liebling unter seiner Binde in einemgegitterten Rvsenschatten schlummert und ähnlicheinem gestorbenen Engel, im unendlichen Tempelder Natur still mit kleinen Träumen seiner kleinenHöhle vor uns liegt —Es gibt noch etwas schöneres,Du hast Deine Eltern noch, Gustav, und siehstsie nicht; Deinen Vater, der mit dem von derLiebe verdunkelten Auge neben Dir steht und sichfreuet über den reinern Athem, der die kleineBrust beweget, und darüber vergißet, wie Du er-zogen wirst — und Deine Mutter, die an deinAngesicht, auf welchem die zweifache Unschuld derEinsamkeit und der Kindheit wohnt, die liebe-hungrigen Lippen presset, die ungesättigt bleiben,weil sie nicht reden und nicht schmeicheln dür-fen. ... Aber sie drückt dich aus deinem Schlum-mer heraus und Du mußt nach einer kurzen Zeitwieder in deine Plutos Höhle hinunter.

Der Genius bereitete ihn lange auf die Aufer-stehung aus seinem heiligen Grabe vor. Er sagtezu ihm: » wenn du recht gut bist und nicht unge-duldig, und mich und den Pudel recht lieb hast: sodarfst tu sterben. Wenn du gestorben bist: so sterb'ich auch mit und wir kommen in den Himmel (wo-mit er die Oberfläche der Erde meinte) — da istsrecht hübsch und prächtig. Da brennt man amTage kein Licht an, sondern eines so groß wie mein

Kopf steht in der Luft über dir und geht alle Tageschön um dich herum — die Stubendecke ist blauund so hoch, daß sie kein Mensch erlangen kann auftausend Leitern —und der Fußboden ist weich undgrün und noch schöner, die Pudel sind da so großwie unsere Stube — im Himmel ist alles voll Se-liger und da sind alle die guten Leute, von denenich dir so oft erzählet Habs, und deine Eltern, (de-ren Abbilder er ihm lauge gegeben hatte) die dichso lieb haben wie ich, und dir alles geben wollen.Aber recht gut mußt du sein." —"Ach, wann ster-ben wir denn einmal?" sagte der Kleine und seineglühende Phantasie arbeitete in ihm und er liefunter einer jeden solchen Schilderung zu einemLandschaftgemälde, worin er jede Grasspitze beta-stete und befragte.

Auf Kinder wirkt nichts so schwach als eine Dro-hung und Hoffnung, die nicht noch vor Abends inErfüllung geht — blos so lange man ihnen vomkünftigen Examen. oder von ihrem erwachsenenAlter vorredet, so lange hilfts; daher manche die-ses Vorreden so oft wiederholen, daß es nicht ein-mal einen augenblicklichen Eindruck mehr erzeugt.Der Genius setzte daher den langen Weg zur größ-ten Belohnung aus kleinern zusammen, die alleden Eindruck und die Gewißheit der großen ver-stärkten und die im folgende» Sektor stehen.

Apropos! Ich muß es nachholen, daß es unterallen Uebeln für Erziehung und für Kinder, wo-gegen das verschrieene Buchstabieren und Wixengolden ist, kein giftigeres, keinen ungesunder» Mis-pickel und keinen mehr zehrenden pädagogischenBandwurm gibt es als eine — Hausfranzösin.

Vierter Sektor oder Ausschnitt.

Lilien — Waldhörner — und eine Aussicht sind- die Todrs-An^eize».

Auf allen meinen Gedächtnißfibern (diesen Denk-fäden und Blättergerixpen von so manchem schlech-ten Zeug) schläft keine jchönere Sage als die ausdem Kloster Corbey: — wenn der Tvdesengeldaraus einen Geistlichen abzuholen hatte, so legteer ihm als Zeichen seiner Ankunft eine weiße Liliein seinen Chorstuhl hin. Ich wollt', ich hätte die-sen Aberglauben. Unser sanfter Genius ahmte demTvdesengel nach und sagte dem Kleinen "wennwir eine Lilie finden: so sterben wir bald." Wiealsdann der Himmellustige, der noch keine gesehen,überall darnach suchte! Einmal da sein Geniusihm den Genius des Universums nicht als ein me-taphysisches Nobinets Vexierbild, sondern als dengrößten und besten Menschen der Erde geschilderthatte: zog sich ein nie dagewesener Wohlgeruch umsie herum. Der Kleine fühlt, aber sieht nicht; ertritt zur Klause hinaus und — drei Lilien liegenda. Er kennt sie nicht, diese weißen Juniuskinder;aber der Genius nimmt sie entzückt von ihm undsagt: -> das sind Lilie», die kommen vom Himmel