Band 
I.
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Hesperus.

14. Hundposttag.

Das xhrlojophisrlie Ärkadicii — Klotildens Üricj'—Piiuors Üekciiiitiiistc.

Ich habe nur vorher zwei Dinge zu erklären,das unbekannte Getön und das Verschließen derAugen. Jenes floß von einer auf die Trauer-birke gelegten Aevlsharfe aus; so oft Emanuel zuNachts hicherkam, mischte er in die flüsterndenBlätter diese abgehauchten Töne wie Blüten ein,um sich zu erheben, wenn er allein die erhabneNacht ansah. Die Augen that er oft vor derSonne und dem Monde zu, wenn sein innererwie ein Cherub geflügelter Mensch gerade die Er-laubniß hatte, sich in weiche Phantasien einzu-senken : in die fließenden bunten Lichtwogen, diedurch die Augenlieder drangen, tauchte er sich dannwie in einen Zephyr mit süßem Verschwimmenunter, und in diesem Lichtbad sog der höhereLichtmagnst in ihm Himmellicht aus ErLenlicht.Da es nur wenige Seelen gibt, die wissen, wieweit die Harmonie der äußern Natur mit unsererreicht, und wie sehr das ganze All nur EinsAevlsharfe ist, mit länger» und kürzern Saiten,mit langsamern und schnellern Bedungen vo>einem göttlichen Hauche ruhend: so fodre ich nicht,daß jeder diesem Emanuel vergebe.

Nach dem über ein ganzes Leben hinschimmern-den Wiederfinden kamen beide bei dem blindenJüngling an, und seine Flöte kob das Herz ausdem schlagenden Fieberblut sanft in den beruhigtenAether des Himmels im Traume hinüber.

Da ich so gern um Emanuel bin: so gönne mirder Leser die Freude, alle Stunden auseinanderzu blättern, die wir in seinem Hause verbringendürfen, und recht Schritt vor Schritt zugehen.

Der Morgen deckte dem Zöglinge Emanuelswie Kindern erst auf, was die Nacht seinem Her-zen für ein Christgeschenk bescheret hatte. WelcheGestalt trat iin Morgenglanz vor ihn, da dasstille, kindliche, beruhigte Gesicht des Leh.ers,über das einmal Stürme gezogen waren, wie ausdem sanften weißen Monde Vulkane geloderthaben, ihn auf eine Weise anlächelte, daß seinInneres in stummer Wonne zerfloß. Besondersim Profil angeblickt schien diese hohe Gestaltam User der Erde zu stehen und hinunterzu-schauen in die zweite Halbkugel des Himmels,die uns der Stein auf dem Grabe und der fetteTristboden dieses Lebens verdeckt. Sein Angesichtverklärte sich, wenn er es zum Himmel aufhob —wenn er Gott nannte oder die Ewigkeit — wenner vvm längsten Tage sprach; in seinem Lichte er-blaßte das Glanzgold der Gegenwart zum Matt-gold der Vergangenheit, und sein Geist ruhteschwebend auf dem Körper, wie in ArabeskenGenien aus Blumen keimen. So leicht stimmtesich Viktor nie aus dem Traum in den neuen Tagals an diesem Morgen durch Emanuels Stimme,die so zu sagen die Sphärenmusik zum blauenHimmel seiner Augen war, aus welchem wie ausden, ägyptischen nie ein Tropfe fiel; er konnte aus

Unvermögen seiner Thränendrüsen niemals wei-nen; auch erschütterte dieses Leben seine Seelenicht mehr.

DaS reine Morgenzimmer machte gleichsam dieSeele rein und still. Er war der größte körper-liche Purist, er wusch seinen Körper eben so oftals seine Kleider, und der Schmutz der medizi-nischen Sprache wurde sogar bis auf Wörter, wiez. B. Zahnstocher, ic. von seiner unbeflecktenZunge gemieden. Eben so blieb sein Herz sogarvon den bloßen Bildern großer Sünden unbesu-dclt; und diese unwissende Unschuld, so wie eineUnbekanntschaft mit unsern listigen Sitten, machteihn in drei verschiedenen Augen entweder zumKinde — oder zum Mädchen — oder zum En-gel. —

Das Frühstück von Master und Früchten —die überhaupt seinen ganzen Küchenzettel besetzten

— rückte strafend unserm Viktor den Wein undKaffeesatz vor, womit er die Blumen seines Gei-stes, wie irdische, zuweilen düngen mußte. Blu-menscherben waren Dahvres Dosen und glühtenunter dem Lindengrün, das, von zwei zahmen unddoch freien Grasmücken durchhüpft, das lebendigwachsende Deckensiück des Zimmers war. Auchseine Seele schien, wie ein Bramin, von poetischenBlumen zu leben, und seine Sprache war oft, wieseine Sitten indisch, v. h. poetisch. So war über-all, wie bei mehren Menschen-Magnaten, eineauffallende vorherbestimmte Harmonie zwischender äußern Natur und seinem Herzen — er fandim Körperlichen leicht die Physiognomie des Gei-stigen und umgekehrt — er sagte, die Materie istals Gedank eben so edel und geistig, als irgendein anderer Gedanke, und wir stellen uns in ihrdoch nur die göttlichen Vorstellungen von ihr vor:

— z. B. unter dem Frühstück vertiefte er sich inden glimmenden Thautropfen in einer Levkoje,und spielte durch das Wiegen des Auges das Far-benklavier derselben Lurch. --Es muß, — sagteer, --irgend eine Harmonie zwischen diesem Was---serstäubchen und meinem Geiste zusammenklingen,--wie zwischen der Tugend und mir, weil beide»mich sonst nicht entzücken könnten. Und ist denn--dieser Einklang, den der Mensch mit der ganzen--Schöpfung ( nur in verschiedenen Oktaven )--macht, nur ein Spiel des Ewigen und keinNach---hall einer nähern, größer» Harmonie?-- Ebenso blickte er oft eine glimmende Kohle so lange an,bis sie ihm zu einer Flammen-Aue sich ausgebreitethatts/die er, von sanften Phantasieen beleuchtet,auf- und niekerwandelte. . . .

Erdulde, Leser, diese blumige Seele,; wirwollen beide denken, daß die''Menschen leichterEine Religion als Eine Philosophie haben können,und daß jedes System sein eignes Gewebe desHerzens voraussetze, und daß das Herz dieKnospe des Kopfes jei.

Der einzige Umstand schmerzte den beglücktenViktor an diesem Morgen, daß er den schönenBlinden nicht umfassen und fragen durfte: »ha-»ben wir nicht schon beisammen gelebt, und ist»dir meine Stimme nicht so bekannt wie mir»deine?» Denn er hielt ihn (wie ich auch) ausmehren Gründen für den zurückgebliebenen Sohndes Pfarrers Eymann. Da aber Dahore darüber