Band 
I.
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Hesperus. 411

schlecht Hiebe führte. So sagte er heute z. B. :Mädchen und Himbeere» hätten schon Maden, eh'sie nur reif wären — die weibliche Tugend wäredaL glühende Eisen, das eine Frau (wie auchsonst bei den Ordalien) vvm Taufstein (Tauf-tag) bis zum Altar (Trautag) zu tragen hätte,um unschuldig zu sein,», s. w.

Nichts fiel Klotilden — und so hab' ichs allemalbei den Besten ihres Geschlechts gefunden — em-pfindlicher, als Satire auf ihr ganzes Geschlecht;aber Viktor erstaunte über ihre dem Geichlechtund der Welterfahrenheit gleich sehr eigne Kunst,es zu verbergen, daß sie — dulde und verachte.

Des Evangelisten Beispiel machte, daß auchViktor anfing zu phosphoreszieren auf allen Punk-ten seiner Seele — der Funke des Witzes umliefden ganzen Kreis seiner Ideen, die einander wieGrazien bei der Hand faßten, und sein elektrischesGlockenspiel übertraf des Junkers Entladungen,welche Blitze waren und nach Schwefel stanken.Klvtilde, die sehr beobachtete, mißtrauete den Lip-pen und dem Herzen Sebastians.

Der Hvfjunker hielt ihn für seines Gleichen undfür verliebt in Klvtilde; und das aus demGrunde, „weil der lustigere oder ernstere Ton,„worin ein Mann in einer Gesellschaft verfalle,

° „ein Zeichen sei, daß ein weiblicher Zitteraal darin„in seinen Busen eingeschlagen." Ich muß es ge-stehen , Viktors überwallende Seele ließ ihn niejenen Ausdruck der Achtung für Weiber treffen,der sich nicht in unzeitige Zärtlichkeit verirrt, undden er oft gebildeten Weltleuten beneidete; seineAchtung sah leider allemal wie eine Liebeerklä-rung aus. — Die Kammerherrin hielt ihn für sofalsch wie ihren Cicisbeo ; Leute, wie sie, begreifenkein anderes Wohlwollen, als höfliches oder ein-fädelndes.

Man behielt unsern Helden den ganzen Tag undden halben Abend drüben.

Den ganzen Tag war er nicht im Stande —obgleich die unsichtbaren Augen seines innernMenschen voll Thränen standen über Klotildeusedle Gestalt, über ihre verborgne Trauer um diekalte hinabgesenkte Freundin, über ihre rührendeStimme, wenn sie blos mit Agathen sprach —gleichwohl war er nicht im Stande, nur ein ernst-haftes Wort zu sagen : gegen Fremde zwang ihnseine Natur allemal im Anfang einige satirischeund ankere Hasensprünge zu machen. AberAbends, da man im feierlichen Garten war, dasein gewöhnlicher Schauer vor der Leerheit desLebens durch die Lustigkeit heftiger wurde — daswurde jener dadurch allezeit; hingegen durch ernst-hafte, traurige, leidenschaftliche Gespräche nahm erab — und da Klvtilde ihm blos eine sehr kalte,gleichsam von einem Vater auf ihn angewieseneHöflichkeit gewährte, und den Unterschied zwischenihm und dem Matthieu, der keine zweite Welt undkeinen dafür organisierten innern Menschen annahm,nicht in seiner ganzen Größe errieth : so würd'ihm beklommen ums sehnende Herz, zu vieleThränen schienen seine ganze Brust anzufüllen unddurchzudrücken, und so oft er zu dem großen tie-fen Himmel aufblickte, sagte etwas in seiner Seele:schier dich gar nichts um den feinen Cercle undrede heraus !

Aber es gab für ihn nur Eine Seele, an derjene Erhöhtritte wie an Pedalharfen geschaffenwaren, die jedem Gedanken einen höbern Sphä-renton ertheilen, dem Leben einen heiligen Werthund dem Herzen ein Echo aus Eden; diese Seelewar nicht sein sonst so geliebter Flamin, sondernsein Lehrer Dahvre in England, den er achschon lange aus seinen Augen, aber nie aus seinenTräumen verloren. Der Schatten dieses großenMenschen stand gleichsam an die Nacht geworfen,flatternd und aufgerichtet vor ihm, und sagte:"Lieber, ich sehe Lein inneres Weinen, dein srom-"Mes Sehnen, dein ödes Herz und deine ausge-"breiteten bebenden Arme; aber alles ist umsonst:"Du findest mich nicht und ich Dich nicht." Erschauete an die Sterne, deren erhebende Kennt-niß sein Lehrer schon damals in seine junge Seeleangeleget hatte; er sagte zu Klvtitden: --die Tvpv."graphie des Himmels sollte ein Stück unserer"Religion sein; eine Frau sollte den Katechismusund den Fontenelle auswendig lernen." Er be-schrieb hier die astronomischen Stunden seinesDahvre und diesen selber. —

Aus Klotildens Angesicht brach eine großeVerklärung, lindste zeichnete mit Worten undMienen ihren eignen astronomischen Lehrer imSliste ab — daß er eben so edel sei und eben sostill — daß seine Gestalt so gut besser mache, wieseine Lehre — daß er sich Emanuel nenne undkeinen Geschlechtnamen führe, weil er sage: »am"verfliegenden Menschen, an seinem jo eilig ver-hakenden Stammbaum, sei zwischen dem Ge-"schlechtnamen und Taufnamen der Unterschied zu"klein:" — daß leider seine veredelte Seele ineinem zerknickten Körper lebe, der schon tief insGrab einhänge — daß er nach der Versicherungihrer Aebtissin der sanfteste und größte Menschsei, der noch aus Ostindien (seinem Vaterlande)gekommen, wiewohl man über einige Sonderbar-keiten seiner Lebensart in Maienthal wegzusehenhabe.-

Matthieu, dessen Witz die Schönheitlinie, denGiftzahn, den Sprung und die Kälte den Schlan-gen abborgte, sagte leise und unbefangen: „es ist»gut für seinen siechen Körper, Laß er hier nicht„Astronom und Nachtwächter zugleich wurde; er„suchte vor einigen Jahren darum an, um ein„Sehrohr und ein Horn."

Klolilde wurde zum erstenmale von einer zürnen-den Nöthe überflogen, wie der Morgen vor demRegen: „wenn Sie ihn (sagte sie schnell) blos aus„meiuer Schilderung kennen, so können Sie diese/Sonderbarkeit unmöglich unter den seinigen su-„chen." Aber der Kammerherr trat dem Junkerbei, und sagte, Emanuel sei wirklich vor fünf Jah-ren mit diesem Gesuche abgewiesen worden. Klv-tilde sah den einzigen, dessen Aufmerksamkeitnicht ironisch war, unsern Viktor, den der Wi-derschein ihrer Verklärung schmückte, wie umHülfe an, und fragte mehr hoffend als behaup-tend : „sollte man so etwas einem solchen Kopfe„zutrauen?" — „Meinem Kopf eher — (versetzteer, um auszuweichen; denn er, der dem jetzigenPapste widersprochen hätte, konnte oft unmöglichschönen Lippen widersprechen, zumal einer mit sovieler Hoffnung auf sein Nein vorgelegten Frage