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Die unsichtbare Loge.
Lustigkeiten des heutigen Abends entsagen und ineinem Zimmer, das ihr der Fürst so wie der Dok-.tor mit vielem e-rirmsssvmvnt aufdrang, Ruhefür ihre nachzitternden Nerven und im BriefsUnruhe für ihren schlagenden Busen suchen. Ichhebe, Theuere, den Verhäng immer höher aufder damals noch das verhüllte, waS jetzt Dei-nen Nerven und Deiner Brust die Ruhenimmt!
Gustav sah nichts; an der Tafel, woran er sievermißte, hatt' er nicht den Muth, seine fremdenNachbarinnen um sie zu fragen. Andre Dingefragt' er kühner heute; nicht blos der heutigeBeifall war eine Eisen- und Stahlkur für seinenMuth gewesen, sondern auch der Wein, den ernicht trank, sondern aß an den närrischen OllaPotridas der Großen. Dieses gegessene Getränkfeuerte ihn an, die Bonmots wirklich zu offenba-ren, die er sich sonst nur innerlich sagte. Und hierbezeug'ich öffentlich, daß es mich noch bis aufdiese Minute kränkt, daß ich sonst bei meinemEintritts in die große Welt ein ähnlicher Narrwar und Dinge dachte die ich hätte sagen sollen.—Besonders bereu' ich dies, daß ich zu einer Tran-chüe-Majorin, die ihr kleines Mädchen an derHand und eine Rose, aus deren Mitte eine kleinegcsprosset war, am Busen hatte, nicht gesagt habe:Vvus voilü, und daß ich nicht auf die Rose gewie-sen, ob ich gleich das ganze Bonmot schon fertiggegossen im Kopfe liegen hatte. Ich führte nach-her die sniliiö lange in den Gehirnkammernherum und paßte auf, brannte sie aber zuletztdoch auf eine recht dumme Weise los, und darf diePersonen hier nicht einmal nennen.
Da eine Winterlankschaft mit einem künstlichenReife, der in der Wärme des Zimmers zerfloßund einen belaubten Frühling aufdeckte, unter denSchau-Gerichten, den optischen Prunk-Gerichtender Großen, mit stand; so hatte Gustav einenhübschen Einfall darüber, den man mir nicht mehrsagen konnte. Gleichwohl ob er gleich unter Leinschönsten Deckenstücke und auf dem niedlichstenStuhle aß: so nahm er doch, als ein bloßer Hof-Anfänger , an allem Antheil, was er sagte undan jedem, mit dem er sprach; Dir war noch, DuSeliger, keine Wabrheit und kein Mensch gleich-gültig. Aber er steht Dir noch bevor, jenerherbe Uebergang von Haß und Liebe zur Gleich-gültigkeit, welchen alle auszustehen haben, diemit vielen Menschen oder mit vielen Sätzenfür die sie kalt bleiben müssen, sich abgeben!
Die Resident!» zog seine scheuen Talente heutemehr als sonst aus Licht und beschönigte den An-theil, den sie an ihm nahm, leicht mit seinenTheater-Verdiensten um sie. — Endlich fing dasdritte Schauspiel an, worin mehre als in denbeiden andern glänzen konnten; denn es wurdenur mit den Füßen gespielt — der Ball kam.Tanzen ist der weiblichen Welt das, was dasSpielen der großen ist —eine schöne VakauzzeitderZungen, die oft unbeholfen, oft gefährlich werden.Für einen Kopf wie der Gusiavische, der so vieleBestürmungen seiner Sinne heute zum ersten-male erfahren , war ein Tanzsaas ein neues Je-rusalem. — In der That, ein Tanzsaal ist etwas;sehet in den hinein, wo Gustav springt! Jedes
Saiten-und BlaSinstrument wird zum Hebe-baum der die Herzen aus dem kargen mistraui-schen Asttagleben aufhebt; — die Tänze mengendie Menschen wie Karten in - und auseinander,und die tönende Atmosphäre um sie fasset dietrunkene Masse in Eines ein — so viele Men-schen und zu einen, so freudigen Zwecke verknüpft,durch umringende Helldämmerung geblendet,durch ihre klopfenden Herzen begeistert, müssenden Freudenbecher wenigstens kredenzen, welchenGustav gar austrank; denn ihn, dem jede Dameeins Dogareffa * ist, begeisterte jede Hand-Berüh-rung, und der Tumult von außen weckte seinenganzen innern so auf, daß die Musik, wie zurück-prallend, ihren äußern Geburtort verließ undnur in seinem Innern unter und neben seinenGedanken zu entspringen und heraus zu tönenschien. ... Wahrhaftig wenn man seine Ideenum einen lodernden Kronleuchter herumträgt, sowerfen sie ein ganz anderes Licht zurück als wennman damit vor einer ökonomischen Lampe hockt!In Phantasiereichen Menschen liegen wie in hei-ßen Ländern oder auf hohen Bergen, alle Ex-treme enger an einander: bei Gustav wollte jedenAugenblick die Entzückung zur Wehmuth werde»und die Freude zur Liebe, und alle die Empfindun-gen, dieihm die Tänzerinnen einflößten, wollt'er sei-ner Einzigen bringen, die einsam wegstank.Gleichwohl war ihm als würde sie durch diese allenicht so wohl als durch die Residentin ersetzt.Sogar durch daS Drama, das mit dieser sich ge-schlossen und worin er für ihre Krönung gespie-let, wurde sie ihm lieber; ja ihr heutiger Geburttagselber war einer ihrer Reize in seinen Augen.Anders oder vernünftiger empfindet derMensch nie. Kurz die Residentin gewann bei al-lem, wessen ihn heute das Wegsein seiner Beataberaubte. Er hatte heute zum erstenmale von derResidentin, die er außerordentlich achtete, mehrangelastet als einen Handschuh — mehr, nämlichihre Arm - und Rückenschienen, mit andern Wor-ten ihr Kleid darüber: an Arm und Rücken, ob-wohl nicht an Händen, ist Bekleidung so viel wiekeine. Gustav! philosophiere und schlafe lieber_
Aus ist der val parö — aber der Teufel geheterst an. Oefels Wagen fuhr hinter dem Bousi-schen; am letzten entzündet sich eine versäumteRadare unter der unnützen Eiligkeit. Freilichwars Zufall, aber gewisse Menschen kennen kei-nen schlimmen und ihre Absichten legen sich umjeden an. Oefel mußt' ihr seinen anbieten. Diegute Beata war in ihrem Krankenzimmer mit ei-ner kleinen weiblichen Dienerschaft gelassen. Ernahm ein Pferd von dem Wagen der Residentin;ihr ließ er (ich weiß nicht, ob aus Galanterie ge-gen ihr Geschlecht oder aus Scharfsinn undFreundschaft für seines und für seinen Roman)meinen und ihren Helden. Ich wollt' es vor ei-nem akademischen Senat ausführen, daß es füreinen, der erst ein Engel werden will, nichts fata-leres gibt als mit einer, die er schon für einenhält, Nachts aus einem Tanzsaale nach Hause zufahren — dennoch wurde meinem Helden keinHaar gekrümmt und er krümmte auch keines.
« Frau des Doge.
Scan Paul'sWerkc. I.
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