Band 
I.
JPEG-Download
 

466

Hesperus.

Argwohn und Finsterniß ist, leg' immer seinemBusen Nachtschrauben und Nachtriegel an, derBöse verschon' uns mit seiner Leichenöffnung, undwer keine Himmelthür' an stch zu öffnen hat, lassedas Höllenthor zu!

Emanuel hatte die göttliche oder mütterlicheFreude, die ein Freund über die Tugend undVeredlung des Freundes empfindet, und vergaßüber der Freude die verschiedenen Anlasse dersel-ben.

Ungern trenn' ich mich auf eine Nacht von die-sem tugendhaften Paar. Möge ich noch vieleTage von Maienthal zu malen bekommen, undViktor noch viele da verleben! —

15. Hundposttag.

Her Äbschicd. —

Ach heute geht er schon! Die bisherigen Rüh-rungen und Gespräche hatten die zarte Hülle, dieEmanuels schönen Geist wie eine Tulpe die Bieneverschließet, zu sehr erschüttert: blaß und wan-kend stand er auf; und der Blinde war am glück-lichsten, der weder kiese Bläffe, noch das weißeTuch erblickte, das er zu Nachts statt vollzuweinenvvllgeblutet hatte. Er selber hatte noch das bleicheAbendroth der gestrigen Freude auf dem Angesicht;aber eben diese Gleichgültigkeit gegen seine auslö-schenden Tage, dieses schwächere leisere Sprechenmachte, daß Viktor die Augen von ihm wegwendenmußte, so oft sie lange an ihm gewesen waren.Emanuel sah ruhig wie eine ewige Sonne auf denHerbst seines Körpers herab; ja je mehr Sandaus seiner Lebens - Sanduhr herausgefallen war,desto Heller sah er durch das leere Glas hindurch.Gleichwohl war ihm die Erde ein geliebter Ort, eineschöne Wiese zu unsern ersten Kinderspielen, under hing dieser Mutter unsers ersten Lebens nochmit der Liebe an, womit die Braut den Abendvoll kindlicher Erinnerungen an der Brust dergeliebte» Mutter zubringt, eh' sie am Morgen demHerzen des Bräutigams entgegen zieht.

Viktor warf sich jeden vergossenen BluttropfenEmanuels vor, und entschloß sich, heute zu gehen,weil diese Psyche mit ihren großen Flügeln sich inihrem Gewebe nicht mehr ohne Riffe bewegenkonnte. In Emanuels Augen glänzte eine unaus-sprechliche Liebe für seinen gerührten Schüler. Erfing selber von seinem Todestag zu reden an, umdiesen zu trösten, und stellte ihm vor, daß er erstin einem Zahre von hinnen gehen könne; erbauete seine schwärmerische Weissagung auf zweiGründe, daß erstlich seine meisten männlichenVerwandten am nämlichen Tage und im näm-lichen Stufenjahre gestorben wären, zweitens daßschon mehre Schwindsüchtige in ihrer zerstörtenBrust wie in einem Zaubersriegel ihren letztenTag gelesen hätten. Viktor bsstritt ihn; er zeigte,die Erklärung der letzten Erscheinung, als könne

der Hektiker aus dem regelmäßigen stufenweise»Falley der Lebenskraft leicht die letzte Stufe oderden Gefrierpunkt vorausfühlen, sei falsch, weilGefühle der Zukunft in der Gegenwart Wider-sprüche sin schjeeto^ wären, und weil wir mittenim Leben so wenig den Eintritt des Todes, als imWachen den Eintritt des Schlafes (trotz gleicherStufenfolge) voraus empfinden könnten. Viktorstellte ihn, alles dieses vor; aber er glaubte es sel-ber nicht recht: ihn übermannte der hohe Mensch,der seinen Eintritt in den Todesschatten so zuver-lässig wie einen Eintritt des Mondes in denErdschatten ansagte. — Wir wollen dem Krankenvergeben, und uns deswegen nicht für weiserhalten, weiter schwärmerischer ist. — Am meistenwurde Viktor durch Emanuels Wahn getröstet,daß ihm vor seinem Tode erst sein verstorbnerVater erscheinen werde.

Viktor zögerte und wollte nicht zögern, hinderteals Arzt das Sprechen des Emanuel, um stch dieEntschuldigung eines unschädlichen Aufschubs zumachen, und wurde eben, weil er selber wenig zureden suchte, immer betrübter. — Wie kannst du,guter Viktor, schon heute von ihm eilen, von die-sem Engel, der vielleicht über dem nächsten Grabeverschwindet? Es muß dir hart fallen, da esschon so schwer ist, von Maienthal voll Blüten,vom Blinden voll sanfter Töne wegzugehen— schmerzlich ist hier der letzte Händedruck, Vik-tor, und schön jede Verzögeruug!

Er beschloß, in der Nacht zu scheiden, weil eineTrennung am Morgen zu lange wehe that, unddie Stelle des Herzens, wo stch das geliebte abge-rissen, den ganzen Tag fortblutet. Emanuel hätteAbends sich wieder ins Stift entfernen sollen,wie-gestern: Viktor würde dann seine gefülltenAugenhöhlen, mit denen er immer hinausgehenmußte, um den Schmerz hinwegzunehmen, vordem Blinden, den er um die traurigste Melodievon der Welt gebeten hätte, satt haben strömenlassen können.

Als er Abends das lehtemal aß und die Abend-glocke anfing, wurde seinem Herzen als wäre vondemselben die Brust weggehoben und Eisspitzenwürden darauf geweht. Er umschlang voll Liebeden blinden Züngling, den er nicht als den Gespie-len seiner Kindheit erkennen durfte, und der mitseinen Tönen mehr Entzückungen gegeben hatte,als er in seiner Nacht zurückbekam; und ließ Thrä-ne n ihren Lauf, deren doppelte, vielleicht dreifacheQuelle Emanuel nicht errieth: denn der Anblick die-ser Augen, die nie mehr zu öffnen waren, that nunseiner Seele nach Klotildens Wunsche ihrer Hei-lung viel weher. Emanuel bat er noch mit einerüber den Nebensinn hinübereilenden Stimme, ihnein wenig zu begleiten, bis Maienthal verschwun-den wäre.

In der dunkeln stillen Gegend draußen bliebenalle Schmerzen in der Brust neben ihren Seufzern.„Wenn der Mond in dieses Blütenthal herein-schimmert, dacht' er, hab' ich eS auf lange verlassen "Blos bie Altarlichter, die Sterne, brannten im gro-ßen Tempel. Er wollte sich von seinem Lehrer aufdem Berge trennen, wo er sich mit ihm vereinigthatte; aber er ging durch Umwege — Emanuelfolgte ihm gern, wohin er ihn führte — hinauf,