Band 
I.
JPEG-Download
 

353

Die unsichtbare Loge.

drücken lassen, mit größerer Last als auf den männli-chen auf, die sich durch Schlagen und Pochen un-ter ihm wegarbeiten; wie den unbewegli chenTannengipfel aller Schnee belastet, indeß auf denbessern Zweigen, die sich immer regen, keinerbleibt.

Än das Ürld mciiics ürudcrs.

»Warum blickst Du mich so lächelnd an, Dutheures Bild? Warum bleibt Dein Farbenaugeewig trocken, da meines so voll Thränen vor Dirsteht? O wie wollt' ich Dich lieben, wärest Dutraurig gemalt!

Ach Bruder! lehnest Du Dich nach keinerSchwester, saget DirS Dein Herz gar nicht, daßes in der öden Erde noch ein zweites gibt, dasDich so unaussprechlich liebt? — Ach hätt' ichDich nur einmal in meine Augen, in meineArme gefastet — wir könnten uns nie vergessen!Aber so . . . wenn Du auch verlassen bist wieDeine Schwester, wenn Du auch wie sie, untereinem Regen-Himmel und durch eine leere Erdegehest und keinen Freund in den Stunden desKummers findest —ach, Du hast alsdann nichteinmal ein verschwistertes Bild, vor dem DeinHerz ausblutet! — O Bruder, wenn Du gut undunglücklich bist: so komm zu Deiner Schwesteruns nimm ihr ganzes Herz — es ist zerrissenaber nicht zertheilt und blutet nur! O eS würdeDich so sehr lieben! Warum sehnest Du Dichnach keiner Schwester? O Du Ungesehener, wennDich die Fremden auch verlassen, auch täuschen,auch vergessen, warum sehnest Du Dich nach kei-ner treuen Schwester? Wann kann ich Dirs sa-gen, wie oft ich Dein stummes Bild an mich ge-presset, wie oft ich es stundenlang angeblicket undmir Thränen in seine gemalten Augen gedachthabe, bis ich selber darüber in strömende ausgs-brochen bin? — Verweile nicht so lange, bisDeine Schwester mit dem ermüdeten Herzen un-ter der Leichendecks ausruhet und mit allem ihremvergeblichen Sehnen, mit ihren vergeblichenThränen, mit ihrer vergeblichen Liebe in kaltevergessene Erde zerfällt! Verweile auch nicht solange, bis unsere Jugend-Auen abgemähet und ein-geschneiet sind, bis das Herz steifer und der Jahreund Leiden zu viele geworden sind. — Es wirdauf einmal meinem Innern so wehe, so bitter....Bist Du vielleicht schon gestorben, Theurer? —Ach, das betäubt mein Herz — wende DeinAuge, wenn Du selig bist, von der verwaistenSchwester und erblick' ihre Schmerzen nicht —ach ich frage mich schwer im blutenden Innern:was hab'ich noch, das mich liebt? und ichantworte nickt.» ...

Die Leser haben den Muth, daraus mehr zuGustavs Vortheil zu errathen als er selber. Ihmals Helden dieses Buches muß dieses Blatt will-kommen sein; aber ich als sein bloßer Geschicht-schreiber hab' nichts davon als ein Paar schwereSzenen mehr, die ich jedoch aus wahrer Liebe ge-gen den Leser gern verfertige — Billionen wollt'

ich deren ihm zu Gefallen ausarbeiten. Nur thutes meiner ganzen Biographie Schaden, daß diePersonen, die ich hier in Handlung setze, zugleichmich in Handlung setzen, und daß der Geschickt-oder Protokollschreiber selber unter die Heldenund Parteien gehört. Ich wäre vielleicht auch un-parteiischer, wenn ich diese Geschichte ein PaarJahrzehende oder Jahrhunderte nach ihrer Geburtaussetzte, wie die, die künftig aus mir schöpfenwerden, thun müßen. Die Maler befehlen demPorträtmaler, dreimal so weit vom Urbilds abzu-sitzen als es groß ist — und da Fürsten so großsind und da sie folglich nur von Autoren gezeich-net werden können, die in einer dieser Größegleichen Entfernung des Orts oder der Zeit vonihnen wegsitzen: so wäre zu wünschen, ich ständenicht neben unserem Fürsten, damit ich ihn nichtso vortheilhafl abmalte als ich thue.. . .

Ein und fünfzigster oder dritter Freuden»Sektor.

Soimtagmorgeil — Offne Tafel — Gewitter —Liebe.

Welch ein Sonntag! — Heut ijk Montag.Ich weiß kein Mittel, mich, der ich (wie wir alledurch unser Isolieren) ein Freude»-Elektrophorgeworden, auszuladen als Lurch Schreiben, ichmüßte denn tanzen. Gustav hör' ich herüber:der hat zum AnSlaLer einen Flügel und spielt ihn.Der Flügel wird mir diesen Sektor sehr erleich-tern und mir manchen funkelnden Gedanken zu-werfen. Ich hab' mir oft gewünscht, nur so reichzu werden, daß ich mir (wie die Griechen thaten)einen eignen Kerl halten könnte, der so langemusizierte, als ich schriebe. — Himmel! welcheoziorn vinuia sprössen heraus! Die Welt erlebtekoch Las Vergnügen, daß, da bisher so viele poeti-sche Flickwerke (z. B. die Medea) der Anlaß zumusikalischen Meisterwerken .waren, sich der Fallumkehrte und daß musikalische Nieten poetischeTreffer gäben. —

Vor Tags machten wir uns gestern aus demBette, ich und mein musikalischer iLvufsteur. Wirmüssen, sagt' ich zu ihm, vier volle Stundendraußen herumjagcn, eh' wir in die Kirche gehen,"— nämlich nach Ruhestatt, weder vortreffllich?Hr. Bürger aus Großenhain * als Gastpredigerauftreten sollte. Alles geschah. Bis diese Stundeweiß ich nicht, zieh'ich eine laue Sommernachtoder einen kalten Svmmermorgen vor : in jenerrinnt das zerschmolzene Herz in Sehnen ausein-ander ; dieser härtet das glühende zur Freude zu-sammen und stählet sein Schlagen. Unsere vierStunden zu palingenesieren — müßte man aushundert Lust- und Jagdschlössern die Minuten dazu

» Seine vor einem Jahre gedruckten Predigten werdennach dem Geschmack eines jeden sein, der meine» hat.

4 s

Lean Paul's Werke. l.