Band 
I.
JPEG-Download
 

474

He sperus.

tungen vermengt und Zufälle mit Absichten. SeinFeuermesier kann aber auch Recht haben, denngegen gute Menschen ist man in» Beisein derschlimmen (man bedenke nur Matzen) wärmerals sonst.

Man verdenk' es Herrn Le Baut und Frau LeBaut nicht, daß sie meinem Helden zum Glückegratulierten, an einen solchen Hof, zu einem sol-chen Fürsten — es ist der größte in Deutschland,sagte er — zu einer solchen Fürstin — sie ist diebeste in Deutschland, sagte sie— abzureisen.Matz lächelte zwischen Ja und Nein. Der Altesetzte das Schach fort, die Alte das Lob. Viktorsah mit Verachtung, wie wenig zwei solchen See-len , die die Thrvnstufen für eine Wesenleiter undden Thron-Eisberg für einen Olymp und ein Em-pyräum hielten, und die nirgend als an dieserHöhe ihr Glück zu machen wußten, bessere Be-griffe vvm Glück und schlechtere von der Höhe bei-zubringen wären. Gleichwohl mußt' er vor Klo-tilden, die auf ihrem Gesichte mehr als Ein Neingegen die Lobrede hatte, offenbaren, daß er ebenso edel verneine wie sie. Er knätete also Lob undTadel nach einer horazischen Mischung un-tereinander, um weder satirische noch schmeichle-rische Anspielungen auf zwei abgedankte Hvfleutezu machen : »mir gcfällts nicht, sagt' er, daß es»da »ur Vergnügungen, und keine Arbeiten gibtlauter Konfektkörbchen und keinen einzigen»Arbcitbeutel, geschweige einen Arbeittisch wie»dieser da.» — »Glauben Sie, fragte Klotilde mitauffallender Innigkeit, »daß alle Hoffeste einen„einzigen Hosdienst bezahlen?» — »Nein, sagt'»er, denn für die Feste selber sollte man bezahlet»werden — ich behaupte, es gibt dort lauter Ar-»bcit und kein Vergnügen — alle ihre Lustbar-»keiten sind nur die Beleuchtung, die Zwischen-»musik und die Dekorazion, die dem Schauspieler,»der an seine Rolle denkt, weniger gefallen als»dem Zuschauer.» — »Es ist allemal gut, dagewe-sen zu sein» sagte die Alte. »Gewiß (sagte er);»denn es ist gut, nicht immer dazubleiben.» —»Aber es gibt Personen, (sagte Klotilde) die dort»ihr Glück nicht machen können, blos weil sie nicht»gern dort sind.» Das war sehr fein und scho-nend ; aber blos, für Viktors Herz verständlich:»einem schönen Schwärmer, (sagt' er, und fragtewie allemal nach dem scheinbaren Widerspruchzwischen Viktors Leben und Viktors Meinun-gen nichts) »oder einem feurigen Dichter würd'»ich rathen, zu Hause zu bleiben — beider Flug»statt der ku», wäre im Hofleben, was ein Hera-»meter in der Prose ist, den die Kunstrichter nicht»leiden können — und zur Seele mit dem weich-»sten gefühlvollsten Herzen würd' ich sagen: ent-»fliehe damit, daS Herz wird dort als Ueberbein»genommen, wie in der sechsfingerigen Familie inÄnjou der sechste Finger.». . . . Die Alteschüttelte den Kopf schnell links. „Und doch, fuhr„er fort, würd' ich sie alle drei auf einen Monat„an den Hof ziehen und sie unglücklich machen,„um sie weise zu machen." Die Kammerherrschaftkonnte sich in Viktor nicht so gut wie mein Leserschicken, der zu meinem größten Vergnügen Launeund das Talent, alle Seiten einer Sache zu be-schauen , so geschickt von Schmeichelei und Skepti-

zismus unterscheidet. Klvtilde hatte langsam denKopf zum letzten Satze geschüttelt. Ueberhauptstritten heute alle für und wider ihn in jenemtheilnehmenden Tone, den Weiber und Ver-wandte allemal gegen einen Fremden annehmen,wenn sie eine Stunde vorher den nämlichen Pro-zeß , aber zu praktischer Anwendung, mit den Ih-rigen geführet hatten.

Viktor, der schon lange besorgte, verlegen zuwerten, ging endlich dahin, wohin er bisher sooft geschauet hatte — zum Schach, das man mitder größten Begierde, zu — verlieren, spielte.Der Kammerherr, — wir wissen alle, wie er war;er schrieb nichts als Belobschreiben für dieganze Welt, und der Abendmahlkelch wäre mehrfür seinen Geschmack gewesen, hätt' er darausauf eines wichtigen Mannes Gesundheit toastenkönnen — dieser beförderte so gut er konnte, mitden dürren Schachstatüen blos das fremde Wohlauf Kosten des eignen: gern verlor er, falls nurMatthieu gewann. Noch dazu glich er jenen ver-schämten Seelen, die ihre Wohlthaten gern ver-borgen geben, und er konnt' es nicht über sicherhalten, es seinem Schachgegner zu sagen, daßer ihm den Sieg zuschanze; er hatte fast größereMühe, sich zu verbergen wie ein Hofmann, alssich selber zu besiegen wie ein Christ. Einesolche Liebe hätte, wie es scheint, wärmer vergoltenwerden sollen als durch offenbare Bosheit; aberMatz hatte das Nämliche vor, und wich demSiege, den jener ihm nachtrug, wie ein wahrerSpitzbube aus. Le Baut ersann sich vergeblichdie besten Züge womit man s i ch selber mattmacht — Matz setzte noch bessere ötttgegen, unddrohte jede Minute, auch zu ermatten. Uns alledauert der auf dem Schachboden hetumgehetzteKammerherr, der wie eine Kokette besorgt, nichtbesiegt zu werden. Es war für ein weiches Auge,das doch dem Schwachen lieber als dem Schelmvergibt, nicht mehr auszuhalten: Viktor trat un-ter tausend Entschuldigungen gegen den Schwachenund voll Bosheit gegen den Boshaften in dieHetzjagd ein, und nöthigte den Hofjunker, seinenRath und seine Charitativsubsidien anzunehmen,und zu vorgeschlagenen Kriegoperazionen von sol-chem Werth zu greifen, daß der Mann mit demAmte der kammerherrlichen Schlüssel endlich trotzseiner Befürchtungen und trotz der schlimmstenAussichten — verlor. Alle Anwesende, erriethenalle Anwesende, wie Fürsten einander in ihrenöffentlichen — Komödienzetteln.

Er hatte endlich die Abschiedaudienz, aber ge-ringen Trost. Die Gestalt, unter der alle seineSchönheitideale nur als Schildhalter und Karya-tiden standen, war noch kälter als bei dem Em-pfange und immer blos das Echo der elterlichenHöflichkeit. Das einzige, was ihn noch aufrechterhielt und beruhigte, war eiue — Distel, nämlicheine optische auf den musivische» Fußboden ge-säete. Er nahm nämlich wahr, daß Klotildediesem Blumenstück, das sie doch kennen mußte,unter dem Abschiede mit dem Fuß auswich, alswär' es das Urbild. Abends macht' er seineSchlußketten, wie sie auf Universitäten geleistetwerden — dieser Vepierdistel impfte er alle Rosenseines Schicksals ein — »zerstreut war sie Loch,