Band 
I.
JPEG-Download
 

470

Hesperus

Satire und Philosophie neben einander Platz.Er erzäblte dem Kartoffeln-Medaillör und derKaplanin, die alle Weiber auf der Erde zu ihrenTöchtern zählte und gegen sie ähnliche Strafpre-digten hielt, seine Reise mit so vielen Satirenund Rasuren, als für beide Parteien nöthig wa-ren ; aber als er die Wünsche der Familie hörte,daß der Lord glücklich mit dem geliebten Fürsten-kinde zurückkommen möge, und die Nachricht, daßder Regierungrath schon alles eingepackt habe, ummit seinem Freunde jede Stunde, die er wolle, indie Stadt zu ziehen: so hatte Viktor nichts zu thunals — die absondernden Thränemvege in seinenAugenhöhlen hinauszutragen.

— Aber in den Garten! — Das war unüber-legt. Flamin ging nach, und sie langten mit ein-ander im Laubkloset vor den Theetrinkerinnen anNiemals verschütteten die Zweige desselben ein ver-legneres Gesicht, weichere Augen, vollere Blickeund lebhaftere oder schönere Träume, als Viktordarunter mitbrachte. Er dachte sich jetzo Klotildeals ein ganz neues Wesen, und dachte also — daer nicht wußte, ob sie ihn liebe — recht dumm;der Mensch achtet allezeit, wenn er den Bergüberstiegen hat, den kommenden Hügel für nichts;Flamin war sein Berg gewesen, und Klotilde seinHügel. — In allen Gespräch-Untiefen, wo manschon halb im Sitzen oder Sinken ist, gibts keineherrlichere Schiffpumpe, als eine Historie, dieman zu erzählen hat. Man gebe mir Verlegen-heit und den größten Zirkel und nur Ein Unglück,nämlich die Anekdote davon, die noch keiner weißals ich, so will ich mich schon retten. Viktorbrachte also seinen Schwimmgürtel heraus, näm-lich sein Schifftagebuch, aus dem er für die Laubeeinen pragmatischen Auszug machte — ich gesteh'es, ein Zeitungschreiber hätte mehr verfälschen,aber schwerlich mehr weglassen können.

Er that sich, glaub'ich, wieder Vorschub beider Kaplanin, und noch mehr Schaden bei Klo-tilden — so sehr er auch nur aus Wohlwollenfür die Zuhörer und aus zu starkem Haß desHofes gegen Klotildens Satirenverbot in ihremBriefe verstieß — dadurch unbezweifelt, daß er —da überhaupt die Mädchen nur den Spott, nichtdie Spötter lieben — die Benefizkomödie derPrinzessin nicht von der erhabenen Seite dar-stellte, wie ich,-sondern von der lustigen: Klotildelächelte, und Agathe lachte.

Da aber der Name Emanuel von ihm genanntwurde, und sein Haus und sein Berg: so breitetedie Freundschaft und die Vergangenheit auf demschönsten Auge, worüber noch ein Augenbraunen-bogen, aus einer Schönheitlinie gezogen, floß,einen sanften Schimmer aus, der jeden Augenblickzur Freudethräne werden wollte. Doch mußte erzu einer andern werden, als Viktor der Frage umseine Gesundheit, welche Klvtilde hoffend an ihnals Kunstverständigen that, die Antwort der leisumschriebenen Geschichte seines nächtlichen Blutensgeben mußte. Er konnte den Schmerz des Mitlei-den« nicht verhehlen, und Klvtilde konnt' ihnnicht bezwingen. O ihr zwei guten Seelen! welcheQuetschwunden wird euer Herz noch von euremgroßen Freund empfangen!

Wohin anders konnte sie jetzt ihr liebendes und

trauerndes Auge als gegen ihren guten BruderFlamin Hinkehren, gegen den ihr Betragen durchden doppelten Zwang, den ihr ihre Verschwie-genheit und seine Auslegungen anlegten, bisher sounbeschreiblich mild geworden war? — Da nunViktor das alles mit so ganz andern Augen sah;da er seinem armen Freund, der mit seinem gegen-wärtigen Glück vielleicht die giftige Nahrung sei-ner künftigen Eifersucht vergrößerte, offen undheftend in das feste Angesicht schauete, das einstschwere Tage zerreißen konnten: da ihn überhauptkünftige oder vergangene Leiden des an-dern mehr angriffen, als gegenwärtige, weilihn die Phantasie mehr in der Gewalt hatte alsdie Sinne: so konnt' er einen Augenblick dieHerrschaft über seine Augen nicht behaupten, son-dern sie legten ihren Blick, von mitleidigen Thrä-nen umgeben, zärtlich auf seinen Freund. Klo-tilde wurde über den Ruheplatz seines Blickesverlegen — er auch, weil der Mensch sich derheftigen Zeichen des Haffes weniger schämt, alsder kleinsten der Liebe — Klotilde verstand die ko-kette Doppelkunst nicht, in Verlegenheit zu setzenoder daraus zu ziehen — und die gute Agatheverwechselte das letzte immer mit dem ersten . . .»frag' ihn, was ihm fehlt, Bruder!» sagteAgathe zu Flamin...

Dieser lenkte ihn mit ähnlichem Gutmeinen hin-ter die nächsten Stachelbeerstauden hinaus, undfragte ihn nach seiner festen Art, die immer Be-hauptung für Frage hielt: »Dir ist was passiert!»— »Komm nur!" sagte Viktor und zerrte ihnhinter höhere spanische Wände aus Laub.

»Nichts ist mir» — hob er endlich mit gefülltenAugenhöhlen und lächelnden Zügen an — »weiter»passiert, als daß ich ein Narr geworden, seit»etwan sechs und zwanzig Jahren — (so alt war»er) — Ich weiß, du bist leider ein Jurist, und»vielleicht ein schlechterer Okulist als ich selbst,»und hast wohl wenig in H. Ianin * gelesen:»nicht?»

Nicht blos vom Nein wurde Flamins Kopf ge-schüttelt.

»Ganz natürlich; aber sonst könntest du es aus»ihm selber oder aus der Uebersetzung von Seile»recht schön haben, daß nicht blos die Thränen-»drüse Unsre Tropfen absondere, sondern auch der»gläserne Körper, die Meibomischen Drüsen, die»Thränenkarunkel und — unser gequältes Herz,»setz' ich dazu — Gleichwohl müssen von diesen»Wasserkügelchen, die für die Schmerzen der ar-»men, armen Menschen gemacht sind, sich in»vier und zwanzig Stunden nicht mehr als (wenus

»recht zugeht) vier Unzen abseihen.-Aber, du

»Lieber, es geht eben nicht recht zu, besonders bei»mir, und es ärgert mich heute, nicht daß du in»den H. Janin nicht geguckt, sondern daß du»meine fatale, verdammte, dumme Weise nicht»merkst»... »Welche denn?»— »Ja wohl, welche;»aber die heutige mein'ich, daß mir die Augen»überlaufen — du darfst es kühn blos einem zu»matten Thränen Heber beimessen, worunter»Petit alle einsaugende Thränenwege befaßt —»wenn mir z. B. einer Unrecht thut, oder wenn

Ei» bekannter guter Schriftsteller über die Augen.