Band 
I.
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Hesperus.

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den macht Züge und Farbe noch widerlicher alsdas längste Krankenlager — oder die Erinnerungan des Lords Warnungen, oder beides machte ihnunserem Hofmedikus eben so verhaßt als dieserwieder jenem durch das Hvfphpsikat geworden war;dieses verhehlte Gift Matthäi aber offenbarte sichnicht durch kleinere, sondern durch größere fastironische Höflichkeit. Hingegen Matz undFlamin schienen vertraulicher als je zusammen zusein.

Vormittags nach dem Rasieren sprang, ohne sichnoch einmal zu überwaschen, Viktor auf und packtesogleich den Stiefelknecht ein, und riß die Hangrie-men der Kleider entzwei, und bestellte Meßhelfer,damit sie seinen Lebensballast — ausschifften (we-gen seiner elenden Packerei) und dann einschifften.Denn er überließ die ganze Kuratel des Gerüm-pels unserer kleinlichen Lebensgeräthschasten im-mer fremden Händen, und das mit einer solchenVerachtung dieses Gerümpels und mit einer sol-chen sorglosen Verschwendung, — ich werde zwarmeinen Helden nie verleumden; aber es ist dochdurch den Spitz erwiesen, daß er nie LaSKurrent-geld eines versilberten Goldstücks kollazivnierte,und nie einem Juden, Römer und Herrnhuteretwas im Handel abbrach — so sehr, sag' ich, daßdie ganze weibliche Hanse in St. Lüne schrie: eider Narr! und daß die Kaplanin sich immer anseine Stelle auf den Handelplatz einschvb. Er waraber nicht zu bessern, weil er die Lebensreise undalso den Reissbündel mit so philosophischen Augenverkleinerte, und weil er vor nichts so errötheteals vor jedem Scheine des Eigennutzes: er liefvor allen Anstalten, Vorreiten: und Probekomö-dien davon, wenn sie seinetwegen auftraten — erschämte sich jeder Freude, die nicht wenigstens inzwei Bisse», in einen für einen Mitesser, zu thei-len war — er sagte, die Stirne eines Hvspodarsmüßte die Härte seiner Krone angenommen haben,weils sonst ei» solcher Mensch unmöglich ertrüge,was oft blos seinetwegen gemacht würde von ei-nem ganze» Lande, die Musik — die Ehrenbogen— die Carmina — das Freudengeschrei in Prvseund die entsetzlichen Kanonaden. — —

Er hatte jetzt in St. Lüne nichts mehr abzu-thun, als eine bloße platte — Höflichkeit; denn soviel darf ich wohl ohne Eitelkeit behaupten, daßein Held, den ich zu meinem erkiese, schon hof-fentlich so viel Lebensart habe, daß er hingehtzum Kammerherrn Le Baut und sagt: ü i-vvoii-!—An solche Staatsvisiten muß er sich ohnehin jetztgewöhnen.

Matz saß auch drüben, dieser mit struppichtenabgezahlten hängenden Flügeln hingeworfeneAmor der Kammerherrin — letzte scherzte über dieeitlen Blicke mit ihm, die den nachlassenden Pulsseiner Liebe bekannten — Le Baut spielte Schachmit Matzen — Klvtilde saß an ihrem Arbeit-tischchen voll seidner Blumen, mitten unter Liesenedeln Drillingen. . . . Ihr armen Töchter! wasfür Leute müsset ihr nicht oft bewillkommen undaushöre» ! — Doch für Klotilde war dieser Haus-freund nichts als eine ausgepolsterte Mumie, undsie wußte nicht, kam er oder ging er.

Sebastian wurde als Adoptivsohn des Glücks,als Erbe des väterlichen Günstlingpostens, heute

von der Kammerherrschaft ungemein verbindlichempfangen. Wahrhaftig, wenn der HofmannUnglückliche flieht, weil ihm das Mitleiden zuheftig zusetzt, so drängt er sich gern um Glück-liche, weil er Mitfreude genießen will. DerKammerherr, der sich noch vor dem verbeugte, derin seinem Sturze vom Thron mitten in der Lusthing, bückte sich natürlicherweise vor dem noch tie-fer nieder, der in der entgegengesetzten Fahrt be-griffen war.

Viktor stellte sich zu den Weibern, aber anit ei-nem anfs Schachbretchen irrenden Auge, um,wenn er verlegen wäre, sogleich einen Vorwandder veränderten Aufmerksamkeit oder des Weg-tretens bei der Hand zu haben. Es war gescheit:denn jedes Wort, das er und die Weiber spra-chen, war ein Schachzug; er mußte gegen die LeBaut — was wußte diese, daß einer Mutternichts schöner stehe als eine vollkommene Tochter?— d. h. gegen die Stiefmutter seine Kälte undgegen die Stieftochter seine Wärme verdecken.Der Leser frage nicht: was konnte denn die alteStiefmutter für Wärme begehren? Denn in denhöheren Ständen werden die Ansprüche durchBlutverwandtschaft und Alter nicht geändert; -blos in niedern werden sie es — daher befürcht' ichallemal, das, was ich der Tochter vortrage, lang-weile die Mutter, und ich fange mit Recht, wenndiese kömmt, nach einem bessern Redefaden. —Viktor verbarg seine Kälte leicht auS jenerMenschenliebe, die bei ihm so oft in zu gutherzigeSchmeichelei unmoralischer Hoffnungen ausartete -und wenn eine haben wollte, er sollte sich in sieverlieben, so sagte er: »ich kann doch wahrlich»zum guten Lämmchen nicht sagen: ich mag»nicht.» - Die Wärme gegen Klotilde verbarger — schlecht, nicht weil sie zu stark, sondern ge-rade weil sie es noch nicht genug war. Es ist na-türlich : ein Jüngling von Erziehung kann, wenner will, seine erwiederte Liebe, ohne Kanzel-abkündigung verhüllen und verschweigen, aber eineunerw iederte, eine, die er selber blos erstAchtung nennt, läßt er aus sich ohne Hüllen lo-dern. — Uebrigens bitt' ich die Welt, sich hinzu-setzen und zu bedenken, daß mein Held nicktden Teufel im Leibe oder sechzehn Jahre habe,sondern daß er unmöglich eine Liebe für eine Per-son empfinden könne, die über ihre Gesinnungenwie über ihre Reize eine Mosisdecke hängt. Liebebeginnt und steigt durchaus nur an der Gegenliebeund mit ihrem wechselseitigen Errathen. Achtunghat er blos, aber eins recht wachsende und bange,kurz seine Achtung ist jener kalte hüpfende Punkt in,Dotter des Herzens, dem die kleinste fremdeWärme oft nach Jahren — die Metapher ist auseinem Ei geschlagen — wachsendes Leben undAmorS- Flügel zutheilt.

Er untersuchte jetzt am Arbeittische KlotildensWärme mit dem Feuermesser; aber ich kann wei-ter nicht außer mir vor Freude sein, Laß er dieWärme an der ins Kleinste abgetheilten Skalawenigstens um i/m Linie gestiegen fand. Denner schießet wohl fehl; ich will lieber auf den Stirn-messer Lavaters bauen, als auf denHerz - undWärmemesser eines Liebe suchenden Men-schen, der seine Auslegungen mit seinen Beobach-

Ikan PaliI' s Werke. I.

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