Band 
I.
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464 Hesperus.

am tiefsten im That, von Emanuels Bluuienkettenumfasset — die er oft unverzäunt anlegte, weilalle Maienthaler seine kleinen Freuden schönten— von großen Kleefeldern angeweht, vom Monde,der im Frühling erst vom Berge herab dieseTiefe anstralte, mit einem schwermnthige» Ge-misch von Birkenschattcn, Wassergla»; und lichtenStellen überdeckt, und endlich mit einer Grasbankgeziert, deren ich nicht erwähnte, wäre sie nichtan beiden Enden mit großen niederwankendenBlumen besteckt, die zärtlich keiner erdrückte, dersich zwischen ihnen niederließ. Wie wurde Viktorbetroffen — oder entzückt, als Emanuel nach die-ser Klotilde fragte! Wie Thaujuwelen, wie Freu-denthranen fielen alle Worte des Lehrers in seinlechzendes Herz, weil es Lobsprüche auf ihreweiche Seele waren, die i h r e Thränen nur infremde leitet uns vor trocknen Herzen verdeckt, aufihre feine Chrliebe, die der männliche Tadel zuKälte und der weibliche zu Stolz verdreht,und auf eine liebende Wärme, die man in ihremwie eine Knospe festgeschlossene» Herzen nicht ge-sucht hätte, das jetzt die leblose Natur mit derbelebten vermengt, um an jener diese lieben zulernen. Es rührte Viktor bis zu Thränen, daEmanuel ihm seine aus diesem Eden entrückteSchülerin so warm antobte — und als er ihnnoch dazu unbefangen bat, der Freund seinerFreundin zu werden, und jetzo, weil er sterbe undweil sie nicht mehr komme — denn sie war dasletztem«! blos da gewesen, um zu Pfingsten, unbe-lächelt von ihren Eltern, öffentlich mit den Stift-fräulein das Abendmahl zu empfangen — jetzoseine Stelle zu besetzen bei diesem gegen die Sternegehobnen Auge, bei diesem für die Ewigkeit be-wegten Herzen: so hätt' er vor Rührung und vorLiebe dem Freund und der Freundin zu Füßensinken mögen. — — In einem solchen Mundegibt das Lob des Gegenstandes allzeit der Liebeeinen außerordentlichen Wachsthum, weil dieseimmer Dorwand sucht und taun auf einmal zei-tigt, wenn sie ihn gefunden.

Wenn dir, mein Freund, das Herz für einfreundes nicht schnell und heftig genug schlägt —ob es gleich meines Erachtens schon fieberhaft pul-siert, nämlich hundert und eilfnial in einer Mi-nute — so gehe, um dein kaltes Fieber in einwarmes umzusetzen, dein viertägiges in ein tägli-ches, nur zu andern besonders geachteten Leutenhin und lasse sie dir verloben , die Gute, oder nuroft vornennen : todtkrauk und mit deinen hundertvierzig Pulsschlägen versehen, gehst du weg, undhast das verlangte Fieber am Hals.

Der unschuldige Emanuel, der Viktors Wärmenicht errieth, glaubte, er müsse noch mehr thunum ihm die siebenfache Weihe zum Priester derFreundschaft für Klvtilden zu geben, und gab ihmeinen — Brief von ihr. Du konntest es thu»,Ostindier, da du hier ein im limbus inlunluin(im Kinder-Himmel) zum Engel gewvrtnes Kindbist, da du keine Geheimnisse hast, ausgenommendas Geheimniß der drei Kinder (daher"dich derLord nicht zum Vorleser seiner Briefe machte) undda du gar nicht ahnest, die Weggäbe des fremdenBriefes sei nicht recht. Doch dein Schüler hätteihn nicht lesen sollen.

Der las ihn aber. Er kann sich mit nichtskecken als mit meinem Leser, der hier diesen näm-lichen fremden Brief, den dessen Stellen» nie fürihn geschrieben, doch auf seinem Sessel genaudurchsieht. Ich meines Orts lese nichts, sondernschreibe nur das ab, was mir der Kund gebracht.

— Es ist schön, daß dieser Brief von ihr geradein der regnenden, melodischen Nacht des Garten-festes gemacht war, wo er seine» ersten an Cma-nuel geschrieben hatte.

St. Lüns den Uten Mai 17 Y**

"Sie verlangen es vielleicht nicht, verehrung-werther Lehrer, daß ich mich entschuldige, da ichkaum aus Maienthal bin und schon mit einemBriefe wiederkomme. Ich wollte gar schon unter-weges schreiben, dann am zweiten Tage, und end-lich gestern. Dieses Maienthal wird mir nochviele Thäler verderben; jede Musik wird mir wieei» Alphorn klingen, das mich traurig macht undin mein Herz die Erinnerung an das Rlpenlebenunter der Trauerbirke bringt.

In dieser Stimmung würd' ich es meinem Her-zen nicht verweigern können, sich zu öffnen undsich vor dem Ihrigen in den wärmsten Dank fürdie schönsten und lehrreichsten Tage meines Le-bens zu ergießen: wenn ich nicht den Entschlußhätte, in einigen Tagen wieder in Maienthal zusein; nach meiner zweiten Zuruckkehr soll meinHerz seinen Willen haben.

In unserm Hause fand ich nichts verändert *

— auch in unsers Nachbars seinem nichts; undich fand in allen Seelen die Liebe wieder, womitwir auseinander geschieden waren; nur ist meineAgathe zwar lustig , aber doch es minder als sonst.Die einzige Veränderung in H. Eymanns Hauseist ein Gast, den jeder anders nennt : Viktor —Horion — Sebastian — junger Lord — Doktor.Diesen letzten Namen verdient er in vollem Maßedurch seine erste Handlung und erste Freude inSt. Linie, welche die Heilung des blinden LordsHorion war. Welch ein Glück für den Gerette-ten und für den Retter! — Möge dieser Jünglingdva, einmal durch Ihr Eden gehen und Ihrenguten Julius antreffen, um an ibm die schöneKunst zu wiederholen! — O so oft ich darandenke, daß das männliche Geschlecht mit demStoffe zu den größten göttlichen Wohlthaten be-glückt ist, daß es wie ei» Gott, Auge», Leben,Recht, Wissenschaften austheilen kann, indeß meinGeschlecht sein Herz, das sich nach Wohlthun sehnt,auf kleinere Verdienste, auf eine Thräne, die esabtrocknet, auf eine eigne, die es verbirgt, aufeine geheime Geduld mit Glücklichen und Unglück-lichen einschränken muß : so wünsch' ich, möchtedoch dieses Geschlecht, Las die höchsten Wohlthatenin Händen hat, uns die größte vergönnen, es

— nachzuahmen und Güter in die Hände zu be-kommen, die uns beglückten, wenn wir sie ver-theilten! — Jetzo kann ein Weib mit nichts

"Der Leser dieses BricfeS wird leicht voraussetzen; daßKlotildc, da sie nicht weiß, in wessen Hände er fallenwerde — ist er doch gar in unsern ^ über ihre Verhältnisseund Geheimnisse (z. B. wegen Flam-n, Viktor w.) in einerDunkelheit hinübcrcilen muffe, die für ihren rechtmäßigenLeser hell genug war.