Band 
I.
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Die unsichtbare Loge

L85

zitternd flatterten bis die schwarze Schaltenfliftüber allem, was ander Erde blinket, steht undden Tod nachspielt — und wenn Ihr an desstummen Kabinets dreifache Gitter Alphör-ner und Aeols - Harfen lehnen sehet: so müssenEuere Seelen die Harmvnissn im Einklang Nach-beben. ... ES ist eine elende rhetorische Figur,die ich aufstelle, daß ich hier so lange an - undzugeredet habe: sind denn nicht die zwei Freundein einem größern Enthusiasmus als ich selbst?Ist nicht Amandus über freundschaftliche Eifer-sucht emporgehoben und hält eigenhändig dasheutige angeredete Porträt des unbekannten Gu-stavischen Freundes vor sich hin und sagt: "Dukönntest der Dritte sein?" Ja legt er nicht in derBegeisterung das Bild ins Gras, um mit derlinken Hand Gustav zu fassen und mit der rechtenauf ein Zimmer des neuen Schlosses zu deuten,uns gesteht er nicht, "hätt' ich auch in der rechtendas was ich liebe: so wären meine Hände, meinHerz und mein Himmel voll und ich wollte ster-ben?" lind da man nur in der größten Liebegegen einen Zweiten von der gegen einen Drittensprechen kann: können wir unserm Amandus mehransinnen, der hier auf dem Berge sein Verliebenin Beaten bekennt?-

DaS Unglück war, daß sie eben selber herauf-stieg, um am Sterbebetts der Sonne zu stehen —noch schöner als die, die ihre Augenlust war —immer langsamer gehend, als wollte sie jedenAugenblick still stehen — mit einem Auge, daSerst sah, nachdem sie es einigemal schnell auf-undzugezuckt — kein lebender europäischer Autorkönnte Amandus Entzückung vobnialen, wenn esdabei geblieben wäre; — aber ihr kleines Erstau-nen über die zwei Gäste des Berges floß plötzlichin daS über den dritten auf dem Grass über.Eins hastige Bewegung gab ihr das brüderlicheBild und sie sagte, unwillkürlich zu Amandusgekehrt: --meines Bruders Porträt! Endlichfind' ichs doch!-- — Aber sie konnte nicht vorbeigehen, ohne aus jenem weiblichen feinen Gefühl,das in solchen Manual-Akten zehn Bogen durch-hat, ehe wir das erste Blatt gelesen, zu beidenzu sagen: --sie dankte ihnen, wenn sie das Bildgefunden hätten" — Amandus bückte sich tief underboßet, Gustav war weg, als stände sein Geistauf dem Berg Horeb und hier blos der Leib — siewandelte, als wär'eS ihre Absicht gewesen, ge-rade über den Berg hinüber, mit den eignenAugen auf dem Bilde und mit den vier fremdenauf ihrem Rücken....

--Jetzt sind ja Deine fünf Tage heraus, undohne Deinen Meineid, -- sagte Amandus erzürnetund die hohe Oper des Sonnenuntergangs rührteihn nicht mehr; Gustaven hingegen rührte sienoch stärker; denn das Gefühl, Unrecht zu leiden,floß mit dem irrigen Gefühle, Unrecht angethanzu haben — zarte Seelen geben in solchen Fällendem andern allzeit mehr Recht als sich — in Einebittere Thräne zusammen und er konnte kein Wortsagen. Amandus, der sich jetzt über seine Ver-söhnung ärgerte, würd' in seinem eifersüchtigenVerdachte noch dadurch befestigt, daß Gustav inder pragmatischen Relazion, die er ihm von derMauffenbacher Avantüre gemacht, Beaten völlig

ausgelassen; allein diese Auslassung hatte Gustavangebracht, weil ihn beim ganzen Vorfall geradeder Zarten Gegenwart am meisten schmerzte undweil vielleicht in seinem wärmsten Innersten eineAchtung für sie keimte, die zu zart und heiligwar, um in der freien harten Luft des Gesprächsauszumauern. --Und sie war natürlich neulich mitin Mauffenbach?-- sagte der Eifersüchtige im fa-talsten Tons. — --Ja!-- aber so viel vermochteGustav nicht beizufügen, daß sie da kein Wortmit ihm gesprochen. Dieses dennoch unerwarteteJa zerstückle auf einmal des Fragers Gesicht, derseinen Stumpf in die Höhe gehalten (falls dieHand wäre abgeschossen gewesen ) und geschworenhätte, --es brauche weiter keines Beweises — Gu-stav halte Beaten sichtlich in seinem magnetischenWirbel — schweig' er nicht jetzt? Ließ er ihr dasBildniß nicht sogleich? Wird sie, da sie die Ko-pieen verwechselte, nicht auch die Originale ver-wechseln , da sie sich alle vier so gleichen u. s. w.?--

Amandus liebte sie und dachte, man lieb' ihnauch, und man merke, wo er hinaus wolle. Erhatte Delikatesse genug in seinen eignen H and-lungen,absr nicht genug in den Vermuthun-gen, die er von fremden hegte. Er hatte näm-lich oft an der medizinischen Seite seines Vatersdie sieche Beata in Mauffenbach besucht; er hattevon ihr jene freimüthige Zutraulichkeit erfahren,die viele Mädchen.in siechen Tagen immer äußern,oder in gesunden gegen Jünglinge, die ihnen tu-gendhaft und gleichgültig auf einmal vorkommen;das gute Partizipium in Uns, Amandus, muth-maßte daher nach einigem Nachdenken, daß einBrief, den Beata als ein Spezimen aus Nous-ieaus Helvise auf feinem Papier — auf grobesschreibt keine — verdvllinetschet hatte und der anden seeligen S. Preur geschrieben war, an dasPartizipium selber gerichtet wäre. Mädchen soll-ten daher nichts vertieren; Amandus war in ei-nen Liebhaber vertiert.

In Gustavs wogendem Kopf brach endlich d i eNacht an, die außer ihm vortrat; Stürme undMondschein waren in seiner neben einander,Freuds und Trauer; er dachte an einen unschul-digen vom Verdacht angefressenen Freund, andas eingebüßte Porträt, an die Schwester, mitder er einmal in seiner Kindheit gespielt hatte, anden unbekannten abgemalten Freund, der alsoder Bruder dieses schönen Wesens sei u. s. w. —Amandus brach einseitig auf; Gustav folgte ihmungebeten, weil er heute nichts als verzeihenkonnte. Noch unter dem Hinuntergehen rangenHaß und Freundschaft mit gleichen Kräften inAmandus und erst ein Zufall war einem von bei-den zum Siege vonnöthen — der Haß errang ihnund der Auriliar-Zufail war, daß Gustav parallelan Amandus Seite ging. Gustav hätte voraus-(oder höchstens hintennach) schleichen sollen, zu-mal mit seiner freundschaftlich gebeugten Seele;so hätte die FreunLichaft vermittelst seines Rü-ckens gesiegt, weil ein Menschenrücken durch denSchein von Abwesenheit mehr Mitleiden und we-niger Haß mittheilt als Gesicht, Brust undBauch.... Man kann die Menschen gar nicht oftgenug von hinten seken....

Ihr Bücherleser! keift nicht mit dem armen