Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

seinem Todestage diese Urnenkrüge eines schongestorbenen Lebens um sich stellen und sich zurück-freuen, da er sich nicht mehr vorauszüfreuen ver-mochte. Du konntest freilich, kleiner Maria, inkeinen Antikentempel zu SanSsvuci oder zuDresden eintreten und darin vor dem Weltgei-ste der schönen Nasur der Kunst niederfal-len; aber du konntest doch in Deine Kindheit-Antiken - Stiftshütte unter der finstern Treppegucken, und die Stralen der auferstehenden Kind-heit spielten wie des gemalten Jesuskindes seineim Stall, an den düstern Winkeln! O wenngrößere Seelen als Du, aus der ganzen Orangerieder Natur so viel süße Säfte und Düfte sögenals Du aus dem zackigen grünen Blatte, an das ^Dich das Schicksal gehangen: so würden nichtBlätter, sondern Gärten genossen, und die bessern !und doch glücklichern Seelen verwunderten sich inicht mehr, daß es vergnügte Meisterlein ge-ben kann.

Wuz sagte und bog den Kopf gegen das Bü-cherbret hin: --wenn ich mich an meinen ernsthaf-ten Werken matt gelesen und korrigiert; so schauich stundenlang Liese Schnurrpfeifereien an undLas wird hoffentlich einem Bücherschreiber keineSchande jein.--

Jch wüßt' aber nicht, womit der Welt in dieserMinute mehr gedient ist, als wenn ich ihr denräsonnierenden Katalog dieser Kunststücke undSchnurrpfeifereien zuwende, den mir der Pazientzuwandte. Den zinnenen Ring hatt' ihm dievierjährige Mamsel des vorigen Pastors, da siemit einander von einem Spielkameraden ehrlichund ordentlich kopuliert wurden, als Ehepfandangesteckt — das elende Zinn löthete ihn fester ansie als edlere Metalle edlere Leute, und ihre Ehebrachten sie auf vier und fünfzig Minuten. Oftwenn er nachher als geschwärzter Alumnus siemit nickenden Federn - Standarten am dünnenArme eines gesprenkelten Elegant spazieren gehensah. Lachte er an den Ring und an die alte Zeit.Ueberhaupt hab' ich bisher mir unnütze Mühe ge-geben, es zu verstecken, daß er in alles sich ver-liebte, was wie eine Frau aussah; alle Fröhlicheseiner Art thun dasselbe; und vielleicht könnensie es, weil ihre Liebe sich zwischen den beidenExtremen von Liebe aufhält und beiden abborgt,so wie der Busen Band und Kreole der platoni-schen und der epikurischen Reize ist. — Da erseinem Vater die Thurmuhr aufziehen half, wievor Zeiten die Kronprinzen mit den Vätern indie Sitzungen gingen: lo konnte so eine kleineSache ihm einen Wink geben, ein lackiertes Käst-chen zu durchlöchern und eine Wand-Uhr darauszu schnitzen, die niemals ging; inzwischen hatte siedoch, wie mehre Staatkörper, ihre langen Ge-wichte und ihre ausgezackten Räder, die man demGestelle nürnbergischer Pferde abgehoben und sozu etwas besserem verbraucht hatte. — Die grüneKinderhaube mit Spitzen gerändert, das einzigeUeberbleibsel seines vorigen vierjährigen Kopfes,war seine Büste und sein Gipsabdruck vom klei-nen Wuz, der jetzt zu einem großen ausgefahrenwar. Alltags-Kleider stellen das Bild eines tod-ten Menschen weit inniger dar als sein Porträt;— daher besah Wuz das Grün mit sehnsüch-

tiger Wollust und es war ihm als schimmere ausdem Eis des Alters eine grüne Nasenstelle derlängst überschneieten Kindheit vor; --nur meinenUuterrvck von Flanell, sagte er, sollt' ich gar ha-ben, der mir allemal unter den Achseln zugebundenwurde!-- — Mir ist sowohl das erste Schreibbuchdes Königs von Preußen als das des Schulmei-sters Wuz bekannt, und da ich beide in Händengehabt: so kann ich urtheilen, daß der König alsMann und das Meifterlein als Kind schlechtergeschrieben. »Mutter, sagt' er zu seiner Frau,betracht' doch, wie Dein Mann hier (im Schreib-buch) und wie er dort (in seinem kalligraphischenMeisterstück von einem Lehnbrief, den er an dieWand genagelt) geschrieben: ich fress' mich abernoch vor Liebe, Mutter!-- Er prahlte vor niemandals vor seiner Frau; und ich schütze den Vortheilso hoch als er werth ist, den die Ehe hat, daß derEhemann durch sie noch ein zweites Ich bekommt,vor welchem er sich ohne Bedenken herzlich lobenkann. Wahrhaftig das deutsche Publikum sollteein solches zweites Ich von uns Autoren abgeben! —Die Schachtel war ein Bücherschrank der lilliputi-schen Traktätchen in Fingerkalender - Format, dieer in seiner Kindheit dadurch herausgab, daß ereinen Vers aus der Bibel abschrieb, es hefteteund blos sagte: --abermals einen recht hübschenKober * gemacht!-- Andre Autores vermögendergleichen auch, aber erst wenn sie herangewach-sen sind. Als er mir seine jugendliche Schriftstel-lerei referierte, bemerkte er: --als ein Kind istman ein wahrer Narr; es stach aber doch schondamals der Schriftsiellertrieb hervor, nur freilichnoch in einer unreifen und lächerlichen Gestalt--und belächelte zufrieden die jetzige. — Und sogings mit dem Finkenklvben ebenfalls: war nichtder fingerlange Finkenklobsn, den er mit Bier be-strick) und auf dem er die Fliegen an den Beinenfing, der Vorläufer des armlangen Fiukenklobenhinter dem er im Spätherbst seine schönstenStunden zubrachte wie auf ihm die Finken ihrehäßlichsten? Das Vogelstelien will durchaus einin sich selber vergnügtes stilles Ding von Seelehaben.

Es ist leicht begreiflich, daß seine größte Kran-kenlabung ein alter Kalender war und die ab-scheulichen zwölf Monatkupfer desselben. In je-dem Monat des Jahres machte er sich, ohne voreinem Gallerieinspcktor den Hut abzunehmen oderan ein Bilderkabinet zu klopfen, mehr malerischeund artistische Lust als andre Deutsche, die ab-nehmen und anklopfen. Er durchwanderte näm-lich die eilf Monat-Vignetten — die des Monats,worin er wanderte, ließ er weg und phantasiertein die Holzschnitt-Austritte alles llinei», was erund sie nöthig hatten. Es mußte ihn freilich ingesunden und in kranken Tagen letzen, wenn erim Jenner-Winterstück auf dem abgerupften schwar-zen Baum herumstieg und sich (mit der Phantasie)unter den an der Erde aufdrückenden Wolkenhim-mel stellte, der über den Winterschlaf der Wie-sen und Felder wie ein Betthimmel sich hinüber-

«Kobers Kabinctsprcdiger — in dem mehr Geist steckt(freilich oft ein närrischer) als in zwanzig jetzigen ausge-laugten Predigthaufe».