Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

Endlich geriethen wir zufällig unter einer Sil-berpappel zusammen, deren bejchneiete Blätterdurch den Glanz im Abend uns um sie versammelthatten. »Wir haben hohe Zeit zum Fortgehen!»sagte Beata. Allein da mirs wollten oder wollenmußten: so ging der Mond auf; hinter einem ge-gitterten Fächer von Bäumen schlug er so beschei-den, als er still über die blinde Nacht wegfließet,seine Wolken-Augenlieder auf, und sein Augeströmte, und er sah uns an wie die Aufrichtigkeit,und die Aufrichtigkeit sah auch ihn an. »Wollenwir nur — sagte Ottomar, in dessen heißerFreundschaft-Hand man gern jede weibliche ent-rieth — bleiben, bis es auf dem Wasser lichterwird und der Mond in die Thäler herein leuchtenkann — wer weiß, wann wirs wieder so haben?»Endlich fügt' er hinzu: »ich und Gustav verreisenohnehin morgen früh, und das Wetter hält nichtmehr lange.» Es ist das siebenwöchentliche unbe-kannte Verreisen, von dem ich alle Muthmaßun-gen, die eS bisher so wichtig und räthselhaft vor-stellten, gern hier zurücknehme.

Wir blieben wieder; das Gespräch wurde ein-silbiger, der Gedanke vielsilbiger und das Herz zuvoll, so wie uns der abnehmende Mond an derAafgangschwelle auch voll vorkam. Wenn ein-mal eine Gesellschaft die Hand vom Thürdrücker,woran sie sie schon hatte, wieder wegthut; so er-regt dieser Aufschub die Erwartung größerer Ver-gnügungen und Liese Erwartung erregt Verlegen-heit; — wir aber wurden blos um einander stiller,verbargen unsere Seufzer über die Falkenflügelfröhlicher Stunden, und vielleicht brachte manchesweggewandte Auge dein Monde LaS Opfer, dasihm der traurigste und der freudigste Mensch soschwer versagen kann. ...

Gerade jetzt drängte ich mich wieder hinaus inseine Stralen und komme .wieder an meinenSchreibtisch und danke dem Schleier der Nacht,der um das Universum doppelt herumreicht, daßer auch über die größten Schmerzen und Freudender Menschen sich faltet.... Wir waren also aufunserer Insel so schwermüthig stumm, wie an ei-ner Pforte der fröhlichen Ewigkeit; der Lander-breite Frühling zog mit seiner Herrlichkeit — mitseinem gesunknen lauen Monde — mit seinemschillernden Venusstern — mit seiner erhabnenMitternachtröthe — mit seinen himmlischen Nach-tigallen vor fünf Menschen vorüber; er warf undhäufte in diese fünf Ueberglückliche seine Knospenund seine Blüten und seine dämmernden Aussich-ten und Hoffnungen und seine tausend Himmel,und nahm ihnen nichts dafür weg als ihreSprache. O Frühling! o du Erde Gottes! o duunumspannter Himmel! ach! regte sich heute dochin allen Menschen auf dir das Herz in freudigenSchlägen, damit wir alle neben einander unterden Sternen niederfielen und den heißen Athemin eine Jubel-Stimme ergössen und alle Freudenin Gebete, und das hohe Herz nach dem hohenHimmelblau richteten, und in der Entzückung nicktKummer-, sondern Wonne-Seufzer abschickten,deren Weg so lang zum Himmel wie unserer zumSarge ist?.... Du bitterer Gedanke! oft unter lau-ter Unglücklichen der Fröhliche zu sein — du sü-ßerer, unter lauter Glücklichen der Betrübte zu sein-

Endlich flössen vom Silberblick deS steigendenMondes die trüben Schlacken hinweg; er standwie eine unaussprechliche Entzückung höher in derNacht des Himmels, auö dessen Hintergrund in denVorgrund gemalt. Die Frösche durchschlugen wieeins Mühle die Nacht, und ihr forttönender viel-stimmiger Lärm hatte die Wirkung eines Schwei-gens. — O welcher Mensch, den der Tod zu einemüber die Erde fliegenden Engel gemacht hätte,wäre nicht auf sie niedergefallen und hätte unter ir-dischem Laub und auf der irdische» vom Mondeübersilberten Erde (wie von der Sonne übergol-deten) nicht an seinen verlassenen Himmel gedachtund an seine alten Menschen-Auen, seine altenFrühlinge hienieden, und an seine vorigen Hoff-nungen unter den Blüten?

Ihr Rezensenten! vergebt mir nur heute undlasset mich fortfahren.

Endlich stiegen wir in die Gondel wie in einenCharvns-Nachen ein, wir räumten entzückt undunwillig das buschige Ufer und den aus dem Wasseran seine Blätter aufgestrahlten Wiederschein. Dasgrößte Vergnügen, der größte Dank treiben nichtwagrechte, sondern senkrechte, inS Herzgreifende versteckte Wurzeln; wir konnten also zuFenk nicht viel sagen, der von der Freudenstätt»heute Nacht nicht weggeht. — Du Freund! der mirtheurer als allen andern ist, vielleicht wenn allesstiller und der Mond höher und reiner und dieNacht ewiger ist, gegen Morgen hin, wirst Duzu weinen anfange» über beides, was dieErdeDirgegeben, was sie Dir genommen. —Geliebter!wenn Du es jetzt in dieser Minute thust : so thu'ich es ja auch! — ...

Mit unserem ersten Tritt ins Boot durchdrängen( wahrscheinlich auf Fenks Anordnung ) die Alp-hörner wieder die Nacht; jeder Ton klang in ihrwie eine Vergangenheit, jeder Akkord wie einSeufzer nach einem Frühling der andern Welt;der Nacht-Nebel spielte uns rauchte über Wäldernund Gebirgen und zog sich, wie die Gränze desMenschen , wie Morgenwolken der künftigen Weltum unsere Frühlingerde. Die Alphörner verhalltenwie die Stimme der ersten Liebe an unseren Ohrenund wurden lauter in unsern Seelen; das Ruderund das Boot schnitt das Wasser in eine glimmendeMilchstraße entzwei; jede Welle war ein zitternderStern; das wankende Wasser spiegelte den Mondzitternd nach, den wir lieber vertausendfältigt alsverdoppelt hätten und dessen sanftes Lilienantlitzunter der Welle noch blasser und holder blühte. —Umzingelt von vier Himmel» — dem oben imBlauen, auf der Erde, im Wasser und in uns —schifften wir durch schwimmende Blüten hin,Beata saß am einen Ente des Bootes entgegeu-gerichtet dem andern, dem Monde und dem Freundihrer zarten Seele — ihr Blick glitt leicht zwischendem Monde und ihm hinab und hinauf — er-dachte an seine morgendliche Reise und an seinelängere Gesandschaftreise, und bat uns alle umschriftliche Denkmäler, damit er immer gut bleibewie jetzt unter uns, und erinnerte Beata an ihrVersprechen, ihm auch eines zu geben. — Siehatt' es schon geschrieben und gab eS ihm heutebeim Abschied. Der frohe Tag, der frohe Abend,die himmlische Nacht füllte ihre Augen mit tau-