Hesp
»ich nur etwas stark begehre, oder mir eine nahe"Freude oder nur überhaupt eine starke Empfin-dung, oder das menschliche Leben denke, oder»das bloße Weinen selber."-
Sein gutes Auge stand voll Wasser, da ers sagte,und rechtfertigte alles.
"Lieber Flamin, ich wollte, ich wäre eine Dame"geworden, oder ein Herrnhuter, oder ein Komö-"diant — wahrlich, wenn ich den Zuschauern weis-machen wollte, ich wäre darüber (nämlich über»dem Weinen) so wär' es noch dazu auf der Stelle"wahr." —
Und hier legt' er sich sanft und froh mit Thrä-nen, die entschuldigt flössen, um die geliebteBrust. ... Aber zur Vipern- und Eisenkur seinerMännlichkeit hatt' er nichts als ein "Hm!" undeinen Zuck des ganzen Körpers vonnöthen: dar-auf kehrten die Jünglinge als Männer in dieLaube zurück.
Es war nichts mehr darin; die Mädchen wa-ren in die Wiesen geschlichen, wo nichts zu meidenwar, als hohes Gras und bethauter Schatten.Die leere Laube war der beste einsaugende Thrä-nenbeber seiner Augen; ja ich schließe aus Be-richten des Korrespondenz-Spitzes, daß es ihnverdroß. Da die Schwester spät allein wiederkam:so verdroß es den andern auch. Ueberhaupt. solltesich etwa der Held — welches für mich und ihn einUnglück wäre — mit der Zeit gar in Klotildenverlieben: so wird uns beiden — ihm im Agieren,mir im Kopieren — die Heldin warm genug ma-chen , eben weil sie selber nicht warm sein will;weil sie weder überflüssige Wärme, noch überflüs-sige Kälte, sondern allezeit die wechselnde Tempe-ratur hat, die sich mit dem Gesprächstoff, abernicht mit dem Redner ändert; weil sie einemzärtlichen Nebenmenschen alle Lust nimmt, sie zuloben, da sie keinen Sackzehend davon entrichtet,oder sie wenigstens zu beleidigen, da sie keine Ab-laßbriefe austheilt, und weil man wirklich in derAngst zuletzt annimmt, man könne keine andernSünden gegen sie begehen, als solche gegen denheiligen Geist. Jean Paul, der in solchenLagen war und oft Jahre lang auf Einem Platzvor solchen Bergfestungen mit seinen Sturm-leitern und Labarums und Trompetern stand, undstatt der Besatzung selber ehrenvoll abzog; dieserPaul, sag'ich, kann sich eine Vorstellung ma-chen, was hier in Sachen Sebastians contraKlotilden für Aktenpapier, Zeit, und Druck-schwärze (von ihm und mir) verthan werdenkann, bis wirs nur zur Kriegbefestigungtreiben. Es wird einem Mann überhaupt bei ei-ner ganz vernünftigen Frau nie recht wohl,sondern bei einer blos feinen, phantasierenden,heiße», launenhaften, ist er erst zu Hanse. Durchso eine wie Klotilde kann der beste Mensch vorbloßer Angst und Achtung frostig, dumm undentzückt werden; und meistens schlägt obendreinnoch das Unglück dazu, daß der arme matte Schä-ker, von dem sich ein solcher irdischer Engel, wieder apokaliptische vom Jünger Johannes, durch-aus nicht will anbeten lassen, selten noch dieKräfte auftreibt, um zum Engel zu sagen — wieetwan zu einem entgegengesetzten Engel mit Welt-reichen, der das Anbeten haben will: — »hebe
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dich weg von mir!" Paul hebt sich allemal selberweg. —
Viktor that dies nicht; er wollte jetzt gar nichtaus dem Hause, d. h. aus dem Dorfe. Die Som-mertage schienen ihm in St. Lüne wie in einemArkadien zu ruhen, wehend, duftend, selig; under sollte aus dieser sanft irrenden Gondel hinaus-geworfen werden, inS Sklavenschiff des Hofs —aus der pfarrherrlichen Milchhütte in die fürstlicheArsenikhütte, aus dem Philanthropistenwäldchender häuslichen Liebe auf das Eisfeld der höfischen.Das war ihm in der Laube so hart! — und inTestates Bude so lieb! — Wenn die Wünscheund die Lagen des Menschen sich mit einander um-kehren : so klagt er doch, wieder die Lagen, nicht dieWünsche an. „ Er wolle sich selber, sagt' er, aus-lachen, aber er habe doch hundert Gründe, inSt. Lüne zu zögern, von einem Tage zum andern
— es ekle ihn so sehr seine Absicht an, einemMenschen (dem Fürsten) aus andern Beweggrün-den zu gefallen als aus Liebe — es sei noch un-wahrscheinlicher, daß er selber gefalle, als daß esihm gefalle — er wolle lieber seinen eignen Launenals gekrönten schmeicheln, und er wisse gewiß, imersten Monat sag' er dem Minister von SchleunesSatiren ins Gesicht, und im zweiten dem Fürsten
— und überhaupt werd' er jetzt mitten im Som-mer einen vollständigen Hvfschelm schlecht zu ma-chen wissen, im Winter eher, u, s. w."
Außer diesen hundert Gründen hatt' er nochschwächere, die er gar nicht erwähnte , wie etwansolche: er wollte gern um Klotilden sein, weil erihr nothwendig, gleichsam um sein Betragen zurechferkigen — aber welches denn, mein Trauter,daS vergangene oder künftige? — seine Wissen-schaft um ihre Blutverwandtschaft mit seinem Freunderöffnen mußte. Zu dieser Eröffnung fehlte, wasin Paris das Theuerste ist, der Platz; daSExordium auch. Klotilde war nirgend allein zutreffen. Kenner sagen, jedes Geheimniß, daSman einer Schönen sage, sei ein Heftpflaster, dasmit ihr zusammenleime, und daS oft ein zweitesGeheimniß gebäre: sollte Viktor etwan darumKlotilden seine Kenntnisse von ihrer Geschwister-schaft so begierig zu zeigen getrachtet haben? —
Er blieb einen Tag um den andern, da ohnehindie Butterwoche der Vermählung erst vorüber-gehen mußte. Er halte schon Vermählmün-zen in der Tasche. Aber er sah Klotilde immer nurin Sekunden; und eine halbe Sekunde brauchtman nach Bonnet zu einer klaren Idee, nachHooke gar eine ganze: eh' er also eine ganzeVorstellung von dieser stillen Göttin zusammen-gebracht hatte, war sie schon fortgelaufen.
Endlich wurden ernsthaftere Anstalten gemacht,nicht zur Abreise sondern zum Vorsatz derselben.Die schönsten Minuten in einem Besuche sind die,die sein Ende wieder verschieben; die allerschönsten,wenn man schon den Stock oder den Fächer in derHand hat, und doch nicht geht. Solche Minuten um-gaben unsern Fabius der Liebe jetzt; sanftere Augensagte» ihm: „eile nicht," wärmere Hände zogenihn zurück, und die mütterliche Thräne fragteihn: „willst du mir meinen Flamin schon mor-„ gen rauben?"
„ Ganz und gar nicht!" antwortet' er, und