Hesperus
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um Las Schweigen und Weinen unter dem Um-wege zu überwältigen.
Aber sie kamen an unter der Trauerbirke, undsein Auge und seine Stimme hatte noch derSchmerz. „Ach (dacht' er) wie freudig groß warhier die erste Nacht und wie schmerzhaft ist diese!"Sie ruhten auf der Erde neben einander an derGrasbank einsam, schweigend, trauernd vor demdunkel schimmernden All. Viktor konnte den be-lasteten Athemzug der zerstörten Brust vernehmen,und das künftige Grab auf diesem Berge schiensich neben ihm aufzuwühlen. O wenn es bitterist, neben dem Bett zu stehen, worin ein gelieb-tes erlöschendes Angesicht mit den Farben des To-des liegt : so ist es noch viel bitterer, mitten inden Szenen der Gesundheit hinter der aufgerich-teten theuern Gestalt den arbeitenden leise gra-benden Tod zu hören, und so oft zu denken, als dieGestalt fröhlich ist : „ach sei noch fröhlicher; in„Kurzem hat er dich umgenagt, und du bist ver-gangen mit deinen Freuden und mit meinen!"
— Aber ach, es gibt ja keinen Freund, und keineFreundin, bei denen wir das nicht denken müß-ten I —
Er wußte nicht, warum Dahore so lange stillwar. — Er sah nicht voraus, Laß der Mond denBerg früher bestralen werde als die Tiefe. DerMond, dieser Leuchtthurm am Ufer der zweitenWelt, umzog jetzt den Menschen mit bleichen Ge-filden , die aus Träumen genommen waren, mitblaß schimmernden Auen aus einer überirdischenPerspektive, und die Alpen »nd Wälder lösete erin unbewegliche Nebel auf — über der halbenErdkugel stand tief der Lethefluß des Schlafes, » n-ter der grünen Rinde stand das Todtenmeer, undzwei liebende Menschen lebten zwischen dem weitenSchlafe und Tod. . . Jetzt Lachte Viktor zwar nochglühender, hier neben diese Birke unter diesenkalten Boden wird seine zerfallne Brust auf ewigverborgen und sie blutet nicht mehr, aber sieschlägt auch nicht mehr — er dachte zwar an trübeAehnlichkeiten, als die unbeweglichen Sterneauf- und abzusteigen schienen, blos weil diespielende Erde sich um sie wendet und sie zeigtund deckt — er sah zwar melancholisch von denIrrlichtern weg, die über Thäler rennend, nuran der ernsten Nacht und an den Gräbern hinan-hüpften und die um einen einsamen Pulverthurmgaukelnde Kreise beschrieben — —
Allein Loch schwieg er und dachte: „wir habenuns ja noch."
Aber dann würd' es seinem blutigen Herzen zuviel, als die Flötenklagen des Blinden aus demeinsamen Hause in die Nacht auszogen, und überden Berg und über Las künftige Grab hinüber-gingen. — Dann wurden den Seufzern Stimmenund der Zukunft Tvdtenglocken gegeben, und esthat ihm zu wehe, als er unter dem Flötengetö»«S Lachte, dieser einzige, dieser unersetzliche Mensch,der in seinem großen Herzen doch so viel Liebe fürdich bewahret, geht dahin und erscheint nie wieder.
— Ach, da noch dazu gerade jetzt Emanuel, derstill in den Himmel versenkt und wie ein Hinge-schiedener neben ihm gelegen, seine Lage wegen desschmerzlichen und gedrückten Athemholens wechselte,aber mit einem heitern von den Bruststichen nicht
getrvffnen Angesicht: so fuhr eine kalte Hand lnViktors geschwollnes Herz und wendete sich darin,um, und sein Blut gerann an ihr, und er sagteohne ihn ansehen zu können, schwach, bittend, ge-brochen : "stirb nicht nach einem Jahr, mein theurer„Emanuel — wünsche nicht zu sterben !"
Der Genius der Nacht stand bisher unsichtbarvor Emanuel, und goß hohe Entzückungen in seineBrust, aber keine Leidenschaften, und er sagte:„wir sind nicht allein — meine Seele fühlt das„Vorbeigehen ihrer Verwandten und richtet sich auf,— unter der Erde ist Schlaf, über der Erde„ist Traum, aber zwischen dem Schlaf und Traum„seh' ich Lichtaugen wandeln wie Sterne. — Ein„kühles Wehen kömmt vom Meer der Ewigkeit„über die glühende Erde. — Mein Herz steigt„auf und will abbrechen vom Leben — Es ist alles„so groß um mich, wie wenn Gott durch die Nackt„ginge. — Geister! fasset meinen Geist, er windet„sich nach euch, und zieht ihn hinüber.. . ."
Viktor wandte sich um und sah flehend ins schöne,freudige, unbetbränte Angesicht: „Du willst ster-ben ?"
EmanuelS Entzückung stieg über das Leben:,der dunkle Streif in der zweiten Welt ist„nur eine Blumenaue * — es leuchten uns Svu-„nen voraus, es ziehen uns fliegende Himmel„mit Frühlinglüften entgegen — blos mit leeren„Gräbern fliegt die Erde um die Sonne; denn„ihre Todten stehen entfernt auf Hellern Son-nen." —
„Emanuel?" — fragte Viktor laut weinend undmit der Stimme des innigsten Sehnens, und dieFlotentöne sanken jammernd unter in die weiteNacht — „Emanuel?"
Emanuel sah ihn, zurückkommend, an, und sagteruhig:„Ja, meinGeliebter! —Ick kann mich nicht„mehr an die Erde gewöhnen; der Wafferlropftn„des Lebens ist flach und seicht geworden, ich kann„mich nicht mehr darin bewegen, und mein Herz sehnt„sich unter die großen Menschen, die diesen Tro-pfen verlassen haben.-O Geliebter, höre doch
(und hier drückte er das Herz seines Vik-tors wund) — diesen schweren Athem gehen —„siehe doch diesen zerbrochnen Körper, diese dichte„Hülle meinen Geist umwickeln und seinen Gang„erschweren. —
„Siehe, hier klebt mein und dein Geist ange-froren an die Eisscholle, und dort decket die„Nacht alle hintereinander ruhende Himmel auf,„dort im blauen glimmenden Abgrunde wohnt alles„Große, was sich auf der Erde entkleidn hat, alles„Wahre, das wir ahnen, alles Gute, das wir„lieben. —
„Sieh wie alles so still ist drüben in der Unend-„lichkeit — wie leise ziehen die Welten, wie stillschimmern die Sonnen — der große Ewige ru-fet wie eine Quelle mit seiner überfließenden un-endlichen Liebe mitten unter ihnen, und erquickt„und beruhigt alles; und um Gott steht kein„Grab."
Hier stand Emanuel, wie von einer unendlichenSeligkeit gehoben, auf, und sah liebend zum Ark-
* Wie die Flecken im Monde Blumen- und Pflanzenfel-dcr sind.