Band 
I.
JPEG-Download
 

Die unsichtbare Loge. 335

daß er ihnen aufs Wort glaubt, er sei weise. —Ueberhaupt war Gustav — denn ein Mann istoft an einem Abend bestimmt, nicht nur lauterschlechte Spiele hinter einander zn machen, son-dern auch oft lauter unbedachlsame Streiche

— ani Komödienabend fast zu letztem auSer-sehen.

.... Endlich ist Nonsens Geburtfest da. . . .Mein Gustav! — Noch heute weinen Deine Au-gen nach!

DaS Fest zerspällt sich in drei Gange — llo-inöctio — Souper' — und dul parö. Im Grundeist »och ein vierter Gang: ein Fall.

Am Tage des Drama leerte sich das neueSchloß in das fürstliche zu Oberscheerau aus.Gustav dachte unterwegs (im Wagen Oefels) anseinen Brief, den er übergeben wollte, und anden guten Doktor Fenk ei» wenig; aber die abge-kürzten Tage gaben ihm zu Besuchen keine Muße.Sein Fehler war, daß die Gegenwart vor ihmallemal wie ein Wasserfest aste ferne Laufeüberrauschte, — und er wäre vielleicht nicht ein-mal zu mir gekommen, wenn mich mein be-schwerter juristischer Arbeittisch in die Stadt ge-lassen hätte.

Er sah seine Marie — zehnmahl hunderttau-send neue Reize . ... ich will aber über michherrschen; so viel ist psychologisch wahr, daß einbekanntes Mädchen u»S an einem fremden Orteauch fremd, aber nur desto schöner wird. Dieseshatte Beata mit der strafenden Residentin gemein,aber ein gewisser Hauch von bescheidner Furchtsam-keit verschönerte sie mit seinem Schleier allein.Warum war Gustav diesesmal ven ihr verschie-den? Darum: die männliche Blödigkeit liegt blosin der Erziehung und in Verhältnissen; die weib-liche tief in der Natur — der Maun hat innerli-chen Muth und blos oft äußerliche Unbehülslich-keit; die Frau hat diese nicht und ist dennoch scheu

— jener drückt seine Ehrfurcht durch Hinzutreten,diese durch Zurückweichen aus.

Die Ohnmächtige, die sogenannte völnillante,oder die Ministerin, heute ausgenommen! IhrWinken und Blinken, ihr Lispeln und Zappeln,ihr Witzeln und Kützeln, ihr Fürchten und Wa-gen, ihr Kokettieren und Persiflieren — wie sollda§ der einbeinige -kenn !'u»l biographisch kopie-ren in gemeiner schlechter Prvse? — GleichwohlisiS gar nicht anders zu machen und er muß.Wenn die bunten Köpfe der Weiber ini großenGarten der Natur die blauen, rothenGlaskugelnauflackierten Stative» vorzustellen hätten (welchesunter hundert Männern nicht einer glaubt): sowürd' ich in meiner Schilderung so fortfahren:der Ministerin ihrer war nicht übel, sondernbunt; dieser Kopf war ein kurzer pragmati-scher AuSzug aus zehn andern Köpfen, die näm-lich Haare, Zähne, Federn dazu zusammenschös-sen.

Sie war eine Antike von großer Schönheit, dieaber nach den Verwüstungen der Jahre undMenschen nicht mehr unbeschädigt zu haben war;sie mußte also durch geschickte Bildhauer mitneuen Gliedern — z. B. Busen, Zähnen — er-gänzet werden.

Auf den Wangen war die Legierung mit

Roth die tiefere Nachbarschaft wurde mitWeiß * legiert.

Diejenigen Zähne, die den Menschen in dieReihe der grasfressenden Thiere setzen, die Schuei-tezähns, waren um so mehr so weiß wie Elfen-bein, weil sie selber eineS waren und aus demMunde eines grasfressenden Thieres; — ich magnun darunter einen Elephanten oder einen gemei-nen Mann verstehender die Zähne, die er alsAbleger einem edler» Stamm einimpfet, selten inetwas anders als Begetabilien setzet: so ist doch soviel gewiß, daß kein anderer Nachsatz dieses Peri-odenS herpassst als der: sie hatte noch einmal soviel Zähne als andre Christinnen , und zwei Gold-fäden dazu, weil der Zahnarzt die einen allemalim Hause und unter der .Bürste hatte, währenddie andern die Dental-Buchstaben aussprachen.

Da man nach den neuesten Lehrbüchern dieTrigonometrie und die Bujen blos in ebene undsphärische eintheilen kann, und da sie ganz diescheinbare Wahl vor sich hatte: so zog ihr meß-künsilicher Geist diejenigen Größen, die demMeßkünsiler die meiste Anstrengung und dasmeiste Vergnügen geben, vor — die sphäri-schen.

Der Anzug selber suchte, von den Schuhrosettenbis zu den Hutrosetten, seinen Werth in der Formweit weniger als in der Materie, und konnte mit-hin weniger mit den Augen als auf Juvelier-Wagen geschähet werden, weniger nach Schönhei-linieu als nach Karats —es blieb also zwischen ihr»nd ihrer gesetzgebenden Puppe immer ein Unter-schied; übrigens mußte sie sich nach dieser so gutwie jede andre tragen. Ich will nur ein Wort zuseiner Zeit über die Puppen sagen.

Las Wort über die Puppe».

Diese Hölzer haben bekanntlich die gesetzgebendeMacht über den schönern Theil der weiblichenWelt in Händen; denn sie sind die Legaten undVizekönigimien, welche aus Paris von der imPutz regierenden Linie abgeschickt werden, damitsie die weiblichen deutschen Kreise regieren — unddiese hölzernen Plenipotcuziare senden wieder ihreKöpfe (Hanbenkvpfe) als missi i-exil weiter her-unter, damit diese die gemeinern Honvraziorinneubeherrschen. Können diese regierenden Häuptervon Holz nicht selber kommen: so schicken sie—wie lebende Fürsten im geheimen Rathe ihreStelle durch ihr Porträt versehen lassen — ihreGesetze und ihre Bildnisse in SchmaußenScorpus aller Neichsabschieds der Mode, welchescorpus wir alle unter dem Namen Modejour-nal in Händen haben. Bei solchen Umständen —da ein Holz dem andern in die Hände arbeitet,aber uneigennütziger als ganze Kollegien, da fernerjährlich neue wie die Prvkonsule gewählet werden— wunder' ich mich nicht, daß es mit dem Negi-mentwesen an den Toiletten gut bestellet ist, undLaß das ganze weibliche gemeine Wesen, Las

'Legierung des Goldes mit Kupier heißet die mit Rsth»die mit Silber heißt die mit W e i ß.