Die unsichtbare Loge
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muß nicht denken, daß ich Informator geworden,um Lebensbeschreiber zu werden, d. h. um pfif-figer Weise in meinen Gustav alles hinein zu er-ziehen, was ich aus ihm wieder ins Buch heraus-zuschreiben trachtete; denn ich brauchte es erstlichja nur wie ein Romanen-Manufakturist mir bloszu ersinnen und andern vorzulügen; aber zwei-tens, damals wurde an eine Lebensbeschreibunggar nicht gedacht.
Mir ist weit weniger daran gelegen, meineScheerauischsn Verhältnisse bekannt zu sehen,als der Welt; denn ich kenne sie schon. Aberdie Welt nicht. Ich formierte eine Dreieinig-keit von Personen da: ich war KlaviermeisterRechtSkvnsulent und Weltmann. Drei närrischeRollen! — Ich studierte in der Stadt, die sonstdie größten Juristen und jetzo die kleinstenHunde liefert, in Bologna, zwei ganz entgegen-gesetzte Lieferungen, wie Paris sonst die Universi-tät aller europäischen Theologen war, jetzo derPhisosophe n. In Paris war ich auch, hätteauch da ein geschickter Parlamensadvokat werdenkönnen; ich wollt' aber nicht und nahm nichts dar-aus mit (so wie aus Bologna und aus einigendeutschen Reichsstädten) als die schwarze juristischeKleidung, die ihren Grund hat; denn da unsereKlienten uns ernähren und bezahlen und mehrRecht und Noth als Geld behalten: so trauern wirPatronen um sie schwarz; hingegen bei den Rö-mern legten die Klienten, die mehr bekamen alsgaben, für den Patronus, wenn es ihm schlimmerging, Trauerkleider an.
Zweitens war ich Klaviermeister, aber vielleichtkein gesetzter; denn ich verliebte mich im erstenQuartal in alle meine Schülerinnen (für Schülerdankte ich) und richtete mich nach meinen Stun-den mit meinen Empfindungen. Ich hegte wahreZärtlichkeit, erstlich gegen eins Dame von Rang,die ich nie kompromittieren werde — zweitens ge-gen ihre Schwester, eine Aebtissi», weil sie Gene-ralbaß bei mir lernte — drittens gegen * * * —viertens gegen die Hofkaplänin, die zwar hektischaber geschmackvoll ist und die c-her zu viel als zuwenig Zierrathen an (nicht auf) dem Klaviereliebte und es auf das schönste wichste^ überzog undaufstellte — fünftens in die Residentin von Bouse,die gar nicht einmal die Sache weiß und an derenHüften und Reizen ich ordentlich vor Bewunde-rung dumm wurde, bis ich zum Glück ihre all-gemeine Koketterie und ihre Untreue gegen ihrenInkognito-Liebhaber verspürte — sechstens inden ganzen Scheerauer Hof, wo ich nach demRecht der todten Hand den Empfang einerlebendigen Hand, die eine Schülerin der meini-gen werden wollte, für eine Investitur zum gan-zen Herzen und Vermögen ansah,—siebentens so-gar in ein wahres Kind, in Beata (die obge-bachte Tochter von Röper), für welche ich alleWoche einmal bei schlechtem Wetter und eben soschlechtem Honorar aufs Land lief, und bei der angar nichts anders zu Lenken war als an Liebe —kurz in alles, in Laubknvspen, Blütknospen, Blütenund Früchte verschießet sich ei» Mensch, der einKlaviermeister ist. ^
Nun kommt der Weltmann. Ich kann michzwar meinen Lesern (wovon ich mir die Volkmenge
und richtigere Tabellen wünschte) nicht persön-lich zeigen; aber die Scheerauer, denen diesesBlatt vorkommt, werden hier aufgefordert, ihreGedanken zu sagen und abzuurteln, ob ein Mann,der der großen Welt täglich drei Klavierstundengibt, mehr ihr Lehrer als ihr Schüler ist. An-stand, Gang, geschmackvoller Anzug, Attitüden,steilrechte, wagerechte und queere, sind zwar nichtdie geforderten Vorzüge des Autors, obwohl desfeinen Gesellschafters, und können nicht gedrucktwerden; aber ich verfechte nur so viel, blos aneinem Hofe lernt mans, zumal bei einigem Einflußuns wenn man mitspielt, es sei am l'Hombretischoder am Klaviertisch *, der, wie manche Brustam Hofe, unter der stummen Holzplatte ein hol-des Saitensxisl verbirgt. Wenn man freilich wie-der in seinem Museum auf- und abgeht, untergroßen Büchern und großen Männern, begleitetvon der ganzen republikanischen Vergangenheit,emporgerichtet zur tiefen Perspektive der unend-lichen Welt hinter dem Grabe: so verachtet selberder Inhaber seine Konchylien - Vorzüge; er fragtsich, gibt es nichts bessers als über seine» Körper(anstatt über Leidenschaften) Herr zu sein und ihnso leicht zu tragen wie nach den drei ersten Glä-sern Champagner — seinen Ton in den allgemei-nen Ton hineinzusiimmen, weil an Höfen undKlavieren keine Taste über die andre hinausklin-gen darf — auf dem dünnen schaukelnden Breteder weiblichen Launen so fliegend wegzueilen, daßunsere Tritte die Schwankungen blos begleiten —schön zu tanzen und zu gehen so weit es mit einemlangen Bein thunlich ist (denn freilich wenn einKlaviermeister mit einem Kurzbei» zu kämpfenhat: so mag der Henker auf beiden so zierlich auf-stehen wie der Prinz von Artvis) — kurz allenVerstand zu Narrheit zu sublimieren, alle Wahr-heiten zu Einfällen, alle Kraftgefühle zu panto-mimischen Nachäffungen? — — Nichts bessers,fragt der Läufer im Museum, gibt es? —
— Etwas viel bessers gibts: ein Informatorzu werden im Ausnthal bei so einem Himmel -Kinde wie Gustav ist und den ganzen Spuk dru-cken zu lassen.—
Drrizchntor Sektor-
jfnudtraucr der Spiiflillwn—Zrhccraucr Fürst—fürstliche Schuld.
Der Kronprinz, auf dessen Zahlen der Rittmei-ster wartete, war noch auf der ausländischenKunstsiraße, von der er auf den Thron wie aufeinen Thurm hinauffuhr. Drei arme Spitzbubenhielten ihren Einzug noch. früher als er. Eskann erzählt werden: Seit dem Tode des Höchst-seligen — der Papst ist der Allerseligste — wurde
° Zch meine ein in die Gestalt eines Tisches verstecktesKlavier.