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H esp erus.
Flamin macht' es noch ärger : er konnt' es nichterwarten, daß die Wirklichkeit selber KlvtildensMadonnenbild in Viktors Gehirnkanimer» auf-hing; er kam ihr mit der Federzeichnung einesMalers zuvor, die wenigstens nicht — kalt istdenn Maler schreiben im ästhetischen und imkalligraphischen Sinne selten gut. DerMaler hatte, blos um Klvtilden zu sehen und zuzeichnen, fast alle Sonntagmorgen auf einem Bergvon Maienthal gelegen, wo er die glänzendeLandschaft um das Stift auf seine Blätter trug,und den schönen Kopf, der aus dem achten Fensterheraussah, in sein Herz. Sogar Flamin, dersonst sogar die prosaischen Buchdruckerstöcke überdie lebenden Oelgemälde der Dichtkunst stellte,fand an der folgenden Madonna oder Klotilde desMalers Geschmack:
"Wenn mein Ich ein einziger Gedanke ist und„brennt, und wennich , von Flamme» umweht, die"Hand in Farben tauche, um mich darin abznküh-"len — wenn dann die hohe Schönbeit * , die„ewig in mir firalet, ihr Spiegelbild auf die„Wellen, die Himmel und Erde zitternd malen,"herunterfallen lässet, und den klaren Strom ent-"flammt, wenn alsdann ein dem Himmel enlsunk-„nes Pallasbild auf dem Strome ruht, eine Lili-»enhülle, und eines aufgeffognen Engels wegge-fegte Flügeldecke — eine Gestalt, deren nnbe-"sleckte Seele kein Leib, sondern der Schnee um-"wallst, der um den Thron Gottes liegt, und"aus dem die Enge! ihre flüchtigen Reisekörper"bauen — und wenn die zarteste Bekleidung zu„grob und hart, und ein hölzerner Rahmen um"diesen geistigen Hauch auf dem Antlitz würd, um"diesen zitternden Blumensammet von Fleisch, um--diese Haut aus weißen Rosen von rothen durch-"glvmmM — wenn dieser Wiederschein meiner"leuchtenden Seele auf die Farbenfläche fällt; so"wendet sich jeder um, und denkt: Klotilde'ruht»am Ufer und schlummert. ... Und hier ist meine»Kunst aus; denn ach, wenn sie erwacht, und»wenn erst die Seele diese Reize wie Schwingen„bewegt — wenn die verschlossene Lippenknvspe»zum Lächeln aufbricht, und der Busen einen hal-fen Seufzer einathmet und blöde nicht ausath-">net — wenn die Seufzer in Gesänge verhüllet»aus diesen Lippen, die wie zwei Seelen einander"überschweben , aber nicht berühren, wie Bienen»aus Rosen, ziehen —wenn sich das Auge zwischen^"Glanz und Thränen bewegt — wenn dann end-lich die Göttin der himmlischen Liebe zu ihrer»Tochter tritt und elektrisch ihr stilles Herz be-rührt, und sagt: liebe auch! und wenn nun alle»Reize erbeben und aufblühen, zögern und»schmachten, hoffen und zagen, und sich das träu-»mende Herz tiefer in seine Blüten verschließet»und zitternd sich hinter eine Thräne vor dem»Glücklichen versteckt, der eS erräth und ver-dient. . . . Dann verstummt die Glückliche, der»Glückliche und der Maler.» — —
Viktor sah den Glücklichen neben sich, der seinFreund war, mit feuchten Augen an, und sagte:
* Das Ideal des Schönen.
"Wie die Rabbine» nach EiscnmcngerS Ziidenihumk>. !t. 7. glauben.
das warst du werth! — Aber nun stachen ihnzwanzig Spvrnräder, Agathen nachzufolgen inSSchloß, die Federzeichnung des Malers — dieKleiLerordnung — die Verwandtschaft — die Be-gierde , die jeder Mensch hat, die Huldin und Jn-fantin seines Freundes zu sehen — die Begierde,die nicht jeder hat, aber er, jemand zum ersten-male (lieber als zum achtenmale) zu sprechen —am meisten der gestrige Abend. Flamins Feuerhatte Viktors Brust gestern ganz voll Zunder ge-brannt, durch welchen lauter Funken liefen — erhätt' ihm alles gleichgültig vorstellen sollen, weilder Kampf gegen die Liebe sich von« Kampfe fürsie in nichts unterscheidet, als in der Rangordnung.Aber der Leser glaube ja nicht, jetzv werde (wie ineinem entmannten und entmannenden Roman) inder Biographie der Teufel loSgehen und der Held insSchloß marschieren und da vor Klotildcn hinfallenund kniefällig flehen: »sei die Heldin» und sich mitihr herumzanken aus Liebe und mit dem vorigenPastor sido auS Haß, und werde wirklich nichtsanders machen, als den ästhetischen selbstsüchtigen,empfindsamen—Schuft. Weint ich letztes wünschte,so könnt' ich mich nur damit entschuldigen,daß ich dann etwan zu einigen biographischenMordthaten und Duellen käme; ich hoffe aber, ichwerde schon ohne Nachtheil der Moral und ehrliches zu einem und dem andern Mord- und Todtschlagin diesen Blättern treiben — wenigstens im letztenBande, wo jeder ästhetische Schnitter seine Leuteausholzet, und die Hälfte in das Gefängniß oderdie Familiengruft des Dinkenfasses wirft.
Viktor hatte zu viel Jahre und Bekanntschaf-ten, um so ohne Respekt Tage unL Doppel-tlso — auf dem Platze — noch vor dem Abendes-sen — eito elttsoime —was hast du was kannst du
— verliebt zu werden. Sein Sehnervs zerfasertesich täglich in feinere zartere Spitzen, und be-rührte alle Punkte einer neuen Gestalt, aber diewunden Fühlfäden krümmten sich leichter zurück; injedem Monate machte ei» ungesehenes Gesicht,wie neue Musik, einen stärkern und kürzernEindruck. Er konnte sich nur in die Liebe hinein
— reden, nicht hineinschaue». Blos Worte, vonTugend und Empfindung beflügelt, sind die Bie-nen, die den Samenstaub der Liebe in solchenFällen von einer Seele in die andre tragen.Eine solche bessere Liebe aber wird vom kleinstenunmoralischen Zusatz vernichtet; wie könnte sie sichZusammensetzen und heraufläntern in einem besu-delten Herzen, Las der Hochverrath gegen eine»Freund erfüllte?
Viktor wMe schon um halb zehn Uhr insSchloß, aber die Kammerherrin hatte die Augen-braunen und den Seidcnpudel noch nicht ausge-kämmt. — Seebaß brachte ein Billet an Fla-min :
»Ich sehe Sie, mein Theuersier, heute nicht.»Mich binden drei Grazien an; und die dritte»haben Sie selber geschickt. Sagen Sie Ihrem"brittischen Freunde, er soll mich lieben, Laich»Sie liebe. Ohne Sympathie kann wohl die»Chirurgie bestehen, aber nicht die Freund-schaft.
Ihr
Matthieu.»