Die unsichtbare Loge
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Aber verliebter würd' er ohne zu wissen in wen.
Beata hotte keine eben so gefährliche Mitter-nacht oder Nachmitrernacht; aber ich will erst seineabfertigen. Er kam mit der Nestdentin in ihrem— Zimmer an. Er konnte und wollte von seinenheutigen Szenen gar nicht los. Dieses Zimmerstellte ihm alle die vergangnen'dar, und in denSaiten des Klaviers verbarg sich eine ferne ge-liebte Stimme und hinter der Folie des Spiegelseine ferne geliebte Gestalt. Sehnsucht reihetesich wie eine dunkle Blume unter den buntenFreuden-Strauß; die Residentin gewann auch beidieser dunkeln Blume. Sie war keine von denKoketten, welche die Sinne früber zu bewegen su-chen als das Herz; sie fiel erst in dieses mit demganzen Heer ibrer Reize ein und führte nachheraus diesem, gleichsam in Feindes Land, den Krieggegen jene. Sie selber war nicht anders zuerobern als sie bekriegte. Wenn die Weiber derhöhen, Klasse, wie die Epigrammen, in solche, dieW i tz und in andre, die Empfindung haben,einzutheilen sind: so glich sie mehr dem griechi-schen als dem gallischen Sinngedicht, wiewohl diegriechische Aehnlichkeit täglich kleiner wurde. DieMaienluft ihres frühern Lebens hatte einmal eineweiße Blüte edler Liebe an ihr Herz geweht, wieoft ein Blütenblatt zwischen die gebaizten Federnoder Briilanten-Blumen des Damenhuts herunterzittert — aber ihr Stand formte bald ihren Bu-sen zu einem Pvt-Pvurri um, aus dem gemalteBlumen der Liebe und in welchem ein faulenderBlüten-Schober ist. Alle ihre Nerirrungen bliebenjedoch in den engern und schönern Gränzen, andenen eine unsichtbare Hand eines unaus-löschlichen Gefühles sie anhielt. Die Ministerinhatte tiefes Gefühl nie gehabt, und ihre Herzen-schreibtafel wurde immer schmutziger, je mehr siehinein schrieb und heraus wischte. Diese konntedurchaus keinen edlen Menschen blenden; jenekonnt' es.
Jetzo nach dieser Abschweifung kann der Lesernicht mehr irre werden, wenn Bousens Betragengegen Gustav .weder aufrichtig noch verstellt, son-dern beides ist. Sie zeigte ihm das Nachtstück, dasder russische Fürst dagelassen und das sie der rich-tigern Beleuchtung wegen in ihrem Kabinetteaufgehangen hatte. Es stellte blos eine Nacht, ei-nen aufgehenden Mond, eine Indianerin, die ihmauf einem Berge entgegenbetet, und einen Jüng-ling vor, der auch Gebet und Arme an denMond, die Augen aber auf die geliebte Beterinan seiner Seite richtete; im Hintergrund beleuch-tete noch ein Johanniswürmchen eine mondloseStelle. Sie blieben im Kabinet, die Residentinverlor sich in die gemalte Nacht, Gustav sprachdarüber: endlich erwachte sie schnell aus ihremSchauen und Schweigen mit den schlaftrunknenWorten: »meine Geburtfeste machen mich allemalbetrübt.» Sie zeichnete ihm znm Beweise fast alledunklern Partieen ihrer Lebensgeschichte vor; dasTrauer-Gemälde nahm seine Farben von ihremAuge und ihrer Lippe, und seine Seele von ihremTon, und sie endigte damit: --H i e r leidet jederalle in.--'Er ergriff in mitfühlender Begeiste-rung ihre Hand und widerlegte sie vielleicht durcheinen leisen Druck.
Sie ließ ihm die Hand mit der unachtsamstenMiene; schien aber bald eine Laute neben ihnendie sie ergriff, zum Borwand zu nehmen, um dieschöne Hand zurück zu führen. --Ich war nie un-glücklich, fuhr sie bewegt fort, so lange mein Bru-der noch lebte. --Sie nahm nun das Bild dessel-ben, das sie auf ihrem schwesterlichen Busen trugnach einer leichten aber nothwendigen Enthüllunghervor und theilte eS karg seinen Augen mit, undfreigebig den ihrigen. Ob Gustav bei der Ent-hüllung so verschiedner Geheimnisse blos auf Lasgemalte Brusibilo hingesehen — das beurtheiltmein Konrektor und sein Fuchspelzrock am ver-nünftigsten, welcher glaubt, es gebe keine schönereNün de als der Perioden ihre, und keine neuernEvas-Aepfel als die im Alten Bunde. MeinPelz-Konrektor hatgut vvrdvzieren: aber Gustav, derder trauernden Residentingegenübersitzt, welche sonstblos die Form, nie die Farbe jener umlaubtenverbotnen Frucht errathen ließ, hat schwer lernen.
Die wenigsten wären wie ich und der Konrek-tor im Stande gewesen, ihr das Bild eigenhändig,wieder einzuhändigen.
»Dieses Kabinet, sagte sie, lieb' ich, wenn ichtraurig bin. Hier überraschte mich mein Alban(Name des Bruders), da er aus London kam —hier schrieb er seine Briefe --- hier wollt' er ster-ben, aber der Arzt ließ ihn nicht aus seinem Zim-mer.-- Sie ließ unbewußt einen in die Luft ver-sinkenden Akkord aus ihrer Laute schlüpfen. Sieblickte Gustav träumerisch an, ihr Auge umzog sichmit immer feuchterem Schimmer. --Ihre Schwe-ster ist noch glücklich !-- sagte sie mit einem Trau-erten, der allmächtig ist, wenn man ihn das erste-ll, a l von schönen und sonst lachenden Lippen hört.--Ach ich wollte, (sagte er mit sympathetischemKummer) ich hätte eine Schwester.-- — Sie sahihn mit einer kleinen forschenden Verwunderungan und sagte: --auf dem Theater machten Sieheute gerade die umgekehrte Rolle gegen dienämliche Person.-- Dort nämlich gäb' er sichfälschlich für einen Bruder der Beata, hier fälsch-lich für keinen aus, oder vielmehr, hier kündigeer ihr seine Liebs auf. Sein fragendes Erstau-nen hing an ihrem Mund und schwebte ängstlichzwischen seiner Zunge und seinem Ohre. Sie fuhrgleichgültig fort: - Freilich sagt man, daß leiblicheBrüder und Schwestern sich selten liebe»; aber ichbin die erste Ausnahme; Sie werden die zweitesein.-- Sein Erstaunen wurde Erstarren.
Es würde dem Publikum auch so gehen, wennich nicht einen Absatz machte und es belehrte, daßdie Resident!» gar wohl die Lüge geglaubt habenkann, (im Grunde muß,) die sie ihm sagte. —Leute ihres Standes, denen das der Lust-
barkeiten-Konzerts immer in die Ohren reißet,hören u U e b e »bärtige Neuigkeiten nur mittauben oder gar halben — sie kann mithin nochleichter als der Leser (und wer steht mir für den ?)den Verlornen Sohn der Röperin und des Falken-bergs mit dein gegenwärtigen der Rittmeisterinund des Falkenbergs vermenget haben. — Ihrbisheriges Betragen ist so wenig wider meineVermuthung als das bisherige des angeblichenGeschwistei paars gegen ihre war; gleichwohl kannich mich verrechnen.