Hesperus.'
465
in ihrer Seele groß sein, als nur mit Wün-schen.
Ich komme gerade vom freien Himmel hereinaus einem kleinen Gartenfeste bei meiner Agathe;und mir ist ordentlich jedes schöne tiefblaue Stückvom Himmel nicht recht, wenn es nicht überIhrer Trauerbirke steht, wo Ihr Auge alle seineSchätze und Sonnen aufzählt und meinem Herzenalle Winke der unendlichen Macht und Liebe zeigt.Ich dachte heute im Garten mit einer fast zu trau-rigen Sehnsucht an Ihr Maienthal; H. Se-bastian erinnerte mich noch öfter daran, weil ereinen Lehrer gehabt zu haben scheint, der demmeinigen ähnlich war *. Er sprach heute sehrgut, und schien aus zwei Hälften zusammengesetztzu sein, aus einer brittischen und einer franzö-sischen. Einige seiner schönen Anmerkungen sindmir nicht entfallen — z. B. »die Leiden sind wie»die Gewitterwolken, in der Ferne sehen sie»schwarz aus, über uns kaum grau. — Wie trau-rige Träume eine angenehme Zukunft bedeuten :»so werd' es mit dem so oft quälenden Traume»des Lebens sein, wenn er aus sei. — Alle unsere»starken Gefühle regieren wie die Gespenster nur»bis auf eine gewisse Stunde, und wenn ein»Mensch immer zu sich sagte: diese Leidenschaft,»dieser Schmerz , diese Entzückung ist in drei Ta-»gen gewiß aus deiner Seele heraus: so würd'»er immer ruhiger und stiller werden." Ich be-richte Ihnen alles dieses so ausführlich, um michgleichsam selber zu bestrafen für ein voreiligesUrtheil, das ich vor einigen Tagen (wiewohl inmir) über seinen Hang zur Satire fällte. DieSatire scheint auch blos kür das stärkere Ge-schlecht zu sein; ich habe in dem mehligen nochkeine gefunden, die an Swifts oder Cervantesoder Tristrams Werken recht Geschmack gefundenhätte.-
Zwei Tage später. Ich und mein Brief sindnoch hier; aber heute reiset er auf vier Tage vormir voraus. Ich denke ordentlich, dieses letzte-mal werde mir jede Blume in Maienthal und je-des Wort, das mir mein bester Lehrer sagt, nochgrößere und tiefere Freude machen als je, weil ichgerade aus dem Geräusche der Besuche und miteinem so melancholischen Herzen hinkomme. AmMorgen nach jener schönen Nacht des Kirchgang-festes saß ich allein in einer Laube neben dem gro-ßen Teiche, und machte mich durch alles trauriger-was ich sah und dachte — denn diesen ganzenMorgen stand wegen eines Traumes meine erbli-chene Freundin ** in meiner Seele — ihr Grablag durchsichtig auf ihr, und ich blickte hinein undsah diese Himmellilie blaß und still in ihm liegen— ich dachte wohl daran, als der Gärtner Blu-men mit den Töpfen in die Erde grub, daß derKörper, in dem wir grünen, auf gleiche Weise indie Erde zum künftigen Blühen komme, aber ichkonnte doch meine Thränen nicht mehr stillen. —Vergeblich sah ich den heiteren Frühling an, derjeden Tag neue Farben, neue Mücken, neue Blu-men aus der Erde zieht — ich wurde nur betrüb-
- Der Leser erinnere sich, daß sie so viel vondicser Lebens-beschreibung innc hat, wie er, wenn nicht mehr.
-- Sie meint die Giuli», von deren Leichnam sie derSchmerz weggetrieben hatte.
ter, da er alles verjüngt, aber den Menschennicht. — Und als ich H. von Schleimes von wei-tem mit einem Froschschnepper auf den Teich zu-gehen sah, mußt' ich mich, weil er von ferne imVorbeigehen meine Augen sehen konnte, schlafend
stellen, uni sie nicht zu verrathen.-Aber
vor meinem theuersten Lehrer würd' ich sie geöff-net haben, wie jetzt, weil er mir meine Schwä-chen vergibt.»
Klotilde v. L. B.
Viktor hatte den linken Arm, womit er denBrief hielt, zu nahe ans Herz gelegt, und seinArm und Brief fingen mit dem pochenden Herzenzu zittern an, und er konnte ihn kaum vor Rüh-rung lesen und fassen. »Ein solcher Lehrer! —eine solche Schülerin!" weiter konnten seine Blickenichts sagen.
Es war in ihm ein Streit, ob er seinemFreund die Liebe für Klotilden sagen sollte. F ü rdaß Geständniß war Emanuels Bitte, mit ihr um-zugehen— sein gleichsam aus Fixsterne» alle Klei-nigkeiten der Erde beschauendes Auge — Viktorsdankbare Begierde, ein Geheimniß mit dem an-dern zu vergelten — und am meisten, o! diese Liebszu seinem Lehrer, Liese Liebe seines Lehrerszu ihm ....
— Und diese siegle auch, so viel auch sonstdagegen war. Denn wenn Viktors ganze Na-tur im Feuer der Freundschaft glühte, so stieg seinHerz imnier höher und brannte, sich zu öffnen —er kämpfte noch mit ihm und es schwieg noch —es liebte unendlich — es hob sich wie von einerunsichtbaren Macht empor — eS brach endlich ent-zwei — die Brust ging wie vor Gott auseinander,und nun, Geliebter! schau' hinein, aber verzeih'ihm alles.
Er kriegte noch in sich, als der hinter ihremRücken herausgehobene Mond ihre beiden Schat-ten-Kniestücke vor ihnen voraustrieb. — Er wurdedurch Emamiels ziehenden Schatten an eine Stellein seinem Briefe * erinnert und an sein sieches Le-ben und frühes Verschwinden. .. Dieses zerspal-tete sein Inneres, er wendete sanft seinen Emanuelgegen den herunterströmenden Mond um, und sagteund zeigte ihm alles —aber nicht blos seine Liebe,sondern seine ganze Geschichte — seine ganze Seele— alle seine Fehler -- alle seine Thorheiten —alles; er war so beredt in dieser Minute wie einEngel, und eben so groß — sein Herz walletezerschmolzen in Liebe, und je mehr er sagte, jemehr wollte er zu sagen haben.
Auf dieser Erde schlägt keine erhabnere undseligere Stunde, als die, wo ein Mensch sich auf-richtet, erhoben von der Tugend, erweicht von derLiebe, und alle Gefahren verschmäht, und einemFreunde zeigt, wie sein Herz ist. Dieses Beben,dieses Zergehen, dieses Erheben ist köstlicher alsder Kitzel der Eitelkeit, sich in unnütze Feinheitenzu verstecken. Aber die vollendete Aufrichtigkeitsteht nur der Tugend an: der Mensch, in dem
- »Fliehe mich nicht, weil mich immer ei» großer Schatte»umgibt, der sich vergrößert, bis er mich einbauet."
Sg
2 can P« ul' s Werkr- I-