Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

307

denn — fragt er — die Residentin vor? Will sieaus Gustav ein gezähntes Kammrad schnitzen, dassie in irgend eine unbekannte Maschine setzet? —Oder bauet sie den Jägerschirm und zwirnt diePrallnetze, um ihn zu fällen und zu fangen? —Wird sie wie jede Kokette dem ähnlich, der ihrnicht ähnlich werden will, wie nach Platner derMensch das was er empfindet, so sehr wird, daßer sich mit der Blume bückt und mit den Felsenhebt?«

— — Der Leser bemerke, daß der Leser selberhier Witz hat, und gehe weiter!-

»Oder, (geht er also weiter) geht die Nesiden-tin nicht so weit, sondern will sie aus Edelmuth,worüber man oft die optischen Kunststücke ihrerKoketterie verzeiht, den schönsten uneigennützig-sten Jüngling aus den schönsten uneigennützig-sten Gründen aussuchen und ausbilden? — Oderkönnens nicht auch alles bloße Zufälle sein — undnichts leuchtet mir so ein — an welche sie, alsNmnerin durch Lusthaine, die flatternde Schlingeeine- halben Planes fliehend befestigt, ohne inihrem Leben am andern Tag nach dem strangulier-ten Fang der Dohnenschnait im mindesten zusehen? — Oder irr' ich gänzlich, lieber Autor,und ist vielleicht von allen diesen Möglichkeitenkeine wahr?" — Oder, lieber Leser, sind sie alleauf einmal wahr und Du errathest darum eineLaunenhafte nicht, weil Du ihr weniger Wider-sprüche als Reize zutrauest? — Der Leser bestär-ket mich in meiner Bemerkung, daß Personen,die niemals die Gelegenheit haben konnten, dergroßen Welt tägliche Klavierstunden zu geben,(wie z. B. leider der sonst treffliche Leser,) zwaralle mögliche Fälle irgend eines Charakters vor-zurechnen, aber nicht den wirklichen auszuhebenvermögend sind. — Uebrigens verlasse sich der Le-ser auf mich, (der ich schwerlich ohne GrundVorzüge verkleinern würde, die mir selber ansi-tzen,) übrigens hat er die Armuth an gewissenkonvenzionellen Grazien, an gewissen leichten nie-dlichen und giftigen Reizen, die ein Hof nieversagt, weit weniger zu bedauern als andreHöflinge — der Autor wünschte nicht darunter zugehören — ihren Reichthum an dergleichen Gift-SpezieS wirklich zu beklagen haben; denn aufdiese Art blieb er ein ehrlicher und gesunderMann, der H. Leser; aber wer ihn kennt,würde der Bürge gewesen sein, daß er, fallsalle Bänder und Zügel der großen Welt an ihmgezuckt und gezogen hätten, außer seiner Ehrlich-keit au.ch seine Unähnlichkeit mit den Leuten vonTon behalten hätte, die die Mißhandlung desschönsten Geschlechts mit Verlorner Stimme undVerlornen Waden büßen, wie (nach den ältestenTheologen) die Weiber-Versucherin, die Schlange,die vorher reden und gehen konnte, durch dieaktive Verführung Sprache und Beine ver-scherzte?...

Dreißigster oder XXIII. Trinitatis»Sektor.

Souper und Uiehgloclir».

Heut' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammer-schmied, so abscheulich lang und schwer ist derdreißigste Sektor. — Da Gustav von Oefel er-fuhr, daß ein kleines Souper bei der Resident!»so viel heiße wie bei unS das größte, so theilte erin seinem Kopf, eh' er es zieren half, Personen, und Rollen aus, und sich die längste: — den ein-zigen Fehler beging er allemal, daß wenn er end-lich auf die Bühne kam und spielen sollte, ernicht spielte. Eh' er in eine große Gesellschaftging, wußt'er Wort für Wort, was er sagenwollte; kam er wieder heraus, so wußt' er (in derKulisse) auch, was er hätte sagen sollen-aber gesagthatt' er darin weiter nichts. ES kam nicht vonMenschenfurcht; denn es war ihm fast leichter,etwas Kühnes als etwas Witziges zu sagen: son-dern davon kams, daß er das Gegentheil einerFrau war. Eine Frau lebt mehr außer als in sich,ihre fühlende Schnecken-Seele legt sich fast a u -ßen um ihre bunte Körper-Konchilie an, sie ziehtihre Fühlfäden und Fühlhörner nie in sich zurück,sondern betastet damit jedes Lüftchen und krümmtsie um jedes Blättchen — mit drei Worten: dasGefühl, das der Arzt Stahl der Seele von derganzen Beschaffenheit ihres Körpers zuschreibt, istbei ihr so lebendig, daß sie in Einem fortfühlt, wie sie sitzt und steht, wie das leichteste Bandaufliegt, welchen Zirkelbogen die gekrümmte Hutfe-der beschreibt — mit zwei Worten: ihre Seelefühlt nicht nur den Tonus aller empfindlichenTheile des Körpers, sondern auch den der unem-pfindlichen, der Haare und der Kleider — mit Ei-nem Worte: ihre innere Welt ist nur ein Welt-theil, ein Abdruck der äußern.

Bei Gustav aber nicht; seine innere Welt stehtweit abgerissen neben der äußern, er kann vonkeiner in die andre, die äußereist nur der Tra-bant und Nebenplanet der innern. Seiner Seele— in den Gehirn-Weltglobus, den der Hut be-deckt , eingesperret — verbauen die bunten eignenGewächse, auf denen sie sich wiegt und vergißet,die Aussicht auf die Gegenstände jenseits ihresKörpers, die nur dünne Schatten auf ihre Ge-danken-Auen werfen; sie sieht also die äußereWelt nur dann, wenn sie sich ihrer erinnert;dann ist diese in die innere versetzt und verwan-delt. Kurz Gustav beobachtet nur das, was erdenkt, nicht was er empfindet. Daher weiß erniemals seine Ideen und Worte mit den vorüber-schießenden Ideen und Worten andrer Leute zuamalgamieren. Der Hofmann schraubt auf undzu, und die Kaskade» seines Witzes springen undschimmern — Gustav hingegen wirft erst den Ei-mer in den Ziehbrunnen und will darin denTrunk mit der Zeit heraus drücken. — Eine fei-nere Ursache geb' ich unten an.

Oesel rühmte ihm am Morgen dieses wichtigen