Die unsichtbare Loge
Ferner brennen ordentliche Nachtlichter aufdem Altar. Die Fensterscheiben haben in katho-lischen Tempeln Glasgemälde, die so gut wie Fen-stervorhänge Schatten geben. Zuweilen sind diePfeiler so geordnet oder vervielfältigt, daß sie zurkirchlichen Dunkelheit mithelfen, bieder Zweck desSchlafens so sehr begehrt. Da die Schlafzimmerin Frankreich lauter matte glanzlose Farben haben,so ist in dem großen kanonischen Schlafzimmerwenigstens in so fern für den Schlaf gesorgt wor-den, daß doch die Theile der Kirche, auf die dasAuge sich am meisten richtet, Altar, Pfarrer, Kan-tor und Kanzel schwarz angestrichen sind. Mansieht, ich unterdrücke keinen Vorzug und es ist nichtTadelsucht, wenn ich tadele. —
Aber es fehlet einem Tempel noch viel zu einemwahren Dormitorium. Ich stand (ich konnt' auchsagen, ich lag) in Italien und auch in Paris inmehren Theaterlogen, die vernünftig eingerichtetund meubliert waren: man konnte darin (weilalles dazu da war) schlafen, spielen, pissen, essenund mehr.... — Mau hatte seine Freundinnenmit. Das haben nun die Großen gewohnt; wiewill man ihnen anstnnen, sie sollen in die Kirchefahren und darin schlafen, da ihnen ihr Geld eheralle Freunde als den Schlaf verschafft? — BeimUov8 ötnt, beim Bauer und Bürger, selber beimBürgermeister-Kollegium, das sich die ganze Wochematt.votiert, isis kein Wunder, sondern freilichleicht dahin zu bringen, daß sie leicht auf jedemStuhl, auf jeder Empor entschlafen; ich längn'es nicht; aber der Libertin, der Schläfer auf Ei-'derLunen wird euch (und predigte ein Konsistvri-alrath) auf keinem bloßen Sessel schlafen; ergeht daher lieber in keine Kirche. Für solcheLeute von Ton müssen daher ordentliche Kirchen-betten in den Logen aufgeschlagen werten, damites geht; so wie auch Spieltische / Eßtische, Otto-manen , Freundinnen u. dergl. in einer Hof-kirche so unentbehrliche Dinge sind, daß sie besseran jedem andern Orte mangeln könnten alsda.
Man kann es also, ohne mich und die Wahr-heit zu beleidigen, kein Schmeicheln nennen, wennich verfechte, daß blos die dumme Kirchenarchitck-tur und der Mangel alles Haus- und Kircheuge-räths, aller Betten rc. daran schuld sind, nichtaber die gut und philosophisch oder mystisch ausge-arbeiteten Predigten geschickter Hof-, Universi-tät-, Kasernen - und Vesper - Prediger, wenn dieLeute von Stande weit weniger darin schlafen kön-nen, als man sich verspricht.
Ende der Extraseiten.
Nach der Kirche trafen wir alle au der Sakri-stei zusammen. Ich gehe über Kleinigkeitenhinweg und komme sogleich dazu, daß wir sämmt-lich abzogen und daß Gustav unserer schönenDauphins den Arm gab und nahm. Es war einruhiges Wandeln unter der festlichen Sonne undunter den Blüten der Gebüsche hinweg. DerPutz, die getäfelte Stirn, die wie Fidelbogen -Haare hinüber gespannten Stirn - Haare, die wieZwiebelhäute übereinander liegenden Röcke desweiblichen BausrstanLeS malten sammt dessen anla-
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chendem Angesicht uns den Sonntag Heller vorals alle halbe und ganze Parüren der Städterin-nen können. Auch find' ich am Sonntage vielschönere Gesichter, als an den sechs Werkeltagm,die alles im Schmutz vermummen.
Das Gespräch mußte gleichgültig bleiben — ichdenke, selbst Leim Vergißmeinnicht. Beata sahnämlich eines im Grase liegen und eilte hinzu,und — da wars von Seide: --o ein falsches,--sagte sie. --Nur ein gestorbnes, sagte Gustav,aber ein dauerhaftes." Unter Personen von einergewissen Feinheit wird leicht alles zur Anspielung!Wohlwollen ist ihnen daher unentbehrlich, damitsie an keine andern Anspielungen als an gutmü-thige glauben. — Ich labte mich unter dem ganzenWege am meisten daran, daß ich der Hintergrundund der Rückenwind war, der hinten nachging;denn wär' ich »orausgezvgen, so hätt' ich denschönsten Gang nicht gesehen, in dem sich noch dieschönste weibliche Seele durch ihren Körper zeich-nete — Beatens ihren. Nichts ist charakteristi-scher, als der weibliche Gang, zumal wenn erbeschleunigt werden soll.
Im Thal fanden wir außer dem Schatten undMittage noch etwas schöneres, den Doktor Fenk.Er hatte ein kleines Speise - tlonesi t spiriluv!unter den Bäumen angeordnet, wo wir alle wieFürsten und Schauspieler offne Tafel, aber vorlauter satten und musikalischen Zuschauern, vorden Vögeln, hielten. Wir hatten nichts darwi-der, daß zuweilen eine Blüte in den Tunknapf,oder in das Essiggestell ein Blättchen flatterte,oder daß ein Lüftchen das Zuckergestöber aus derZuckerdose seitwärts wegblies: dafür lag dergrößte Mt <Is mönugs, die Natur, um unser»freudigen Tisch herum und wir waren selber einTheil des Schaugerichls. Fenk sagte und spieltemit einem herabgezognen Aste: --unser Tisch hättewenigstens den Vorzug vor den Tischen in dergroßen Welt, daß die Gäste an unserem einanderkennten: die Großen aber z. B. in Scheerau oderItalien speiseten mehr Menschen als sie kennenlernten.; wie im Fette des Thiers, das von denJuden so sehr verabscheuet und nachgeahmetwürde, Mäuse lebten, ohne daß das Thier esmerkte.--
Ein Arzt sei noch so delikat im Ausdruck; erists doch nur für Aerzte.
Unter dem Kaffee behauptete mein lieber Pesti-lenziar, alle Kannen — Kaffee -, — Schokolade -,Theekannen, — Krüge rc. hätten eine Physiogno-mie, die man viel zu wenig studiere; und wennMelanchthvn der Missionär und KabinetpreLigerder Töpfe gewesen, so fehle noch ein Lavaterderselben. Er habe einmal in Holland eineKaffeekanne gekannt, deren Nase so matt, derenProfil so schaal und holländisch gewesen wäre, daßer zum Schiffarzt, der mit getrunken, gesagt, indieser Kanne säße gewiß eine eben so schlechteSeele, oder alle Physiognomik sei Wind: — da ereingeschenkt hatte, so war das Gesöff nicht zumTrinken. Er sagte, in seinem Hause werde keinMilchtopf gekauft, den er nicht vorher wie Pytha-goras seine Schüler, in physiognomischen Augen-schein nehme.
--Wem haben wirs zuzuschreiben, fuhr er in