Band 
I.
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354 Die u n ficht

zusammentragen und es hinkte Loch. Die Mor-gendämmerung ist für den Tag, was der Frühlingfür den SvmMerist, wie die Abenddämmerung fürdie Nacht, was der Herbst für den Winter. Wirsahen und horten und rochen uns fühlten, wie all-mälig ein Stückchen vom Tag nach dem andernaufwachte — wie der Morgen über Fluren undGärten zog und sie wie vornehme Morgenzimmermit Blüten und Blumen räucherte — wie er so zusagen alle Fenster öffnete, damit ein kühlender Luft-zug den ganzen Schauplatz durchstriche — wo jedeKehle die andre weckte und sie in die Lüfte undHöhen zog, um mit trunkner Brust der steigendenvertieften Sonne entgegen zu fliegen und entgegenzu siugen — wie der bewegliche Himmel tausendFarben rieb und verschmolz und den Faltenwurfseiner Wolken versuchte und färbte. ... So weitwar der Morgen , da wir noch im thauenden Thalegingen. Aber als wir aus seiner östlichen Pfortehinaustraten in eine unabsehliche, mit wachsendenGuirlanden und regem Laubwerk musivisch aus-gelegte Aue, deren saufte Wellenlinie in Tiefen fielund auf Höhen floß, um ihre Reize und Blumenauf und nieder zu bewegen; als wir davor standen:so erhob sich der Stnrm der Wonne und des le-benden Tages, und der Ostwind ging neben ihm,und die große Sonne stand und schlug wie ein Herzam Himmel und trieb, alle Ströme und Tropfendes Lebens um sich herum.-

Gustav spielt eben sanfter, und seine Töne hal-ten meinen noch immer leicht in hypochondrischeHeftigkeit übergehenden Athem auf. —

Als jetzt die Mühle der Schöpfung mit allenRädern und Strömen rauschte und stürmte : woll-ten wir in süßer Betäubung kaum gehen, es waruns überall wohl; wir waren Lichtstralen, die je-des Medium aus ihrem Wege brach; wir zogenmit der Biene und Ameise und verfolgten jedenWohlgeruch bis zu seiner Quelle und gingen umjeden Baum ; jedes Geschöpf war ein Pol, der un-sere Nadel zu Abbeugungen und Einbeugungenlenkte. Wir standen in einem Kreis von Dör-fern, deren Wege alle mit fröhlichen Kirchgängen,zurückkamen und deren Glocken die geistige Messeeinläuteten. Endlich zogen wir auch der wallfahr-tenden Andacht nach und zur Kirchthür der kühlenNuhsstätter Kirche hinein.

Wenn ein Maiti-o üv plnisirs einem Fürsteneins Operndskorazivn vorschlüge, die aus einer auf-ziehenden Sonne, tausend Leipziger Lerchen, zwan-zig lautenden Glocken, ganzen Fluren und Florenvon seidnen Blumen bestände : so würde der Fürstsagen, es kostete zu viel—aber der Freudenmeistersollte versehen, einen Spaziergang kostets — odereine Krone, sag' ich, weil zu einem solchen Genußnicht der Fürst, sondern der Mensch zulangt.

In der Kirche ließ ich mich auf dem Orgelstuhlnieder, um die plumpe Orgel zu kartätschen zumErstaunen der meisten Seelen. Als Gustav in eineadelige Loge trat, saß in der gegenüberstehenden— Beata; denn eine Predigt war ihr so lieb alseiner andern ein Tanz. Gustav bückte sich mit nie-derfallenden Bugen und ausströmender Nöthe vorihr und war tief gerührt über die blaffe gekränkteGestalt, die sonst vor ihm geglühet hatte — siewars gleichfalls von der seinigen, auf der sie alle

bare Loge.

traurige Erinnerungen laS, die in ihre oder seineSeele geschrieben waren. Ihre vier Augen zogensich vom Gegenstand der Liebe zu dem der Auf-merksamkeit zurück, auf H. Bürger aus Großen-hain. Er fing an; ich hatte als zeitiger Organistvor, gar nicht auf ihn acht zu geben — ein Kan-tor macht sich aus einer Predigt so wenig wie einMann von Ton; — allein H. Bürger predigtemir mit den ersten Worten Las Choralbuch aus derHand , worin ich lesen wollte. Er trug die Ver-gebung der menschlichen Fehler vor — wie hart dieMenschen auf der eisten, und wie zerbrechlich sieauf der andern Seite wären: wie sehr jeder Fehlersich ohnehin am Menschen blutig räche und gleicheinem Nervcnwurme den durchfresse, den er be-wohne, und wie wenig also ein anderer Las Rich-teramt der llnversöhnlichkeit zu verwalten habe;wie wenig es Verdienst habe, Unvorsichtigkeiten,kleine oder zu entschuldigende Fehler zu vergeben,und wie sehr alles Verdienst auf Uebersehung solcherFehler, die uns mit Recht erbitterten, ankomme rc.Da er endlich auf das Glück der Menschenliebezeigte: so ruhte das brennende und strömendeAuge Gustavs unbewußt auf Beatens Antlitz aus;und als endlich ihre Augen sich, dem Pfarrer zu-gekehrt, mit der wahren Kummer- und Freuden-Auflösung anfüllten, und als sie unter dem Abtrock-nen sie auf Gustav wandte: so öffneten sie sicheinander ihre Augen und ihr Innerstes: die zweientkörperten Seelen schausten groß in einanderhinein und ein vorüberfliegender Augenblick deszärtlichsten Enthusiasmus zauberte sie an den Augenzusammen. . .. Aber plötzlich suchten sie wiederden alten Ort und Beata blieb mit ihren an derKanzel.

Ich kanns nicht behaupten, ob er, H. Bürger,diese nützliche Predigt schon unter seine gedrucktengethan oder nicht; gleichwohl soll mich dieses Lobnicht hindern zu gestehen, daß seinen an sich gutenPredigten eigentliche Kraft einzuschläfern vielleichtfehle, ein Fehler, den man sowohl beim Lesen, alsbeim Hören wahrnimmt. Hier will ich zum Bestenandrer Geistlichen einige Extraseiten über die fal-sche Bauart der Kirchen einschichten.

Ertrafcitcn über die falsche Äanari der Kirche».

Ich hab' es schon dem Konsistorium und der Bau-inspekzion vorgetragen; aber es verfängt nichts.Wir und sie wissen es alle, daß jede Kirche, eineKathedral-Kirche so gut als ein Filial, für den Kopfoder das Gehirn der Diözes zu sorgen habe,d. h. für den Schlaf derselben, weil nachB ri nk-mann jenes nichts so stärkt als dieser. Es wärelächerlich, wenn ich mich hersetzen und erst langeausführen wollte, daß dieser desorganisierendeSchlaf auf eine wohlfeilere Art, und für wenigerPfennige und Opium als bei den Türken zu er-regen steht; denn unser Opium wird wie Queck-silber äußerlich eingerieben und hauptsächlich an denOhren angelegt. Nun ist niemand so gut wiemir bekannt, was man in der ganzen Sache schongethan. Wie man in Konstantinopel (nach deTott) besondere Buden und Sitze für die Opium-effer, aber nur neben den M oscheen hat: sosind sie bei uns darin und heißen Kirchensiühle.—

t.