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Hesperus.
derselben) — „so oft ich Nachts durch Dörfer„gehe, so hör' ich den leiblichen Nachtwächter lis-„ber als den geistliche». In der horchenden stil-lsten Nacht, unter dem ausgebreiteten Sternen-„himmel liegt im homiletischen Eulengesang des„Nachtwächters etwas so Erhabnes, daß ich mir„hundertmal ein Horn wünschte und sechs„Verse." —
Der Kammerherr und sein Lssoeiö hieltens fürverfehlte Persiflage; letzter setzte die seinige —vielleicht um Klotilden, zum Vortheil seiner mitUnterzieh-Busen und Unterzieh-Steiß bewaffnetenHerzens - Zaarin, zu mißfallen — unverschämtfort, und führte an: daS beste Mittel, den nam-haften Namenlosen traurig zu machen, sei einsehr lustiges, eine Komödie — freilich rührte ihn»och stärker ein Poffenspiel, wie er selber an ihmin Goethes moralischem Puppensxiel oder Jahr-markt gesehen.
Da flog dem betroffnen Viktor ein neuer Ge-sicht und eins neue Stellung an; denn er wargerade wie Emanuel. Ein Jahrmarkt mit seinenhinab- und Hinauflaufenten Menschen - Bächen— mit dem Vor- und Zurückspringen der Ge-stalten wie an einer Bilderuhr — mit der fort-summenden Lust, in der Geigengeschrei und Men-schengezänk und Viehgeblök zu einem einzigenbetäubenden Brausen zusammenfließen — undmit den Buden - Waarenlagern, die ein imisivi-scheS Bild des kleinen aus Bedürfnissen zusam-mengeflickten Lebens reichen-ein Jahrmarkt
machte durch alle diese Erinnerungen an diegroße frostige Neusahrmesse des Lebens Vik-tors edlen Busen schwer und voll; er versanksüß - betäubt in das Getöse, und die Menschen-Reihen um ihn schlössen seine Seele in ihrestillern Phantasien ein. Das war die Ursache,warum ihn Goethes hogarthisches Schwanzstückeines Jahrmarkts (so wie Shakspeare) immermelancholisch zurückließ; so wie er überhauptgerade im Niedrigkomischen das hohe Ernsthafteam liebsten fand — (Weiber sind nur zum umge-kehrten Funde fähig) — und ein komisches Buchohne jeden edlern Zug und Wink (z. B. Blumau-erS Aeneis) konnt' er so wenig wie La Mcttriesekelhaft lachendes Gesicht ertragen, oder die Ge-sichter auf den Titelkupfern des Vademekums. —-
Er vergaß sich und die Nachbarschaft wie einwahrer Jüngling, breitete die Arme halb aus,und sagte mit einem Auge, in dem man die sehn-süchtig an einem Bilde Emanuels arbeitendeSeele sah »nun kenn' ich dich, du Namenloser!
,du bist der hohe Mensch, der so selten ist.-
Ich versichere Sie, Herr v. Schleunes, an',Hrn. Emanuel ist was!. . . Nein, unter diesem„Leben im Flug sollte doch das Ding, das so iwes-„tismino hinschießt aus einem Regenschauer in,',den andern und von Gewölks zu Gewölks, doch„nicht in Einem fort den Schnabel aufsperren„zum Gelächter... Ich las heute wo: der,,Mensch hat nur dritthalb Minuten, und nur,eine zum Lächeln. - - . Er war ganz in seineGefühle verirrt: sonst hätt' er mehr zurück-behalten, besonders die letzte Zeile auS dem imGarten gesund ncn Blättchen. Klvtilde wurdeüber irgend etwas betroffen. Er hätte jetzv gern
LaS Blättchen hinauögelesen. Sie erzählte ihmnun diejenigen Sonderbarkeiten von ihrem Leh-rer, in die sie sich besser zu sinken wußte: daß erein Pythagvräer sei — nur in weißen Kleiderngehe — mit Flöten sich einschläfern und wecke»lasse — keine Hülsenfrüchte und Thiere elfe-und oft die halbe Nacht unter den Sternengehe.
Er ruhte, in stummes Entzücken über den Leh-rer verloren, mit enthusiastischen Augen auf denfreundschaftlichen Lippen der Schülerin, die derGeschmack an einem erhabnen Sonderling adelte.Sie fand hier den ersten Mann, den sie in einen»»geheuchelten Enthusiasmus für ihren pythagvri-schen Liebling setzte; und alle ihre Schönheitenwandten sich blühend nach Emanuels Bild, wiedie Blumen nach der Sonne. Zwei schöne Seelenentdecken ihre Verwandtschaft am ersten in dergleichen Liebe, die sie an eine dritte bindet. Dasvolle begeisterte Herz verschweigt und verhüllt sichgern in einem Putzzimmer, das lauter ungleichar-tige hegt, aber wenn es darin sein zweites antrifft,so muß eö darüber sein Verstummen und Verhül-len und das Putzzimmer vergessen.
Viktors Quecksilber seiner morgentlichen Lustig-keit war um zehn Grade gefallen. In seiner däm-mernden Seele ragte nichts hervor als der Zettel,den er lesen wollte, und auch schon las draußenauf der Gasse; und vorher schied er.
Das Blatt war aus Klotildens fliegendemStammbuch geflattert und von — Emanuel ge-schrieben.
"Der Mensch hat hier dritthalb Minuten,'-eine zu lächeln — eine, zu seufzen — und eine--halbe, zu lieben; denn mitten in dieser Mi-"iiuts stirbt er.
»Aber das Grab ist nicht tief, es ist der leuch-„tende Fußtritt eines Engels, der uns sucht.»Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil an»daS Haupt des Menschen sendet: so bückt er vor-»her das Haupt und der Pfeil hebt blos die Dvr-»nenkrone von seinen Wunden ab *.
»Und mit dieser Hoffnung zieh' auS Maienthal,»edle Seele; aber weder Welttheile noch Grä-»ber, noch die zweite Welt können zwei Meu-»schen zertrennen oder verbinden; sondern nur»Gedanken scheiden und gatten die Seelen. —
»O dein Leben hänge voll Blüten! Aus dei-»nem ersten Paradies müsse ein zweites, wie»mitten auS einer Rose eine zweite, sprießen!»Die Erde müsse dir schimmern, als ständest du»über ihr und sähest ihrem Zug im Himmel nach!» - Und wie Moses starb, weil ihn Gott küßte:»so sei dein Leben ein langer Kuß des Ewigen!»Und dein Tod werde meiner.. . . 'Emanuel.
»O du guter, guter Geist! (rief Viktor) ich»kann dich nun nicht mehr vergessen — du mußt,»du wirst mein schwaches Herz annehmen!» Vonseinen innern Saiten waren jetzt die Dunsttropfe»die ihren Klang aufhielten, abgefallen. SeinKopf wurde eine helle Landschaft, in der nichts
" Vielleicht eine Anspielung auf das für die Phantasieliebliche Märchen, daß in Neapel ein Crucifix, da darin Äl-phons 1439 belagert wurde, den Kopf vor einer Kanonenku-gel neigte, die also nur die Dornenkrone nahm.
(1'un V!. x. 303.