Band 
I.
JPEG-Download
 

361

der durch alles Blumengeniste und alle Graspar-tieen der Erde durchschauet und zu den unbewegli-chen Todten hinabsieht, die unter ihr liegen. Sosanft und stürmisch, so humoristisch und melancho-lisch, so verbindlich und unbefangen und frei! Erbehauptete, die meisten Laster kamen von der Furchtvor Lastern — aus Furcht, schlimm zu handeln,thäten wir nichts und hätten zu nichts Großemmehr Muth — wir hätten alle so viel Menschen-liebe, daß wir keine Ehre mehr hätten — ausMenschen-Schonung und Liebe hätten wir keineAufrichtigkeit, keine Gerechtigkeit, wir stürztenkeinen Betrüger, keinen Tyrannen :c.

Ihn wunderte Beata, die nicht den gewöhnlicherzwungenen, sondern steigenden Antheil an un-sern Reden nahm; denn er glaubt, mit einer Fraukönne man von Himmel und Hölle, von Gott undVaterland sprechen, so denke sie doch nur unterdem ganzen Hören an nichts als an ihre Gestalt,ihr Stehen, ihren Anzug. »Ich nehme, sagte Fenk,erstens alles aus, und zweitens auch die Physio-gnomik; auf diese horchen alle, weil sie alle siesogleich gebrauchen können."

Der magische Abend trieb immer mehr Schat-ten vor sich voraus; er nahm endlich alle Wesenauf seinen wiegenden Schvos und legte sie an sich,um sie ruhig, sanft und froh zu machen. Wirfünf Eiländer wurden es auch. Wir gingensämmtlich hinaus auf eine kleine künstliche An-höhe, um die Sonne bis zur Treppe zu begleiten,eh' sie über Ozeane nach Amerika hinabschifft.Plötzlich ertönten drüben in einer andern Inselfünf Alphörner und gingen ihre einfachen Töneziehend auf und ab. Die Lage wirkt mehr auf dieMusik, als die Musik auf die Lage. In unsererLage — wo man mit dem Ohr schon an der Al-penquelle, mit dem Auge auf der am Abend über-goldeten Gletscherspitze ist und sich um die Sen-nenhütte Arkadien und Tempe und Jugend-Auenlagert, und wo wir diese Phantasiern vor der un-tergehenden Sonne und nach dein schönsten Tagefliegen ließen — da folgt das Herz einem Alphornmit größern Schlägen als einem Konzertsaale vollgeputzter Zuhörer. — O das Einlaßblatt zurFreude ist ein gutes, und dann ein ruhiges Herz!— Die dunkeln wolkigen durchschimmerten B e"griffe, die der Weltweise von allen Empfindun-gen verlangt, müssen langsam über die Seeleziehen oder gänzlich stehen, wenn sie sich vergnü-gen soll; so wie Wolken, die langsam gehen, schö-nes Wetter, und fliegende schlimmes bedeuten.»Es gibt, sagte Beata, tugendhafte Tage, woman alles verzeiht und alles über sich vermag, wodie Freude gleichsam im Herzen kniet und betet,daß sie länger da bleibe, und wo alles in uns aus-geheitert und beleuchtet ist; — wenn man dannvor Vergnügen darüber weint: so wird dieses sogroß, daß alles wieder vorbei ist."

"Ich- sagte Ottomar, werfe mich lieber in dieschaukelnden Arme des Sturms. Wir genießennur blinkende, glühende Augenblicke; diese Kohlemuß heftig heruntergeschleudert werden, damit derbrennende Kreis der Entzückung erscheine.

--Und doch, sagt' er, bin ich heute so froh vor

Erde hindurch bis zu ihren Schätzen hinab, zu ihren Tod-ten, i» ihren Metallen rc.

dir, untersinkende Sonne!... Je froher ich ineiner Stunde, in einer Woche war, desto mehrstürmte dann die folgende — Wie Blumen ist derMensch, je heftiger das Gewitter werden wird,desto mehr Wohlgerüche verhauchen sie vorher.

»Sie müssen uns nicht mehr einladen, H. Dok-tor," sagte lächelnd Beata, aber ihr Auge schwammdoch in etwas mehr als in Freude.

Unter dem Rvthauslegen des Himmels trat dieSonne auf ihre letzte Stufe, von farbigen Wol-ken umlagert. Die Alphörner und sie verschwan-den im nämlichen Ru. Eine Wolke um die andreerblaßte und die höchste hing noch durchglühet her-ab. Beata und meine Schwester scherzten weib-lich darüber, was diese illuminierten Nebel wohlsein könnten. — Die eine machte daraus Weih-nachtschäfchen mit rosenrotsten Bändern, eine rotheHimmelschärpe — die andre feurige Augen oderWangen unter einem Schleier — rothe und weißeNebel-Rosen — einen rothen Sonnenhut u. s. w_

Punsch, denk' icb, wurde endlich für die Herrengebracht, von denen einer ihn in solcher Mäßigkeitzu sich nahm, daß er noch um 2 1/2 Uhr seinenSektor setzen kann. Wir wandelten dann unterdem kühlenden rauschenden Baum des Himmels,dessen Blüten Sonnen und dessen Früchte Weltensind, hin und her. Das Vergnügen führte unsbald auseinander, bald zu einander, und jeder wargleich sehr fähig, ohne und durch Gesellschaft zugenießen. Beata und Gustav vergaßen aus Scho-nung über die fremde Liebs und Freude ihre be-sondere, und waren unter lauter Freunden sich auchnur Freunde. O predigt doch blos die Traurig-keit, die das Herz so dick wie Las Blut macht, abernicht die Freude auS der Welt, die in ihrem Tau-meltanz die Arme nicht blos nach einem Mit-tänzer, sondern auch nach einem wankendenElenden ausstreckt, und aus dem Jammer-Auge,das ihr zusieht, vorüberfliehend die Thränenimmt! — Heute wollten wir einander alles ver-zeihen, ob wir gleich nichts zu verzeihen fanden.ES war nichts zu vergeben da, sag' ich; denn alsein Stern um den andern aus der schattiertenTiefe herausquoll und als ich und Ottomar voreiner schlagenden Nachtigall umgekehret waren,um durch die Entfernung den gedämpften Lauten-zug ihrer Klagen anzuhören, und als wir einsam,von lauter Tönen und Gestalten der Liebe umge-ben, neben einander standen, und als ich mich nichtmehr halten konnte, sondern unter dem großenjetzigen und künftigen Himmel mein Herz gerndem zeigte, dessen seines ich längst gesehen und ge-liebt: so war.so etwas kein Verzeihen und Versöh-nen, sondern!. . . Davon übermorgen!. . .

In veränderlichen Gruppen — bald die zweiMädchen allein, bald mit einem dritten, bald wiralle — betraten wir die in Gras umgekleidetenBlumen und gingen zwischen zwei nebenbuhleri-schen Nachtigallen, wovon die eine unsre Insel, dieandre die nächste Insel besang und begeisterte. Indiesem musikalischen Potpourri hatten die Blu-menblätter die wohlriechenden Potpourri zuge-deckt, aber alle Birkenblätter hatten die ihrigenaufgethan, und wir theilten uns mit Absicht aus-einander, um nicht eilig aus unserem zauberischenOtaheiti abschiffen zu können. —

2e an Pa ul'S Werke. I>

46