460 Hesperus.
Silbersand der Welten und Sonnen, und ausdem Meeresgrund blinkten die Sandkörner tiefherauf.
Um die Trauerbirke nahm ein unbekanntes me-lodisches Tönen zu. das er schon heute auf derInsel gehört: endlich stand er oben unter derBirke, und das Tönen, wie LaS einer Harmonika,das erst über Paradiese und durch Blumenheckengeflossen ist, war laut um ihn: aber er sah nichtsweiter, als einen hohen Grasaltar (die Geburt-stätte von Emanuels Brief) und eine tiefe Gras-bank. Aus welcher unsichtbaren Hand, dacht' erschauernd, gehen diese Töne, die von Engel» abzu-gleiten scheinen, wenn ste über die zweite Weltfliegen, von vereinigten Seelen, wenn eine zugroße Wonne sich zum Seufzer ausathinet undder Seufzer sich in verwehtes Getön zerlegt.Es ist ihm zu vergeben, daß er an einemsolchen Tage, der seine Seele in immer grö-ßere Erschütterungen setzte, in diesem Schau-der der Nacht, unter diesem melodischen Trauer-baum, an diesem Allerheiligsten keS unsichtbarenEmanuels, daß er endlich glaubt, dieser sei andiesem Abend aus dein Leben g.flohen, und seineSeele voll Liebe fliege noch in diesen Echos »inihn und sehne sich nach der ersten und letzten Um-armung. Er verlor sich immer mehr in die Töneund in die Stille rings um sie — seine Seelewurde ihm zu einem Traum, und die ganzeNachtlandschaft wurde zum Nebel aus Schlaf, indem dieser lichte Traum stand — die Quelle desunendlichen Lebens, die der Ewige auSgießet, flogweit von der Erde im unermeßlichen Bogen mitden stäubenden Silberfunkcn der Sonnen überdie Unendlichkeit, sie bog sich glimmend um dieganze Nacht, und der Widerschein des Unendlichenbedeckte die dunkle Ewigkeit.
O Ewiger, wenn wir deinen Sternenhimmelnicht sähen, wie viel wüßte denn unser in denErdenkoth untergesunkenes Herz von dir und vonder Unsterblichkeit?
Plötzlich wurde in Osten die Nacht lichter, weilder zerflossene Schimmer des Mondes an den Al-pengebirgen, die ihn bedeckten, herausschlug undauf einmal wurden die unbekannten Töne lauter,und die Blätter und der Nachtwind. Da erwachteViktor wie aus einem Traume- und Leben, unddrückte die harmonischen zerrinnenden Lüfte an dieschmachtende Brust, und rief unter den vorquellen-den Thränen, die ihm das ganze Gefilde wie eineRegenwolke einhüllten, außer sich aus: --Ach--Emanuel, komme! — ach ich dürste nach dir. —--Töne nicht mehr, du Seliger, nimm dein abge-,-lcgtes Menschenangesicht und erscheine mir, und--tödte mich durch einen Schauder und behalte-- mich in deinen Armen!--...
Siehe! als der dunkle Thränentropfen noch aufdem Auge lag und der Mond noch hinter den Al-pen verzog ; da stieg den Berg herauf eine weißeGestalt mit zugeschlossenen Augen — lächelnd— verklärt — selig — gegen den Sirius ge-wandt —
--Emanuel, erscheinst du mir?-- rief bebendHvrion und riß seine Thränen herab. Die Ge-stalt schlug ihre Augen auf. Sie breitete ihre Armeaus. Viktor sah nicht und hörte nicht, er glühte
und zitterte. Die Gestalt flog ihm entgegen, under gab sich hin: „nimm mich!,, Sie berührteneinander —sie umschlangen einander — der Nacht-wind riß durch sie — das fremde Getön klangnäher — ein Stern zerschoß — der 'Mond flogüber die Alpen herauf . . .."
Und als er mit seinem Edenlicht die Wangender unbekannten Erscheinung begoß: erkannteViktor, daß eS sein theurer Lehrer — Dahorewar, der heute in den Spiegel der Insel seineGestalt geworfen. „Und Dahore sagte: GeliebterSohn, kennst du deinen Lehrer noch? „Ich bin„Emanuel und Dahore:" Da wurde die Umar-mung enger — Horion wollte den Dank für einsganz^ Kindheit in einen Kuß zusammenpressen,und lag aufgelöst in den Armen des Lehrers undin den Armen der liebenden Wonne.
Umschlinget euch fest, ihr Glücklichen, drücketeure gefüllten Herzen bis zum Thränenerpreffenan einander, vergesset Himmel und Erde undverlängert die erhabne Umarmung! — Ach sobaldsie zerfallen ist, so hat dieses schlaffe Leben nichtsstärkeres mehr, womit es euch verknüpfen kann,als den Anfang des — zweiten ....
Emanuel trat endlich aus der Stellung derLiebe heraus, und schauste abgebogen, wie eineSonne, groß und offen in HvrionS Angesicht undbegegnete mit Entzückung dem veredelten Geisteund Angesicht seines blühenden Lieblings. Diesersank vor dem Blicke der Liebe mit aufgehobenemAngesicht unwillkürlich auf die Kniee, und sagte:--o mein Lehrer, mein Vater — o du Engel, liebstdu mich denn noch so sehr? — Aber er weinte zusehr, und seine Worte waren unverständlich understarken im Herzen.--
Ohne zu antworten legte Emanuel die Handauf das Haupt des knieenden Schülers, und wen-dete sein verklärtes Auge gegen den schimmerndenHimmel, und sagte mit feierlicher Stimme : --die-ses Haupt, du Ewiger, weiht sich heute dir indieser großen Nacht. — Nur deine zweite Weltfülle dieses Haupt und tiefes Herz aus — und diekleine dunkle Erde befriedig' es nie! — O meinHorion! hier auf diesem Berge, auf dem ich überein Jahr aus der Erde ziehe, beschwör' ich dich,bei der großen zweiten Welt über uns, bei allengroßen Gedanken, womit dir jetzt der Ewige i»dir erscheint, beschwör'ich dich, daß du gut bleibst,auch wenn ich lange gestorben bin.--
Emanusl knieete zu ihm nieder, hielt den Er-schöpfte» und neigte sich an sein erblassendes An-gesicht, und sagte leiser und betend : --mein Ge-liebter! wenn wir beide todt sind, in der zweiten--Welt scheid' uns Gott nie, nie mich und bich!--— Er weinte nicht, aber konnte doch nicht mehrsprechen; ihre zwei Herzen ruhten verknüpft aneinander, und die Nacht umhüllte schweigendihre stumme Liebe und ihre großen Gedan-ken.