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von einem Freunde vorlesen lassen, dem er trauenkonnte; er konnt' aber keinem trauen. Alleineine Freundin fand er aus, die den glänzendenVorzug seines Vertrauens verdiente, und die nie-mand war, als — Klotilde. Er, der seine Ge-heimnisse nicht wie ein Jüngling verschleuderte,durft' es dennoch wagen, Klotilden in den Besitzseiner größten zu setzen, und sie zur Buchhalterinund Vorleserin der Briefe ihrer Mutter zumachen, der sogenannten Nichte. Ueberhaupthielt er die weibliche Verschwiegenheit für größerals unsere — wenigstens in wichtigen Dingen und
in Sachen geliebter Männer.-Aber man
höre, was der Teufel im letzten Winter that: mirists bedenklich.
Der Lord erhielt einen Brief von der MntterFlamins, worin sie ihre alten Bitten um eineschnellere Erhebung des geliebten Kindes, und dieFragen über sein Schicksal im Pfarrhaus, wieder-holte. Zum Glück machte gerade Klotilde einenBesuch in St. Lüne und ersparte ihm die Reisenach Maienthal. Er besuchte den Kammerherrn,um von seiner Vorleserin den Brief zu hören.
" Mit Mühe fand er im Zimmer Klotildens einennbelaujchte Stunde aus. Als er sie endlich hatte,und Klotilde den Brief vorlas, wird diese durchdie Stiefmutter von der Vorlesung weggerufen.Der Lord höret sie sogleich wiederkommen, denBrief nur Lunkelmurmelnd überlesen, und leisesagen, sie gehe wieder, komme aber gleich zurück.Nach einigen Minuten kömmt Klotilde, und dader Lord fragt, warum sie zum zweitenmal fort-gegangen, streitet sie das zweite Gehen ab — derLord betheuert — sie gleichfalls — endlich fälltKlotilde auf die bittere Vermuthung, ov nichtMatthieu dagewesen und mit seiner Theaterkunstund Kehle, worin alle Menschenstimmen steckten,sie selber nachgespielt und travestieret habe, umunter ihrem Kreditiv den wichtigen Brief zu lesen.Ach es war zu viel für die Vermuthung, und zuwenig dagegen! Zwar konnte Matthieu jetzt anFlamin, dessen akademische Laufbahn eben aus-gelaufen war, die Oktoberprobe der Schulterde-vise nicht vornehmen; aber er klebe sich doch (schieneS nachher Klotilden und dem Lord) niit seinenLaubfrvschfüßen an diese gute Seele an, und unterdem Deckmantel der Liebe gegen Agathe und gegenden Frennd häng' er seine Fäden aus, lasse sievom Winde zwischen dem Fürstenschlosse undPfarrhause aufspanne», spinne immer einen überden andern, bis endlich sein Vater, der MinisterSchleunes, das rechte Netz zum Umwickeln desFanges zusammengezwirnt hätte.... Ich gesteh'es, durch diese Vermuthung geht mir ein Lichtüber tausend Dinge auf. —
Viktor erstaunte ärger als wir, und schlug demLord vor, ob er nicht ohne Schaden seines EidesKlotilde» seinen Eintritt in diese Mysterien offen-baren könnte, da er zwei Gründe dazu hätte:erstlich werde ihrer Delikatesse die Verlegenheitüber den Schein erspart, den ihre schwesterlicheLiebe sonst nach ihrer Meinung in seinen Augenhaben müßte * — zweitens behalte man ein Ge-
' Daher sie auch, so lange Viktor im Pfarrhause war, derGesellschaft Flamins auswich.
erus.
heimniß besser, wenn nur noch Einer daranschweigen helfe, wie von Midas Barbier und demSchilfrohr bekannt sei — der dritte Grund war,er hatte mehre Gründe. Natürlicher Weise schluges ihm der Lord nicht ab.
Uebrigens führte er seinen Viktor mit keinempedantischen Marschreglement auf die Eisbahn undStechbahn des Hofes. Er rieth ihm blos, nie-mand zu absichtlich zu suchen und zn meiden —besonders das Schleunessche Haus — blos seinenFreund Flamin, cen Matthieu lenke, abzuzäu-men , und ihn, anstatt am Zaume, lieber an derfreundschaftlichen Hand zu führen — blos denRang eines Doktors zu begehren und mehr nicht.Er sagte, Regeln vor Erfahrungen wären Geo-metrie vor dem Staarstechen. Sogar nach derErnte der Erfahrungen wäre Gracians kvininecke couv und Rochefvucaults Maximen nicht >ogut als die msimviu«» und Geschichte der Höfe,L. h. die Erfahrungen andrer. Endlich berief ersich auf sein eignes Beispiel und sagte, es wärenerst wenige Jahre, daß er folgende Regeln seinesVaters begriffe:
Der größte Haß ist, wie die größte Tugend unddie schlimmsten Hunde, still. Die Weiber ha-ben mehr Wallungen und weniger Ueber-wallungen, als wir. — Man hasset am andernnichts so sehr, als einen neuen Fehler, den ererst nach Jahren zeigt. — Die meisten Narrhei-ten verübt man unter Leuten, nach denen mannichts fragt. — Es ist die gewöhnlichste und schäd-lichste Täuschung, daß man sich allzeit für deneinzigen hält, der gewisse Dinge bemerkt. —Die Weiber und sanfte Leute sind nur zaghaft ineignen Gefahren, und herzhaft in fremden, wennsie retten sollen. — Traue keinem (und wär' esein Heiliger) der in der geringsten Kleinigkeitseine Ehre im Stiche lässet; und einer solchenFrau »och weniger. — Die meisten verwechselnihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe, und geben Wun-den der einen für Wunden der andern aus, undumgekehrt. — Was wir aus Menschenliebe vor-haben, würden wir allemal erreichen, wenn wirkeinen Eigennutz einmischte«. — Die Wärmeeines Mannes wird von nichts leichter ver-kannt, als von der Wärme eines Jünglings.-
Die letzte Bemerkung; die sich vielleicht näherbezog, hatt' er schon am Ufer der Insel in derStellung des Abschieds gemacht, den er mit jenerbesonnenen Höflichkeit nahm, die in seinem Standesogar Eltern und Kindern die Hände und Armeführt.
Dntter Schalttag.
Wetterbeobachtungen über de» Menschen.
Da ich im vorigen Kapitel die Kernsprüche desLords niederschrieb: so sah' ich, daß mir selbereigne einfielen, die für Schalttage zu brauchenwären. Ich habe niemals Eine Bemerkung al-