288 Die unsichtbare Loge.
treffen wußte. Während er sie unterhielt, beo-bachtete er Gustavs Beobachten oder erröthendcsStaunen, der noch in seinem Leben vor keinersolchen Frau gestanden war, um welche sich alleReize hkrumschlange», verdoppelten, in einanderverloren, wie dreifache Regenbogen um den Him-mel. Und Du, Blumen-Seele, Beata, derenWurzeln auf dem irdischen Sgndboden so seltendie rechte Blumenerde finden, standest auch dabei,mit einer Aufmerksamkeit auf die Nesidcntin, dieeine unschuldige Maske Deiner kleinen Verwir-rung sein sollte.— Gustav brachte für seine großekeine Maske zu Stande. Oefel schrieb diese ge-genseitige Verwirrung nicht wie ich der gegentei-ligen Erinnerung an die Guido - Bilderstürmerei,sondern die Gustavische der Residentin, und dieweibliche sich selber zu-
--So hab' ich ihn denn, wo ich ihn haben will!"sagt' er und ließ sich von ihm bis ins alte Schloßbegleiten. "L pnoiios! Wenn wir nun beide dablieben!" sagt' er. Die aus anderen Gründenherausgeseufzete Antwort der Unmöglichkeit war,was er eben begehrte. "Gleichviel! Sie wer-den mein Legazionsskretär!" fuhr er mit seinemfeinen auf Uebsrraschung lauersamen Blicke fort,den er eigentlich niemal mit einem Augenliedebedeckte, weil er stets alles zu überraschenglaubte.
— Es lief aber einfältig für Oefel ab: Gustavwollte nicht, sondern sagte: nie! sei es nun ausFurcht vor Höfen, vor seinem Vater, aus Schaumder Veränderung, aus Liebe der Stille; kurzOefel stand dumm vor sich selber da und sah denschwimmenden Stücken seines gescheiterten Bau-risses nach. Es ist wahr, es blieb ihm doch derNutzen daraus, daß er den ganzen Schiffbruch inseinen Roman thun konnte — nur aber der Se-kretär war fort! — Er hatte ihn auch nicht un-vernünftig schon im voraus zum Gesandschaft-Sekretariat voziert; denn an den ScheerauerThron ist eine Leiter mit den tiefsten und denhöchsten Ehrensprossen angelehnt, die Staffeln aberstehen sich so nahe, daß man mit dem linken Beineauf die unterste treten und doch die höchsten nochmit dem rechten erspannen kann — wir hätten jabeinahe einmal einen Oberfeldmarschall erschaffen.Zweitens hängt und picht an Höfen wie in derNatur alles zusammen und Professvres sollten esden kosmologischsn Nexus nennen; jeder ist Lastund Träger zugleich; so klebt am Magnet das ei-serne Lineal, an diesem ein Linsalche», an diesemeins Nadel, an dieser Feilstaub. Höchstens nurwas aus dem Throne sitzt und was unte r ihmunten liegt, hat nicht Zusammenhang genug mit derwirksamen Kompagnie: so werden in der französi-schen Oper nur die fliegenden Götter und schie-benden Thiere von Savoyarden gemacht, allesübrige von der ordentlichen Truppe.
Also mußte Oefel die dritte Parallele ziehenund daraus auf den Kadetten schießen. Er machteihm nämlich seine Uniform täglich um einen Dau-men spannender und knapper, um ihn aus ihrhinaus zu ängstigen. Er hatte ihn schon neulichin dieser Absicht zum Getraid - Kordon versendenhelfen, wo dem warmen, nur an mildes Geben ge-wöhnten Jüngling scharfe Neins neue und harte
Pflichten waren; aber nun wurde der Dienst vonunten auf noch mehr erschwert, und die militä-rischen Uebungen zerbrachen beinahe seinen feinenporzellanenen Leib, so oft und strenge schleppte ihnder Nomanschreiber in die Gesellschaft des Vatersaller Friedenschlüsse, nämlich des Kriegs. —
Wie schmerzlich mußte die rauhe Außenweltseine wunde innere berühren! Vor ihm standseit seinem Zerfallen mit seinem sterbenden Lieb-ling, fest jener Trausrabend mit seinen Thränenuns wich nicht; aufsein verlassenes Herz schim-merte noch die bluthrothe Sonne und ging nichtunter. — Der stumme Abschied seines Amantus,der ihn und andre Wünsche verlor, die abnehmen-den Herbsttage seines Lebens und die vorige Liebedrückten sein Auge und Herz zum Trauern zusam-men. Die Freundschaft duldet Mißhelligkeitenweniger als die Liebe; diese kitzelt damit dasHerz, jene spaltet eS damit. Amandus, der ihnso mißverstanden und betrübet und doch dessen in-nigste Liebe nicht verloren hatte, verzieh ihm al-les bis Abends um fünf Uhr — dann hört' er(oder es war ihm genug, wenn er sichs nurdachte) daß Gustav den Park (und mithin dieSpaziergängern:) besucht hatte — dann nahm erseine Versöhnung bis aus eilf Uhr Abends zurück—dann legte die Nacht und der Traum wieder ei-nen Mantel auf alle Fehler der Menschen undauf diesen. Abends um fünf Uhr fing es von dor-nen an. Lacht ihn aus, aber ohne Stolz, undmich und Euch auch; denn alle unsere Empfindun-gen sind, — ohne ihre Löwen und-Narrenwärte-rin, die Vernuft — eben so toll, wenn nicht inunserem Leben, doch in unserm Innern! — Aberendlich hatte er seine Verzeihung so oft zurückge-nommen, daß ers bleiben lassen wollte, falls nurGustav anklopfte und von ihm alle die Beschuldi-gungen anhörte, welche er ihm zu verzeihen vor-hatte. Man schiebt oft das Vergeben auf, weilman das Vorwerfen aufzuschieben gezwungenist.— Aber, trauter AmanduS, konnt' er dennkommen, Gustav, und ließ ihn der !tomun-cior? —
Letzter triebs noch weiter und kartete es listigab, daß Gustav, dieser Großsultan, dieser Heldzweier gut geschriebener Bücher, an einem Abend,wo der Kadettengensral großes Koupü gab, vordessen Haus kam als — Schildwache. BeimHenker! wenn die schönsten Damen vorfahren , diebekannte Residentin — die mit einem zufälligenBlick unsre gute Schildwache ausbälgte undausgestopft unter ihrer Hirnschale aufstellte—undihr Gesellschaftfräulein Beata, und wenn manvor solchen Gesichtern das Gewehr präsentierenmuß: so will inans viel lieber strecken und über-haupt statt stehen kuieeu, um nicht sowohl denFeind zu verwunden als die Freundin. . . .Beim Henker! ich werde hier mehr Witz gehabthaben als'wohl gern gesehen wird; aber eS ver-such' eS einmal ein lebhafter Mann und schreib'über die Liebe und entschlage sich des Witzes! —Es geht fast nicht. — Ich behaupt' es nicht undwiderleg' es nicht, daß Oefel vielleicht aus LeuTräumen Gustavs, die immer sprechend und oftnachdem Erwachen nachwirkend waren, die Na-men der gedachten weiblichen Schönheit-Ambe