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Die unsichtbare Loge.
dem Gustav, der ihn tröstend bei den Händenfaßte, ein wenig hinten ans Schulterblatt, da,wo nach den Kompendien der Milchsaft mit demBlut zusammenrinnt. »Ich Habs doch nicht hinge-stellt, "sagt' er—; "Ja ja! und hast mir nichtsgesagt," versetzte der Blinde und stieß ihn wieder,aber heftiger und doch weniger zornig.—„Schlag immer, ich hab' Dir nichts gethan" unddie Stimme brach meinem guten Helden — jenerschlug wieder nach und sagte: »ich bin Dir auchgar nimmer gut," aber so, als würd' er sogleich zuweinen anfangen. — "Ach Du hast Dir gewiß ei-nen Splitter eingestochen," fragte Gustav mit dermitleidigsten Stimme — mitten im Versuch zu ei-nem neuen Stoße glitt die dünne Eisrinde vomerwärmten Herzen AmanduS herunter, er um-faßte den Unschuldigen und sagte unter hellenZähren; --Du hasts ja nicht gethan und ich geb'Dir all' meine Spielwaare: schlag mich dochrecht-- und schlug stch selber. — — Blos die Em-pfindung der Liebe kämpft mit solchen bittersüßenSonderbarkeiten. Amandus gestand oft, nochimmer wandle ihn, wenn er jemand Unrecht ge-than, mitten in seiner Kränkung darüber dieNeigung an, fort zu beleidigen, um sich selber soweit fort zu kränken, daß er endlich vor L-chmerzsich mit der heißesten Liebe ans Versehrte fremdeHerz werfen müßte. Aber, o lieber Amandus!wenn gerade ein Pädagog in Gestalt einer Mo-ral die Thür aufgemacht hätte! —
Man muß niemals glauben, als wollt' ich hierpersönlichen Groll an sämmtlichen Hofmeisternauslasten: denn erstlich hatt' ich gar niemals ei-nen Hofmeister, zweirens war ich selber einerund em rechter.
Zwölfter Sektor.
Konzert — der Held bekommt «inen Hofmeistervon Ton.
Ich habe mich in einen neuen Ausschnitt bege-ben, weil ich darin dem Leser eine neue Personzu präsentieren habe — den Hofmeister meinesHelden.
Ich brauche keinen Menschen daran zu erin-nern, daß der Rittmeister ein so närrisches, baldzu gefügiges bald zu sprödes, moralisierendesmuthloses Ding als ein Informator ist, in Scheerausuchte, damit sein Kind zu gleicher Zeit mitdem Lande einen Regenten bekäme. Nun hatt'er eine Pathe da, welche advozierte, musizierte,badinierte, lorgnierte und Welt hatte; aber erhatte nicht den Muth, ihr in einem Pädagogium,dessen Schuljugend auf einen Mann belief, dieLehrstelle^ anzutragen. Ich will es nur heraussa-gen, daß ich selber diese Pathe und diese neuePerson bin; aber es wird meiner Bescheidenheitmehr zu statten kommen, wenn ich mich in einemSektor, wo ich so viel zu meinem Lobe vorbrin-
gen muß, aus der ersten Person in die dritte um-setze und blos sage Pathe, nicht ich.
Diese Pathe blies im Unterscheerauer Konzert,um mit der Flöte in die Sphärenstimme einessehr jungen Fräuleins von Rvper zu spielen, des-sen Kehle sich oft kaum von der Flöte scheidenließ. Die ganze Seele dieses Mädchens ist einNachtigallton unter Blütenüberhang; der Leib des-selben ist eine fallende himmelreine Schneeflocke,die nur im Aether Lauert und auf dem Koth desBodens zerläuft. Dem Flötenisten fiel währendden Pausen ein schönes in phantasierende Auf-merksamkeit Verlornes Kind in die Augen undauf das Herz: Gustav wars. Der erste Blicknach der Begleitung war auf die Nachbarschaftdes Kindes, um den Eigner desselben zu finden —der erste Schritt, den die Pathe that, war zur an-dern Pathe, zum Rittmeister, dessen Freundschaftmit mir bekannt genug ist. Das männliche Ge-schlecht ist glücklicher und neidloser als das weib-liche, weil jenes im Stands ist, zweierlei Schön-heiten mit ganzer Seele zu fassen, männliche undweibliche; hingegen die Weiber lieben meistensnur die eines fremden Geschlechts. Ich hab' abervielleicht zu viel Enthusiasmus für die erhabnemännliche Schönheit, so wie für poetische Schwär-merei, ungeachtet ich wenigstens letzte selber nichthabe. Aus Gustav wirkte die doppelte Zaubereiauf mich, ich vergaß alle Zauberinnen des Kon-zerts über den Zauberer; aber ich ward am Endetraurig, daß ich dem Schönen mehr Blicke alsWorte abzuschmeicheln vermochte. Auf das Kon-zert gab ich, gleich andern Zuhörern, ohnehin nurso lange Acht als ich selber ein Mitarbeiter waroder als eins meiner Schülerinnen spielte: denndie Scheerauer Konzerte sind blos in Musik ge-setzte Stadtgesprächs und prosaische Melodramen,worin die Sesselreden der Zuhörer wie gedruckterText unter der Kompostzion hinspringen. Uebri-gens unterzeichnen wir auf unsere Konzerte mehrunserer Kinder als unserer selbst wegen; die musi-kalische Schuljugend bekömmt darin einen Tanz-und Tummelplatz ihrer Finger, und von meinenartistischen Katechumenen kantschuet wöchentlich we-nigstens einer den Flügel. Ich frische die Elterndazu an und sage, in einem solchen Konzertsaalkernen die Kleinen Takt, weil da nicht nur genug,sondern auch überflüssig Takt ist, indem jeder da-sige Musikoffiziant seinen eignen originellen pfeift,hackt, streicht, stampft, nnd den erstlich kein andererneben ihm pfeift, hackt, streicht, stampft, und den erzweitens selber von Minute zu Minute umbessert.--Und wenn auch das nicht wäre, sag' ich, so ist Lochwahrer musikalischer Ausdruck im Ueberfluß da; je-der drückt darin seine Empfindungen, die der Ver-legenheit, des Erstarrens auf seinem Instrumenteaus; und Bachs Regel, Dissonanzen stark undKonsonanzen schwach vorzutragen, weiß in einemSaale jeder, wo die Konsonanzen so sanft einge-schmolzen werden, daß man fast keine hört undnur die Dissonanzen zu vernehmen meint.
Am andern Morgen flog ich unfrisiert zumRittmeister und — da ich den guten Kleinen umkeinen niedern Preis erhalten konnte — brachteihn ganz ans erste Ziel seiner Reise hinan, näm-lich das, einen Hofmeister mitzubekommen. Man
2 c» n Bau l's Werk e. I.
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