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Die unsichtbare Loge.
dents abmalten und abstraften: so war in seinenErzählungen der Süden der Lehnträger und Pas-quino des Nordens. Die sanfte Menschen-Dul-dung, die er sich in seinem letzten Briefe vorge-setzt, hielt er nicht länger als bis er ihn gestipptund gesiegelt hatte — oder so lang' er spazierenging — oder während der sanften Nerven-Herab-schraubung nach einem Weinrausch. Auch warihm wenig daran gelegen, von denen geachtet zuwerden, die er selber nicht achtete; mitten untergroßen philosophischen, republikanischen Ideenoder Idealen wurden ihm die Kleinigkeiten derGegenwart unsichtbar und verächtlich, jetzt zumalwo die künftige Welt oder die künftigen Weltendie dünne verfinsterte, auf der er »ach jenen hin-sah, wie man durch daS geschwärzte Sehrohr kei-nen Gegenstand erblickt als die Sonne. Sobrachte er z. B. fünf groteske Minuten bei derResidentin damit zu, daß er — da den eigentli-chen Körper der Seele nur Gehirn und Rücken-mark und Nerven ausmachen — den vernünftigstenHofdamen und den schönsten Hofherren die Hautabschund in Gedanken, ihnen ferner die Knochenherauszog und das wenige Fleisch und Gedärm,waS sie umlag, wegdachte, bis nichts mehr aufder Ottomane saß als ein Mark-Schwanz mit ei-nem Gehirn-Knauf oben dran. Darauf ließ erdiese umgekehrten Klöppel oder aufgerichtetenSchwänze gegen einander anlaufen und agierenund Fleuretten sagen, und lachte innerlich überdie gescheitesten Leute von Geburt, die er selberskalpiert und abgeschuppet halte. DaS nennenviele daS philosophische Pasquill.
Aus dem neuen Schloß eckt' er inL alte zu Gu-stav, der ihn zu fliehen schien. Aber auf welcheArt er mit Gnstav schon längst bekannt geworden,wie er ihm den ersim Brief geben können, warumer wie Gustav (noch jetzt) sich an einen un-bekannten Ort regelmäßig verfügte, warum ervon ihm geflohen wurde, und was sie mit einan-der im alten Schlosse für ein dreistündiges Ge-spräch gehalten, das sich mit der wärmsten Liebein beiden Herzen schloß — darüber Leckt sich nochein langer Schleier, den meine Muthmaßungennicht aufheben können; denn ich habe allerdingsverschiedene, aber sie klingen so außerordentlich,daß ichs nicht wage, sie dem Publikum eher vor-zulegen als bis ich sie besser rechferligen kann.Jede Ader, jeder Gedanke und Herz und Augewurden in Gustav weiter und vergrößerten sichfür eine neue Welt, da er mit dem genialenMenschen sprach. O was sind die Stunden derseelenverwandtesten Lektüre, selbst die Stundender einsamen Emporhebung gegen eine Stunde,wo eine große Seele lebendig auf Dich wirkt unddurch ihre Gegenwart Deine Seele und DeineIdeale verdoppelt und Deine Gedanken verkör-pert? —
Gustav nahm sich vor, sich aus dem Schlosse zuOttomar zu begeben, um es zu vergessen, wernoch weiter darin fehle. Es war ein stummerauSgewölkter Abend, ein Schatte nicht des schonweit weggezognen Sommers, sondern des Nach-sommers, als Gustav aufbrack, nachdem er vergeb-lich auf die Rückkehr und Gesellschaft des Doktorsgewartet hatte. In der leeren Luft, Lurch die
keine gefiederte Töne, keine klopfende Herzenmehr flogen, zeigte sich nichts Lebendiges als dieewige Sonne, die kein Erdenherbst bleicht undfället, und die ewig offen unsern Erdball immer-fort ansieht, indeß unter ihr tausend Augen sichöffnen und tausend sich schließen. An einem solchenAbend springt der Verband von alten Wunde» auf,die wir in uns tragen. Gustav kam still im Dorfe an;am Eingänge des Gartens, der das OttomarscheSchloß halb umlief, stand ein Knabe, der die erha-bene Melodie eines erhabenen Lieds''" auf einer Dreh-orgel dem Gehör eines Kanarienvogels vordrehte,der sie singe» lernen sollte. "Ich krieg' schon viel,wenn ers pfeifen kann/- sagte der winzige Orga-nist. An einen Banm gelehnt stand Ottomar derweiten Abendröthe und diesen Abendtönen gegen-über; die Sonne außer ihm ging, hinter einerbleifarbenen großen Wolke in ihm, unter. Gu-stav mußte, eh' er ihn erreichte, vor einer dichtenNische und einem alten Gärtner darin vorbei, anwelchem ihn zweierlei wunderte, daß er ihm erst-lich mit keinem Worte für seinen Gntenabenddankte, und zweitens, daß so ein alter vernünftigerMann ein Kindergärtchen auf dem Schoße hatteund besah. Durch die Laube nahm er an einerSonnenuhr eine Erhöhung wie ein Kindergrabund einen Regenbogen von Blumen wahr, der esumblühte und überlaubte; auf der Erhöhung la-gen die Kleider eines Kindes so geordnet als wär'etwas darin und hätte sie an. Ottomar empfingihn mit einer Sanftheit, die man nur in heftigenCharakteren in so unwiderstehlichem Grade fin-det, und sagte mit leiser Stimme: --er feiere denTodestag aller Jahrzeiten und heute wäre desNachsommers seiner.-- Sie kamen, indem sie insSchloß ginge», vor dem Gärtner vorbei und ernahm den Hut nicht ab — ferner vor dem leerenKleid auf dem Grab, und es lag »och unter denBlumen und vor dem Klavieristen, der noch dasLied spielte: Jüngling, den Bach der Zeit ic.Da wir das Feierliche nur in Büchern, selten imLeben finden: so wirkt es im letzten nachher destostärker.
Man muß noch merken, daß in Ottomar derAusdruck der stärksten Gefühle durch eine gewisseSanftheit, womit sein Weltumgang und sein Al-ter sie brach, unwiderstehlich in den stillen Stru-del zog. Er öffnete — Kinder waren die Lakaien— ein Zimmer des dritten Stockwerks. DieHauptsache waren nicht darin die Gemälde mitschwarzen Gründen und weißen Särgen, oder dieWorte über den Särgen: --darin ist mein Vater,darin meine Mutter, darin meine Frühlinge,-- —auch der sehr große gemalte Sarg nicht, worüberstand: --darin liegen sechs Jahrtausende mit allenihren Menschen.-- — Sondern das Wichtigste wardas Ungemalte, wovor sich Gustav tief bückte;eine schöne Frau, die sich zu einem unserm Gustavfast ähnlichen Kinde herabneigte, weil es ihr et-was leise sagen wollte; ferner bückt' er sich voreinem alten Offizier in Uniform, der- eine zerris-
» »Jüngling, den Bach der Zeit hingb schau' ich, in dasWellcngrab des Lebens, hier versank es ic.» Der Anfangheißet eigentlich: Traurig ein Wandrer saß am Bach, sahden fliehenden Wellen nach Volkslieder.