Band 
I.
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Hesperus. 421

Zufolge ihrer Erzählung hatte dieser Emanueleine hart erhabene Stellung unter den Menschen;er war allein, an seiner Brust waren großeFreunde gewesen — aber alles war ihm unter dieErbe gegangen — darum wollt' er auch sich darun-ter verhüllen. Die Jahre geben dem stürmischenüberkräftigen Menschen eine schönere Harmonie desHerzens, aber den verfeinerten kalten Menschennehmen sie mehr, als sie geben; jene Kraftherzengleichen den englischen Gärten, die das Alter im-mer grüner, voller, belaubter machtj; hingegender Weltmann wird, wie ein französischer, durchdie Jahre mit ausgedörrten und entstellten Bestenüberdeckt.

Viktor wurde ängstlicher; jedes Wort, das erihr abgewann, hielt er für Tempelraub an seinemFreund, da ohnehin der letzte nicht so gut als erdie Kunst verstand, mit einer Frau in ein Ge-spräch zu kommen. Jener hatte nicht den Muthzu glänzen, weil er dadurch um ihren Beifall mitseinem Freunde zu wetteifern besorgte. SeinFlamin kam ihm heute länger, schöner, besser vor;und er sich kürzer und dümmer. Er wünschtetausendmal, sein Vater wäre schon da, damit erihm Flamins Bitte, ihm Klotildens Besitz leichterzu machen, mit dem größten Feuer übergebenkonnte.

Endlich kam er, und Viktor athmete wiedervoll. Der gute Mensch sucht oft durch aufopferndeThaten sein Gewissen wieder mit seinen Ge-danken auszusöhnen. Mit herzklvpfendem En-thusiasmus wartete er auf die Minute der Ein-samkeit. Ein Garten vereinzelt und verbindetLeute auf die leichteste Weise, und nur darinsollte man Geheimnisse vertheilen; Viktor konntebald in einer Laubs, die sich an vier Kastanien-bäumen mit Blütengeäder über den Menschenzusammennistete, mit gerührtem Zittern seinenVater umfassen, und für seinen Freund sprechenund glühen mit Zunge und Herz. Des LordsUeberraschung war größer, als dessen Rührung."Hier (sagt' er) ist deine Bitte auf eine andere»Art längst erfüllt; ich wollte dir aber das Ner-»gnügen der Botschaft aufheben" — und damitgab er ihm ein allerhöchstes Handbillet, worin derFürst den praktizierenden Advokaten Flamin zumRegierungrath beruft.

Ein allerhöchstes Handbillet ist daS Tetragram-matvn und Gnadenmittel, das die übernatürlichenWirkungen und StaatSwunder thut; und derdurchlauchtige Schreib-Daumen ist gleichsam ei»zauberischer Diebs-Daumen, der die verschiedenenRäder der Staats-Repetieruhr, das Heberad, daSZifferblattrad, oft blos den Zeiger vorauS-oder zurückstößest, je nachdem er eine Stunde frü-her oder späten begehrt. - Daher steigen oft Mini-ster hinauf und schneiden sich einen solchen Diebs-daumen für ihre Taschen ab.

Sebastian wird von der Freude wie von Haba-kuks Engel beim Schöpfe erfaßt und Lurch denGarten geführt, und mit seiner Novelle an denersten besten getrieben — an den Kaplan, welchermit einem närrischen Gesicht beschwor, es wärennur Finten von Viktor; aber der verhaltn« Jubelsprengte ihm fast die zugebundene Ader auf.Viktor hatte keine Zeit, zu widerlegen; sondern

eilte mit einer solchen Botschaft an Las rechtsHerz, in das ste gehörte — aus mütterliche. DieMutter konnte ihren Mund zu nichts als einemseligen Lächeln öffnen, in das die Augen ihreFreudentropfen gössen. In -der Natur ist keineFreude so erhaben rührend, als die Freude einerMutter über das Glück eines Kindes. Aber derSohn, in dessen heutiger Seele dieser Sonnen-blick des Schicksals nöthig war, wurde in derUeberraschung nicht sogleich gefunden.

Der Lord sprach unterdessen mit Klotilden wiemit seiner Tochter, und gab ihr einen Brief vonihrer Mutter und die Nachricht seiner nahen Ab-reise. Sein von Achtung geleitetes und von Fein-heit verschönertes männliches Wohlwollen veredelteihre Aufmerksamkeit auf seine Mienen, und als sieaus dem warmen leisen Gespräch mit glänzendenAugen ging, war ihre hohe Gestalt, die sich sonstein wenig bückte, von einer Begeisterung zum er-habnen Wüchse aufgerichtet, und sie stand unend-lich schön in dem Tempel der Natur, wie einePriesterin dieses Tempels. — Der Lord entferntesich von ihr. — Sie fand Flamin am Tulpen-K,und die Göttin des Glücks erschien ihm in derholdesten menschgewvrdnen Gestalt, um ihm ihrGeschenk zu liefern. Freilich setzte ihn hier dieZeitung und die Zeitunglrägerin in gleiches Ent-zücken.

Die Freude hatte den ganzen Bienengarten ineinem Schwarmsack zum Chaos zusammengerüttelt.

Die schäumende Weingährung mußte sich erst zumhellen stillen Entzücken abarbeiten. Der Lord gingder mit so vielen Ripienstimmen besetzten Dank-barkeit aus dem Wege und an seinen Wagen, alsihn die Mutter mit ihrer stummen Herzfülle er-reichte; aber ste konnte nichts aus der froh be-schwerten Brust auf die Lippen heben, als diedemüthigen Worte: „heute sei sein Geburttag,„und sein Sohn wiff' es nicht und habe auch mit„einer Entzückung überrascht werden sollen." Erwollte ihr mit einem dankbaren Lächeln entfliehen,und sagte, daß er zum Fürsten zurückzueilen habe,der vielleicht auf eben diesen Tag eine so gütigeRücksicht genommen, wie sie; allein Sebastianholte mit dem gefundenen Freund ihn an der Gar-tenschwelle ein, und der eilende Lord verspätetesich noch durch eine schnelle Umarmung seinesSohnes. Erst als er weg war, faßte die Mutter,die ihre Liebe zu entladen suchte, Viktors Handzärtlich an, und vergaß die Abrede und fragte:

„o Theuerster! warum haben Sie ihm denn nicht„Glück gewünscht zu seinem Geburtstage? Denn„i ch konnte ja nicht." Jeho verstand und fühlteer erst die schnelle Umarmung seines Vaters undbreitete die Arme nach ihm aus, und wollte sieerwiedern.

Darüber traf auch der alte Pfarrer aus demGarten ein, und sagte wie närrisch : „ich wollt',„er wäre Regierungrath;" aber die Frau sagteohne darauf zu antworten, mit überfließenderStimme und Liebe zu ihm : „So ein Wiegenfest„hast du noch nicht erlebt wie heute, Peter! "Agathe sah sie fragend und zurechtweisend an.»Fahre nur damit heraus — sagte sie, und umfingdie zwei Kinder, und zog beide in die väter-' liche Umarmung hinein — „und wünscht eurem