Band 
I.
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Die unsichtbare Loge. 381

und hob hinter ihm die blühende Seele mit ihrentiefsten Wurzeln aus dem körperlichen Treibkastenvoll organisierter Erde. . . . Das Sterben isterhaben; hinter schwarze» Vorhängen thut dereinsame Tod das stille Wunder und arbeitet fürdie andere Welt, und die Sterblichen stehen damit nassen, aber stumpfen Augen neben der über-irdischen Szene. . . .

»Du guter Vater, sagte seine Witwe, wennDirS Jemand vor UZ Jahren hätte sagen sollen,daß man Dich am iZten Mai, wo deine Achlwo-chen angingen, hinaustragen würde." — "SeineAchtwochen, sagt' ich, gehen wieder an, dauernaber länger."

Als ich um eilf Uhr fortging, war mir dieErde gleichsam heilig und Todte schienen mir ne-ben mir zn gehen; ich sah auf zum Himmel, alskönnt' ich im endlosen Aether mir in Einer Rich-tung den Gestorbnen suchen; und als ich obenauf dem Berge, wo man nach Auenthal hinein-schauet, mich noch einmal nach dem Leidcnstheaterumsah und als ich unter den rauchenden Häusernblos das TransrhauS unbewölket dastehen und denTodtengräber oben auf dem Gottesacker das Grabaushauen sah, und als ich Las Leichenläuten sei-netwegen hörte und daran dachte, wie die Witweim stummen Kirchthurm mit rinnenden Augendas Seil unten reiße: so fühlt' ich unser allerNichts und schwur, ein so unbedeutendes Leben zuverachten, zu verdienen und zu genießen.—

Wohl Dir, lieber Wuz, daß ich — wenn ich nachAuenthal gehe und Dein verrasetes Grab aus-suche und mich darüber kümmere, daß die in DeinGrab beerdigte Puppe des Nachtschmetterlingsmit Flügeln daraus kriecht, daß dein Grab einLnstlager bohrender Regenwürmer, rückenderSchnecken, wirbelnder Ameisen und nagenderRäupchen ist, indeß Du tief unter allen diesenmit unverrücktem Haupte auf Deinen Hvbel-soähnen liegst und keine liebkosende Sonne durchDeine Breter und Deine mit Leinwand zugeleim-ten Augen bricht — wohl Dir, daß ich dann sa-gen kann: »als er noch das Leben hatte, genoßers fröhlicher wie wir alle.»

Es ist genug, meine Freunde — es ist zwölfUhr, der Mvnatzeiger sprang auf einen neuen Tagund erinnerte uns an den doppelten Schlaf, anden Schlaf der kurzen und an den Schlaf derlangen Nacht.

Ausläuten oder sieben letzte Worte andie Leser der Lebensbeschreibung undder Idylle.

Äm 2lstcn Junius oder längsten Tage.

Heute wird also meine kleine Rolle, w->-äg-stens für den ersten Auftritt, aus; sobald ich diesieben Worte gar geschrieben habe: so gehen ich

und die Leser auseinander. Aber i ch trete trau-riger weg als sie. Ein Mensch, der den Weg zueinem weiten Ziel vollendet hat, wendet sich andiesem um und steht unbefriedigt und voll neuerWunsche über die zurücklaufende Straße hin, dieseine schmalen Stunden wegmaß und die er, wieeine Medea, mit Gliedern des Lebens übersireuete.Eh' es heute Nacht wurde, hab' ich alle die Pa-pierspähne, die von diesem Buchs fielen, eingesargt,aber nicht, wie andere Schreiber, eingeäschert —ich habe zugleich alle Briefe der Freunde, diemir keine neuen mehr schreiben können, alsAkten der in der Erden-Instanz geschlossenen Pro-zesse inrvtuliert und hingelegt. — So etwas sollteder Mensch stets deponieren und alle Freudenblu-mcn aufkleben, trotz ihrer Bertrocknung, in einemKräuterbuche; nickt einmal seine alten Fracks,Pileschen und Bratenröcke (die übrigen Kleider-stücke charakterisieren wenig) sollte er verschenkenoder versteigern, sondern hinhenken sollt' er sie alsHülsen seiner ausgekernten Stunden, als Pup-pengebänse der ausgeflogenen Freuden, als Ge-wandfall oder todte Hand, die der Erinnerungheimfällt von den gestorbenen Jahren.. . .

-Sobald ich heute am Tage, der so lang

war als dieses Buch, mit dieser Leichenbestattungfertig war: so ging ich in die Nackt heraus, dieso kurz ist wie die des Lebens. .. . und hier stet,'ich unter dem Himmel und fühl' eS wieder wieallemal, daß jede nberstiegne Treppe hienieden sichzur Staffel einer höher» verkürzt und daß jedererkletterte Thron zum Fußschemel eines neuen ein-schrumpft. — Die Menschen bewohnen und be-wegen das große Tretrad des Schicksals und glau-ben darin, sie steigen, wenn sie gehen..-.Warum will ich schon wieder ein neues Buchschreiben und in diesem die Ruhe erwarten, die ich

im alten nicht fand?-Ein buschichter Felsen,

der sich über einen Steinbruch bückt, hält michhier mit meiner Schreibtafel, in der ich diesesBuch zu Ende führen will, in der Nacht des Ju-nius empor, den die Maler, wie den Tod, mit

einer Sense malen.-ES ist über eilf Uhr;

auf dem erlvschnen blauen Himmel-Ozean übernur glimmt nur hier uns da ein zitterndes Pünkt-chen — der Arkturus wirft auS Westen seinekleinen Blitze auf seine Erde» und auf meine —der große Bär blinkt aus Norden, und die An-dromeda aus Osten — der breite Mond liegtunter der Erde neben dem Mittage der neuenWelt — aber die eingesunkne Abendröthe (dieserbunte Sonnen-Schatte) beugt den Tagschimmerder neuen Welt gemildert in die alte herein undwirft ihn über zebn übertäubte Dörfer um michund über den schwarzen allein fortredenden Strom,diese lange Wasseruhr der Zeit, die damit einJahrtausend ums andere misset.-

So jämmerlich ist der enge Mensch; wenn erein Buch hinaus hat, so blickt er zu allen ent-legnen Sonnen auf, ob sie ihm nicht zusehen; —bescheidner wäre es, er dächte, er werde blos vonEuropa und dessen indischen Besitzungen bemerkt.

-Ich wünsche nicht, daß mich hier ein Cherub,

ein Seraph oder nur ein Berggeist mit meinerSchreibtafel und meinen Narrheiten gewahr werde.Mich sehe lieber ein Mensch stehen und schreiben: