Hesp e rus.
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Ein närrisches Billet! Als Viktor hörte, daßAgathe die dritte Grazie sei: so war ihm ein gro-ßes Loch in den Vorhang des Theaters geschnitten,auf welchem Matthieu FlaminS Freund und Aga-thens — ersten Liebhaber machte. Nichts ist fata-ler als ein Nest, worin lauter Bruder oder lauterSchwestern sitzen; gemischt zu einer bunten Reihemuß das Nest sein, Brudern und Schwesternnämlich schichtweise gepackt, so daß ein ehrlicherpastvr N<!o kommen und nach dem Bruder fragenkann, wenn er blos nach der Schwester aus ist,und so muß auch die Liebhaberin eines Brudersdurchaus und noch nöthiger eine Schwester haben,deren Freundin ste ist, und die der Henkel undSchaft am Bruder wird. Unsre türkische An-ständigkeit verlangte also, daß Matthieu mit sei-nem Opecnkucker nach Flamin zielte, um Agathenzu sehen; und daß Klotilden diese besuchte, daFlamin als Mann ohne Ahnen aber von Ehredurchaus seine bürgerlichen Besuche dem kaminer-herrlichen Hause nicht aufdrang. Klvtilde kamoft, und war dadurch in einem mir bis fetzt un-aufgelöseten Widerspruch mit ihrem weiblich-erhab-nen Karakter.
Flamin tauchte Matthieus Bild in einen ganzandern Färbekefsel, als der Mutter ihren: einlüderliches Genie war er und nichts schlimmers.Er machte alles in der Welt nach, und ihn konnteman nicht nachmachen — er konnte alle Spielerder Flachsenfinger Truppe nachspielen und trave,stieren, und die Logen dazu — er verstand mehrWissenschaften als der ganze Hof und ja mehrSprachen, bis sogar auf die Stimmen der Nach-tigall und des Hahns, welche er so täuschend nach-machte, daß Petrarca * und Petrus davongelau-fen wären — er konnte bei den Weibern thunwas er wollte, und jede Hofdame entschuldigte sichmit der andern — denn es gehörte einmal zumTon in Flachsenfingen, seine Treue einmal auf dieProbe gesetzt zu haben. — Man sagt, die Liebegegen ihn wurde wie ein Strumpf bei derWade zu stricken angefangen , es ist aber grund-falsch — es ist daher bei so einer unterbrochenenMäßigkeit in Hvflustbarkeiten kein Wunder, daßer stärker und gesünder war, als der ganzeausgebrannte abgedampfte Hof — nur stechendwar er zu sehr und zu philosophisch, und fast zuschelmisch.
Ich, Viktor und der Leser haben noch immernur eine unbestimmte verwischte Kreidezeichnungvon Matthieu im Kopf. Meinem Helden gefieler ein wenig, wie jeder excentrische Mensch einemexcentrischen; eö war sein Fehler, Laß er derKraft zu leicht die ihrigen, sogar moralische ver-zieh. — Mit verdoppelter Neugierde trat er seine»Weg ins Schloß oder vielmehr in deffku großenGarten an, der an jenes seinen Halbzirkel vongrünen Schönheiten anschließt. Er lief im Hafeneines Laubenganzes ein, und freuete sich, wieder durchlöcherte Schatten der Lauben, um derenEisen-Gerippe sich weiche Zweige wie sanstes Haarund Haarnadeln wickelten, blendend über seinenKörper, glitt. Neben seinem Laubengange st«ch
' Petrarca mied (wie deutsche Rezensenten) die Nachti-gallen und suchte die Frösche.
ein anderer gleich. Er ging versäeten schwarzenPapierschnitzeln als Wegweisern nach. Das Ge-flüster des Morgenwindes warf von einem Zweigeein Blättchen seines Papier herab, das er nahm,um es zu lesen. Er war noch über der erstenZeile: --der Mensch hat dritthalb Minuten, eine--um einmal zu lächeln.. als er an einen fastwagrechten Zopf anstieß, der eine schwarze Her-kules-Keule war, verglichen mit meinem oder desLesers geflochtenem Haar - Rvhrchen. Den Zopfstülpte ein niedergekrempter Kopf empor, der ineinem horchenden Zielen aus einer Lauben-Nischeeine weibliche Silhouette ausschnitt, deren Urbildim Nebenlaubengang mit Agathen sprach. AufViktors Geräusch kehrte die Person, der man dasHalbgesicht durch die Nische entwendete, sich ver-wundert herum, und erblickte den Inhaber desCyklopen-Zvpfes mit der Silhvuettenscheere undden Helden der Hundposttage. Der Inhaberdrückte, ohne weiter ein Wort zu sagen, seineKünstler-Hand durch das Gesträuch und langte ihrihren Schattenriß oder Schattenschnitt hinaus.Agathe nahm ihn lächelnd; aber die Ungenannteschien jenen Ernst, der sich auf weiblichen Gesich-tern in nichts von der Verachtung unterscheidetals in der Zweideutigkeit, gegen den Form - undGesichterschneider anzunehmen, weil er den Ver-dacht des Horchens durch seine Scheere zu sehrerweckte. Viktor konnte von der Ungenanntennoch nichts als die Länge wahrnehmen, die, ob-gleich ein wenig vorgebogen gehalten, doch überdas Gewöhnliche ging. Der Gesichterschneiderdrehte sich mit zwei blitzenden schwarzen Augen ge-gen Viktor herum, empfing ihn recht artig, wußte
dessen Namen, sagte seinen eignen-Matthieu
— und hatte beim achten Schritt schon vier guteEinfälle gehabt. Der fünfte war, daß er mei-nen Helden ungebeten dem Paar in der Seiten-laube vorstellte.
Das-Laubsprachgitter hörte auf, eins weiblicheGestalt trat hervor, und Viktor war darüber sobetroffen, daß er, der wenig von Verlegen-heiten wußte, oder durch sie nur geistreicher wurde,seine Anzugpredigt ohne den Eingang anfing. Unddas war — Klvtilde.
Als sie drei Worte sagte: hörte er so sehr aufdie Melodie, nicht auf den Text, daß er nichtsdavon verstand.. ..
— Hier liegt auf dem schneeweißen Grunde vonSchweizerpapier eben die Silhouette neben mir,die Matthieu von ihr mit der Scheere genommen.Mein Korrespondent will haben, ich soll Klotildenungemein schön vvrschildern (er sagt, hundertDinge sind sonst in dieser Geschichte nicht zu be-greifen) und deswegen schickt er mir (weil er mei-ner Phantasie nicht trauet) wenigstens ihren Schat-tenriß. Und der soll auch unter dem Schreibenin einem fort angesehen werden, um so mehr, daer einem schönsten andern weiblichen Engel, derje aus einem unbekannten Paradies in diese Erdehereinflogen, gleichsam aus den Augen oder viel-mehr aus dem Gesicht geschnitten ist — ich meinedas Fräulein von * *, jetzige Hofdame in Scheerau;ich weiß nicht, ob sie alle Leser kennen.
Viktor kam es vor, als wenn auf einmal seinBlut herausgedrungen wäre und mit warmen
Leo« Bxul'S Werke I.
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