Die unsichtbare Loge
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die beiden Tröpfe, sich sämmtlich von einander,nicht im Dasein, sondern im Grade der Liebe ge-gen beide Ohnmächtige. Der größte Schreckenüber den pantomimischen Schlagfluß ist, sagte dasohnmächtige Paar, das Notariatsiegel der größtenLiebe. Da also Oefel vor drei Wochen Beatenseinen Svndier-Tod vormachte: so zitterte unterallen Schaul-Fichüs, die da waren, kein so zartesund mitleidiges Herz als ihres, das weder frem-den Betrug noch eigne Härte kannte. Gleichgül-tig legte sich Oefel in den optischen Tod; verliebtstand er wieder auf, und er hätte mit seiner schein-baren Ohnmacht beinahe eine wahre gewirkt.»Ich konnte sie nur seitdem nicht darüber spre-chen," sagt' er. Gustav kämpfte mit einem gro-ßen Seufzer, nicht über Oefels gefühllose Eitelkeit,sondern über sich selbst und über Oefels Glück.--O Beata, in dieser Brust — redete sie sein In-nerstes an — hättest Du ein verschwiegneres undaufrichtigeres Herz gefunden als das ist, das Duihm vorziehest — es würde sein Glück verborgenhaben wie jetzt seine Seufzer — es wäre Dir ewigtreu geblieben — ach es wird Dir doch treu blei-ben !" — Dennoch empfand er das Ekelhafte inOefels Eitelkeit nicht ganz, weil ein Freund sichunjerem Ich so sehr inokuliert und damit verwäch-set, daß wir seine Eitelkeit so leicht wieunsre eigne und aus gleichen Gründen über-sehen.
Da es meinem Gustav im Buche wie im Lebengehen kann: so hätt' ich folgende Anmerkung nocheher machen sollen: niemand war leichter zu ver-kennen als er — alle Stralen seiner Seele brachdie Wolkenhülle milder Demuth, ja seitdem Oefelihm Stolz auf dem Gesichte vorgeworfen, sucht'er gerade so demüthig auszusehen als er war —sein AeußereS war still, einfach, voll Liebe, ohneAnsprüche; aber auch ohne durchbrechenden Witzund Humor — Phantasie und Verstand arbeite-ten in ihm wie in einem einsamen Tempel Altar-blätter mit großen Massen, und ließen mithinnicht wie andre, Oosenstücke und Medaillons vonder Zunge purzeln — er war was Descartes vonder Erde glaubt, eine inkrustierte Sonne, aberunter den phosphoreszierenden Lichtern des Hofesein dunkler Erdkörper — er war das äußere Ge-gentheil von Ottomar, der mit seiner Sonneseine Kruste durchgebrannt hatte und nun vor denLeuten stand blitzend, knisternd, glühend, an-reißend , einäschernd und ausbrütend — GustavsSeele war ein gemäßigtes Land ohne Stürme,voll Sonnenschein ohne Sonnenhitze- ganz mitGrün und Knospen überzogen, ein magischesItalien im Herbst: Ottomars seine aber war einPolarland, das sengende lange Tage, lange Eis-Nächte, Orkane, CiS-Berge und Tempische Thä-ler-Fülle durchstrichen.-
Der Gustavischen Bescheidenheit kam also nichtsnatürlicher vor, als daß Beata einen, der seinenGeist und Körper so gut zu zeigen wußte, überihn stellte, der beides nicht konnte und der dazueinmal ihren Vater halb todt geärgert hatte.Sein Blut ging mithin langsam traurig, da erzur Residentin schlich. ES war ihm, als könnt' erheute sie als seine Freundin ansehen — das thater wirklich halb, als sie ihm noch dazu ein eben
so trauriges Air und Gesicht entgegen trug, demähnlich, in dem eine Frau eine Woche nach demVerlust ihres Geliebten mit leeren Augen und er-kalteten Wangen am meisten rührt. Es sei, sagtesie, der Sterbetag ihres jüngsten Bruders, densie und der sie am meisten geliebt. Sie ließ sichin Trauerkleidung malen. Nichts wirkt stärkerals der Lustige, der einmal in die Halbtöne desKummers fällt. Gustav hatte überhaupt zu vielZuneigung für Menschen, in deren Ohren dasTrauergeläute irgend eines Verlustes wiedertönte;ein Unglücklicher war ihm ein Tugendhafter. DieResidentin sagte ihm, sie hoffe, er werde denheutigen Kummer aus ihrem wirklichen Gesichtewegmalen und ihn blos ins gemalte bannen — siehabe deswegen diese Zerstreuung auf heute verlegt
— morgen sei ihr gewiß besser — sie spielte nachlässigmit der bloßen rechten Hand einige Tänze, abernur ein Paar Takte und mit vergeblichemKampf gegen ihren Trübsinn — er sollte ihr etwaserzählen eh' er anfinge, damit er nicht einemGesicht, das sie nur ein paar Tage im Jahr trüge,ein ewiges Leben in seinen Farben gäbe. Aber erhatte noch am Hofe weder Stoff noch Manier zuerzählen gewonnen — endlich fiel sie auf seine un-terirdische Erziehung. Blos ihrem heutigenGesichte war er so etwas in dem Wolkenbruch vonHerzcrgießung, den er seit Amandus Groll ent-behret hatte, zu erzählen fähig. Da er fertigwar, sagte sie:--zeichnen Sie nur; Sie hätten miretwas anders erzählen sollen.--
Sie nahm ihre kleine Laura auf den Schvoß
— dem Fürsten, der ein leidenschaftlicher Thier-
maler ist, mußte sie statt mit der Kleinen, miteinem Seidenpudel sitzen -— welche Gruppe fälltaber jetzt sein Auge, sein Herz und seine Zeichen-feder an, um Liese drei Dinge zu verrücken!Sie zittern wenigstens alle, indem die-Mutterdie Händchen der Laura in eine malerische undkindliche Umschlingung legt — indem sie schweigend,traurend, mit den Lippenwellen gegen den Kum-mer des Auges streitend, ihm denkend in das seineblickt und mit der nächsten Hand das Haar derKleinen spielend krümmt-Wahrhaftig zehn-
mal dacht' er: wenn ein Engel einen Körperumthun wollte, der menschliche wäre nicht zuschlecht dazu und er könnte in-dieser Reise-Uni-form in jeder Sonne erscheinen!
Seine Zeichnung wurde so treffend, daß der Re-sidentin vielleicht ein Paar Unähnlichkeiten liebergewesen wären — sie hätten größere Aehnlichkeitihres zweiten Bildes in ihm angesagt. Sie kamjetzt durch sanfte, nicht — wie sonst scherzhaft-springende Uebergänge von seinem Maler - Lohnund von ven Nachtheilen seiner Erziehung auf dieVorbereitungen zu seiner Legazionroile — siedeckte ihm, aber mit langsamer vertraulicherHand, seinen Mangel an Welt auf, sie bot ihmihren Zutritt zu sich an und lud ihn zum Souperauf Morgen ein. — --Aber Vormittags, setztesie lächelnd hinzu, kommen Sie nicht schon;Beata will durchaus nicht gemalet sein.--
— — Der Leser hat im ganzen Buche nochnicht drei Worte reden oder schreiben dürfen : jetztwill ich ihn ans Sprachgitter oder ins partolrlassen und seine Fragen nachschreiben. --Was hat