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Hesperusi
daß er es leben müßte, als wie er eS müßte.
Am «ehesten that ihm gerade die sinnliche Klei-nigkeit, daß sein Vater noch allein nnd verhülltin der Insel geblieben war. Einmal siel ihn dieVermuthung an, ob nicht das meiste nur drama-tische Maschinerie gewesen sei, die sein Vater(der in der .Jugend ein Tragödiendichter gewesen)gebraucht Habs, um seinem Gelübde der Ver-schwiegenheit mehr Festigkeit zu gebe» — aber so-gleich ekelte ihn seines eignen Herzens. Warumsind die reinsten Seelen mit einer Menge ekelhafter,gütiger Gedanken gequält, die wie Spinnen anden glänzenden Wänden Hinaufkriechen und diesie nur die Mühe todkzudrücken haben? Ach unsreSiege unterscheiden sich nicht ganz von unsernNiederlagen!
ES ist sonderbar, daß er den perspektivi-schen Gedanken an Klotildens Blutverwandtschaftmit Flamin am wenigsten verfolgte.
Wenn der Mensch von der Vernunft keine bal-samischen Mittel erlangen kann: so fleht er dieHoffnung und die Täuschung darum an; und beidezertheilen dann gern den Schmerz. So wie heutenach uns nach am Himmel durch lichte Fugen dasBlaus durchriß, und wie das Nebelmeer zu hän-genden Seen einlief: so gingen auch in ViktorsSeele die dunkeln Gedanken auseinander. — Undals die geschwollnen Wolkenklumpen im weitenBlau zu Flocken eingingen, bis endlich das blaueMeer alle Nebelbänke verschlang und nichts aufseiner unendlichen Fläche trug, als die herunter-lodernds Sonne: so reinigte sich auch ViktorsSeele von Dünsten, und das Sonnenbild Ema-nuels, den er heute erreichen sollte, schien sanftund warm und wolkenlos in alle seine Wun-de» . . . Die Gestalt seines geliebten Dahore —die Gestalt seines geliebten Vaters — die Gestaltseiner verhüllten Mutter und alle geliebten Bil-der ruhten wie Monde in einer wehmüthigenGruppe über ihm, und diese Wehmuth und derheilige Schwur, tugendhaft zu bleiben und allenWünschen seines Vaters zu gehorchen, wehten sei-ner entzündeten Brust einigen Trost über das vä-terliche Schicksal zu.
Er konnte heute noch die Sonne hinter Mai-enthalS Kirchthurm untergehen sehen.
Der weite ausgeheiterte Himmel machte ihnweicher — der Gedanke, heute an das Herz einesedeln Menschen zu fallen, dessen Seele über die-sem blauen Dunstkreis wohnte, machte ihn größer—die Hoffnung, von diesem Menschen über dasganze Leben getröstet zu werden, machte ihn stil-ler. —
Er eilte und sein Eilen zog den wehmüthigstenLautenzug seiner Seele. Denn er ging nicht überdie Sommergesilde, sondern die Sommergefildewandelten vor ihm vorüber —eine Landschaft nachder andern, Theater mit Wäldern, Theater mitSaaten flogen vorbei — neue Hügel stiegen mitandern Lichtern auf und hoben ihre Wälder em-por, und andre sanken mit den ihrigen unter—lange Schatten-Steppen liefen zurück vor her-anfließendeni gelben Sonnenlicht — bald strömtenThäler voll Blumen um ihn. bald erhoben ihnheiße leere Hügelufer — der Strom rauschte nahean sein Ohr, und plötzlich blinkten seine Krüm-
mungen entfernt über Mohnfelder herüber —weiße Straßen und grüne Pfade begegneten undentflohen ihm, und zogen um die weite Erde —volle Dörfer rückten mit glimmenden Fensternvorbei und Gärten mit entkleideten Kindern —die gesenkte Sonne wurde bald erhoben, bald ver-tieft, bald auf Gipfel der Berge gezogen. —
Dieses Vor über fliehen der Szenen verdun-kelte sein benetztes Auge und erhellte die innereWelt; aber das Stehenbleiben eines unaufhörli-chen Tones, dieses über ihm bleibende Lerchenchor,dessen streitende Rufe in seiner Seele zu Einemzerflossen, dieses entfernte Getöne aus Wäldernund Büschen und Lüften, diese Harmonika derNatur machte, daß er zu sich sagte: "warum halt'"ich in dieser Einsamkeit jeden Tropfen an, der"fallen will? Nein, ich bin ohnehin heute zu„weich, und ich will mich erschöpfen, eh'ich den--geliebten Menschen sehe.--
Endlich stieg er den breiten Berg hinauf, dersich vor das zu dessen Füßen grünende M aien -that mit seinen zerstreuten Baumsäulen undgrauen Quadern stellt.... Da klang die vvmEwigen gestimmte Erde mit tausend Saiten; da be-wegte dieselbe Harmonie den in Gold und Nachtzerstückten Strom und den sumsenden Blumenkelchund die bewohnte Luft und den durchwehtenBusch; da standen der gerathete Osten und dergeröthete Westen wie die zwei rosataftnen Flügel-thüren eines Flügels aufgespannt, und ein beben-des Meer quoll aus dem geöffneten Himmel undaus der geöffneten Erde. . .
Er ergoß sich in Freuden- und Trauerthränenmit einander, und die Zukunft und die Vergan-genheit bewegten zugleich sein Herz. Die Sonnesiel immer schneller den Himmel herab, und erbestieg schneller den Berg, um ihr schneller nachzu-sehen. Und hier sah er in das Dörfchen Maien-thal hinab, das zwischen feuchten Schattenglimmte....
Zn seinen Füßen und an diesem Berge lagertesich wie ein bekränzter Riese, wie eine versetzteFrühlings-Jnssl, ein englischer Park. Dieser Berggegen Süden und einer gegen Norden waren zueiner Wiege zusammen gerückt, in der das stilleDörfchen ruhele, und über welche die Morgen-und die Abendsonne ihr goltnes Gespinnst hin-deckte. In fünf blitzenden Teichen schwanktenfünf dunklere Abendhimmel, und jede auf-hüpfende Welle malte sich im darüberschwebendenSonnenfeuer zum Rubin. Zwei Bäche watetenin veränderlichen Entfernungen, von Rosen undWeiden verdunkelt, über den langen Wiesen-grunb, und ei» wässerndes Feuerrad trieb wie eingehendes Herz das von: Abend geröthete Wasserdurch alle grünende Blumengefäße. Ueberall nick-ten Blumen, diese Schmetterlinge unter den Ge-wächsen — auf jedem bemoosten Bachstein, ausjedem mürben Stocke, um jedes Fenster wiegtesich eine Blume in ihrem Duft, und spanischeWicken überzogen mit blauen und rothen Aderneinen Garten ohne Zaun, Ein durchsichtigesWäldchen von goldgrünen Birken stieg in hohemGras drüben den nördlichen Berg hinan, auf des-sen Kuppel fünf hohe Tannen als Ruinen einergestürzten Waldung horsteten.