Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

«erschienen und hat mir wieder Deine Hand gege-«ben." . . . Sie suchte auf das Grab desselbenaufzusinken — aber er hielt den fallenden Engelin seinen Arme» auf — er ließ ihr entschlummer-tes Haupt unter seines fallen und unter ihremflockenden Herzen glühten die Schläge des seini-gen — es war eine erhabene Minute, als er dieArme um eine schlummernde Seligkeit gelegt,einsam ansah die auf der Erde schlafende Nacht,einsam anhörte die allein redende Orgel, einfamwachte im Kreise des Schlafs. .. .

Die erhabene Minute »erging, die seligste singan; Beata erhob ihr Haupt und zeigte Gustav unddem Himmel auf dem zurückgebogenen Angesichtdas irre überweinte Auge, die erschöpfte Seele,die verklärten Züge und alles was die Liebe unddie Tugend und die Schönheit in Einen Himmel

dieser Erde drängen können.-Da kam der

überirdische durch tausend Himmel auf die Erdefallende Augenblick hier unten an, der Augenblick,wo das menschliche Herz sich zur höchsten Liebs er-hebt und für zwei Seelen und zwei Weltenschlägt, — der Augenblick vereinigte auf ewig dieLippen, auf denen alle Erdenworte erloschen, dieHerzen, die mit der schweren Wonne kämpften,die verwandten Seelen, die wie zwei hoheFlammen in einander schlugen.. ..

— Begehrt kein Landschaftstück der blühendenWelten von mir, über welche sie in jenem Augen-blicke hinzogen, den kaum die Empfindung, ge-schweige die Sprache fasset. Ich könnte eben sogut einen Schattenriß von der Sonne geben. —Nach jenem Augenblicke suchte Beata, deren Kör-per schon unter einer großen Lhräns wie einBlümchen unter einem Gewittertropfen umsank,sich aufs Grab zu setzen; sie bog ihn sanft mit dereinen Hand von sich, indem sie ihm die andreließ. Hier schloß er seine weite Seele auf undsagte ihr alles, seine Geschichte und seinen Traumund seine Kämpfe. Nie war ein Mensch aufrich-tiger in der Stunde seines Glücks als er; niewar die Liebe blöder nach der Minute der Umar-mung als hier. Bei Beaten schwamm wie alle-mal, das Freudenöl dünn auf dem Thränenwaffer;ein vor ihr stehendes Leiden sah sie mit trocknenfesten Blicken an, aber kein erinnertes uud keinevor ihr stehende Freude. Sie hatte jetzv kaumden Muth zu reden, kaum den Muth sich zu erin-nern, kaum den Muth, entzückt zu sein. Zu ihmhob sie das scheue Auge nur hinauf, wenn derMond, der über eine durchbrochne Treppe vonWolken stieg, hinter einem weißen Wölkchenverschüttet stand. Aber als eine dickere Wolkeden Mond - Torso begrub: so endigten beide denschönsten Tag ihres Lebens und unter ihrer Tren-nung fühlten sie, daß eS für sie keine andregebe. —

Im einsamen Zimmer konnte Beata nicht den-ken, nicht empfinden, nicht sich erinnern; sie er-fuhr was Freudenthränen sind; sie ließ sie strö-men, und als sie sie endlich stillen wollte, konntesie nicht, und als der Schlaf kam, ihre Augen zuverschließen, lagen sie schon unter himmlischenTropfen bedeckt. — —

Ihr unschuldigen Seelen, zu Euch kann ich bes-ser wie zu Verstorbenen sagen: schlaft sanft! Ge-

meiniglich gefallen uns, nämlich mir und demLeser, die Bravour- und Force - Rollen der Ro-manen - Liebhaber schlecht, weil entweder die einePerson nicht würdig ist, solche Lichtwolkenbrücheder Freude zu genießen, oder die andere, sie zuveranlassen; hier aber haben wir beide gegennichts etwas. ... Wollte nur der Himmel, IhrLiebenden, Euer lahmer Lebensbeschreiber könnteseine Feder zu einem Blanchards - Flügel machenund Euch damit aus den Grubenzimmerungenund Grubenwettern des Hofes in irgend einefreie Pappelinsel tragen, sie seiln, Süd - oder imMittelmeer! — Da ichs nicht kann, so denk' ichmirs doch; und so oft ich nach Auenthal oderScheerau gehe, so zeichne ich mir es aus, wieviel ich Euch schenkte, wenn Ihr in jenem Pap-pel- und Rosenthal, das ich in Wasser gefassethätte, ohne den deutschen Winter, unter ewigenBlüten, ohne die Schneide - Gesichter der mora-lischen Fabrikanten, ohne ein gefährlicheres Mur-meln als das der Bäche, ohne festere Verstrickun-gen als die in verwachsenen Blumen, und ohneden Einfluß härterer Sterne als der friedlichenam Himmel, in schuldloser Wonne und RuheAthem holen dürftet — nicht zwar immerfort,aber doch die Paar Blumenmonate Eurer erstenLiebe hindurch.

Das ist aber unmenschlich schwer, und ich binam wenigsten der Mann dazu. Ein solches Glückist schwer zu steigern und eben darum schwer zuhalten. Werde lieber hier ein Wort vom Glückeeines schreibeseligen Kränklings vorzubringen er-laubt, der doch auch eines haben will und dereben der Beschreibet der vorigen Seligkeit selberist, ich meine nämlich ein Wort von meiner kran-ken Persönlichkeit. Vom Kuhstall bin ich wiederherauf und von der Lungensucht glücklich genesen; nurder Schlagfluß setzet mir seitdem mit Symptomenzu und will mich erschlagen wie einen Maulwurf,gerade indem ich wie letzter seinen Hügel, so denbabylonischen Thurm meines gelehrtenRuhms auswerfe. Zum Glück geb' ich mich ge-rade mit Hallers großer und kleiner Physiologieab und mit Nikolais mnterln meckiea und mitallem Medizinischen, was ich geborgt bekomme,und kann also mit meinen medizinischen Kennt-nissen auf den Schlagfluß ein tüchtiges Kartät-sch enfeu er geben. Das Feuer mach' ich anmeinen Füßen, indem ich das lange Bein in einengroßen Pelzstiefel wie eine Vorhölle setze, unddas zusammengegangne in ein Pelz -Schnürstiefel-chen: ich habe die ältesten Mond - Doktores undPestilenziarien auf meiner Seite, wenn ich mireinbilde, Laß ich gleich einem Demokraten durchdiese Stiefel — und ein breites Senfpflaster, wo-mit ich wie mehre Gelehrte meine Füße besohle— die matevin zieeonns aus den obern Theilenin die niedern Heruntertreiben könne. Gleich-wohl geh' ich weiter, wenns gefriert. Ich schabeund kerbe mir nämlich eine hohe Eismütze * aus,und denke unter der gefrornen Schlafmütze: als-dann wirds kein Wunder sein, wenn die Apoplexieund ihre Halbschwester, die Hemiplexie—durch mich

° Ausgehöhltes Eis wird bekanntlich auf den Kopf gelegt,wenn Kopfschmerzen, Schwindel, Tollheit darin sind.

Zean Baul's Werke. I.

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