334 Die unsichtbare Loge.
kann. — Du höherer Funke wirst in meinemHerzen für ste fortglimmen, wenn es Thränenüberschwemmen, ober Unglück zusammendrücktoder der Tod einäschert. . . . Beata! auf derErde kann kein Mensch dem andern sagen, wie erihn liebe. Die Freundschaft und die Liebe gehenmit verschlossenen Lipven über diese Kugel undder innere Mensch hat keine Zunge. — Ach, wennder Mensch draußen im ewigen Tempel, der sichbis an die Unendlichkeit hinaufwölbt, mitten imKreise von singenden Chören, heiligen Stätten,opfernden Altären, vor einem Altare betäubt nie-derfallen und beten will: o so sinkt er ja so gutwie seine Thräne zu Boden und redet nicht! —Aber die gute Seele weiß, wer sie liebt undschweigt; sie übersieht das stille Auge nicht, das siebegleitet, sie vergipset das Herz nicht, das stärkerklopft und doch nicht reden kann, und den Seufzernicht, der sich verbergen will. — Aber, Beata,doch! — wenn einmal dieses Auge und diesesHerz ihr Schweigen geendigt, wenn sie in derseligsten Stunde mit allen Kräften der liebendenNatur zur geliebten Seele haben sagen dürfen-ach liebe Dich: " so ists hart und schwer, wiederstumm zu werden, es thut so wehe, das empvrge-hobns flammende drängende Herz wieder in eineenge kalte Brust znrückzudrücken — dann will imInnersten die stille Freude in stillen Kummer zer-rinnen und schimmert traurig in diesen, wie derMond in den Regenbogen, den die Nacht auf-richtet... Beata, ich kann keine Bitten habenund keine wagen; ich kann mir das Eden malen,das mir Beatens Blicke und Worte gebe» können,aber ich darf es nicht begehren; ich muß aus Uferdes Silberschattens, der uns schon im Traum undjetzo wie ein breiter Strom im Leben scheidet,mich mit allen meinen Wünschen heften; aber,Theuere, w.enn ichs nicht zuweilen höre, wem,das kostbarste Herz sich geschsnket hat, wie soll ichden Muth behalten, es zu glauben? — Wenn ichdieses holde Herz unter so viel guten und erhöh-ten Menschen erblicke und dann zu mir sagenmuß, ach Ihr aste verdient es gleichwohl nicht:so sinkt ein freudiges Staunen auf mich, daß esmeiner Seele sich gegeben, nnd ich glaub' es kaum.Geliebte! tausend waren Deiner würdiger; aberkeiner wäre durch Dich glücklicher geworden alsich es bin!"
Das Schwerste war jetzt, den Brief auf an-dern Flügeln als unter denen einer Brieftaube —Venus hing wahrscheinlich einen Postzug Brief-tauben ihrer Gondel vor — an Ort und Stellez» schaffen. Zu so etwas sah er keine Möglichkeit,weil er unter allen Möglichkeiten solche am schwer-sten sieht. — Meine Schwester steht solche amleichtesten.
— Es gab sich alles in der Komödienprobe.
Ordentliche Komödien werden nämlich nicht wieihre Schwestern, die politischen, aufgeführt, ohneprobiert zu sein. Ich will gern zwischen der Ko-mvdicnprobe und der Komödie einen so schmalenpapiernen Zwischenraum als möglich lassen; aberder Leser muß seines Orts auch behend zublatter»
und nicht sowohl die Hände in de» Schooß legenals das Buch. Die Probe war im allen Schlosse,— Oefel machte seine Sache gut genug — Beatanoch besser — und Gustav am aller — schlechtesten.Denn die Gesichter des Fürsten nnd der Ohn-mächtigen setzten wie Salpetersäure und Salz seinHerz fast zu einem Eiskcgel um; vor manchenMenschen ist man schlaff und unfähig, begeisterteGefühle zu haben. — Sonderbar! nur die seini-gen, aber nicht Beatens ihre wurden von dieserdurchs Theater streichenden Nordlnft erkältet.Es ist aber doch nicht sonderbar; denn die Liebewirft den Jüngling auS seinem Ich hinaus unterandre Ich, das Mädchen aber aus fremden in dasihrige hinein. Kaun, oder wenig nahm Beatadie Approchen des regierenden Aktörs oder agie-renden Regenten wahr, — Oefel aber sah es unddachte seinem Siegs über den hohen Nebenbuhler»ach, — welcher sich ihr in einer nicht sehr großenSchneckenlinie näher drehte, was er an Hofda-men gewohnt war, die nur in der Jugend ihreTugend ü In »rinulta weggeben, im Alter hinge-gen einen größer» Handel damit in svosso trei-ben. Ich sagte eben etwas von einer Schneckenli-nie, weil ich einen Einfall im Kopfe hatte, der soheißet: daß Weiber von Welt nnd die Sonne,die Planeten unter dem Schein, ste in einem Kreiseum ihre Strale» herum zu lenken, in der That ineiner feinen Schneckenlinie zu ihrer brennen-den Oberfläche Hinanreißen.
Mitten im Probe-Drama, gerade als Gustavoder Uvnl'i der Marie das leere Papier als einDiplom hinreichte, das ihre Verwandtschaft fürnull erklärte, siel ihm das als Henri ein, was ei-nem andern längst als Gustav eingefallen wäre,daß auf dem leeren Papier etwas könnte geschrie-ben stehen und zwar das beste Etwas, sein Liebe-brief, den wir schon längst gelesen haben. Kurzer nahm sich vor, seinen Brief in der Gestalt je-nes Diploms ihr im Drama zuzustecken, wennSnicht anders zu machen wäre. Sogar das Ro-mantische deS Entschlusses, seine theatralischeRolle in seine wirkliche hineinzuziehen und so vie-len Zuschauern eine andre Täuschung zu machenals eine poetische, hielt ihn nicht ab, sonderntrieb ihn an. Ich will es nur gestehen, lieberGustav — und fiele mein Geständniß selber inDeine Hände, — auf Deine himmlische Beschei-denheit war der Honigthan des Beifalls, denDu an einem solchen Orte nicht einmal fürSchmeichelei, sondern blos für eine r'a<;on zureden berechtigt wärest anzusehen, zerstörend ge-fallen! Unter allen Dingen ist menschliche Be-scheidenheit am leichtesten tvdtgeräuchert odertodtgeschwefelt, und manches Lob ist so schädlichwie eine Verläumdung. Im Narrenhause sehenwir, Laß der Mensch andern aufs Wort glaubt,er sei närrisch *, und in Pallästen sehen wir,
* Denn man könnte einen Menschen durch die Versiche-rung närrisch machen, er sei närrisch. Die freunde vomjunger» Crcbillon beredeten sich einmal, an einem geselli-gen srohen Abende über keinen Einfall von ihm zu lachen,sondern nur mitleidig zu schweigen, als hab' er nun allenWiy verloren. Und die Sache wurde ihm auch glaublichgemacht. Wieder andere Schriftsteller werden durch ihreFreunde gerade mit dem umgekehrten Irrthum noch lebhaf-ter getäuscht, daß sie glauben, Witz »u haben.