Band 
I.
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SOZ

H esperus

bindlichkeit auf — d. h. mit so viel Höflichkeit desKörpers, »lit so viel Puderzucker auf jeder Miene,mit so viel Violensirnp auf jedem Wort — kurz,er fand den Bericht, den Makthien von ihrer ge-fälligen Denkart für ihn an Flamin erstattet hatte,so gegründet, daß er keine bessere Gelegenheithätte aussuchen können als diese, um sie von Ver-pflanzung ihrer Tochter abzumahnen — hätten sieihn« nicht zu danken angefangen, daß er selberdieser Verpflanzer gewesen war. Sie hatten alleserfahren oder errathen, und dankten ihm fürseine Verwendung, der sie wahrscheinlich eigen-nützigere Absichten liehen, als die Tochter that.Es wäre lächerlich gewesen, in Klvtildens Gegen-wart ihr selber Flachsenfingen zu widerrathen unddas auszureden, wofür man ihm dankte; indeßversucht' er doch etwas. Er sagte zum Kammer-herrn: „seine Tochter verdiene mehr, einen Hof„zu haben, als einen zu zieren; ja er verdiene..bei der ganzen Sache höchstens — Entschuldn»"gung, da Klotilde gewiß den Umgang ihrer El-"iern dem Hofzwang verziehe: in diesem Falle^ "versprich' er, den Zeiger bei dem Fürsten wieder! "zurückzustellen, und alle» ohne Nachtheil zu be-richtigen." Der Vater hielt diese Aeußerungfür ein sonderbares Ablehnen des Dankes, dieStiefmutter für irgend eine Spitzbüberei, dieTochter für — Worte. Sie sagte ein wenig kurz:"ich glaube, es war leicht, zwischen Ungehorsam"Und Abwesenheit zu wählen." Denn so »nbieg-sani sie für ihre Stiefmutter war, ,so willig kamsie den Winken ihres Vaters nach, den sie mitallen seinen Schwächen und als die einzige ihm aufder Erde gewogne Seele zärtlich liebte. Viktorließ es endlich, obwohl gezwungen, gut sein; aberwarum ergibt sich der Mensch schwerer in die Zu-kunft, als in die Vergangenheit? — Die Kälteder Tochter war natürlicherweise nicht kleiner(aber aufrichtiger) als die Wärme der Einen....und gerade die Kälte erfrischte sein glühendes Ge-hirn. Diese kalte gleichgültige Gestalt war wieein Schleier über die erhabne liebende gedeckt,die immer mit ihrem schwermüthigen Blicke vorihm schwebte, und die er nicht aushielt. OhneBewußtsein einer Schuld, zufrieden mit seinemGehorsam gegen Cnianuels Bitte, zog er mit sei-nen vom Wohlstand erdrückten Gefühlen ab, käl-ter gegen die Kälte. — Er wäre ein schlechterLiebhaber gewesen, wenn er gewußt hätte, waser haben wollen; denn sonst hätt' er von Klotil-ben, sogar im Falle ihrer Liebe gegen ihn, keineaußerordentliche Liebe gegen einen Medikus be-gehren können, den ihr die Eltern aufzwangen,(welches einem Manns noch mehr schadet alsHöflichkeit), der so unhöflich ohne ein Gebnrttag-Karmen aus dem Garten fortjagte, und der siein die sieben vergoldeten Thürme des HofLienstes,trotz ihrem Widerwillen, trotz allem Anschein ih-res künftigen Gefängnißfiebers hineinschob.— Aber für das offne Lehn seines Herzenswar eben dieser Aerger gesund ....

Wenn mein guter Leser einmal von einer zutheuern Freundin einen ewigen Abschied zu neh-men hat: so nehm' er ihn zweimal.— Dererste versteht sich ohnehin, wo er in der Trunken-heit des Schmerzes, im Blutsturz des Herzens

und der Augen erliegt, und wo das geliebte Bildsich mit Flammen in die weiche Seele brennt;aber dann wird er die Abgeschiekne nie vergessenkönnen. Daher muß er einen zweiten nehmen,der schon darum kälter ist, weil heftige Empfin-dungen kein ein! SvAiio der Wiederholung leiden,ja er muß (wenn er am allerklügsien sein will)sie »ach dem erste» tragischen Abschied an einemöffentlichen Patze (z. B. bei einer Krönung) wosie kalt scheinen muß, zu sehen suchen; ihr frosti-ges Gesicht überschneiet dann ihr heißes in seinemKopfe, lind mein guter Leser hat doch wieder sovielVerstand beisammen, daß er weiß, was er in denHundpositagen liefet. . .

— Wahrlich wenn Jean Paul nicht fleißigschreibt, so thuts keiner — eS schlug schon ein Uhr,lind er hielts für ein Viertel auf Zwölfe —meine Schwester will schon vor dem aüfgeschwänz-teu rauchenden Hecht, der wie die Schlange derEwigkeit an seinem Schwänze fristet, die Händefalten, und sagt immerfort, "es wird ja alles kalt"— "das soll es auch, nach so glühenden Kapiteln--(sag' ich) "wenn du den Leser und den Autormeinst" — Der Posthnnd springt schon, indem ichnoch über dem zwanzigsten Kapitel sitze, mit demein uns zwanzigsten in der Stube herum — undkoch will ich »erhungern, wenn ich nicht vor demEssen noch, wie die sieben Weisen, sieben goldneSprüche sage:

1 . Wenn man beim Stiche der Biene oder desSchicksals nicht stille hält, so reißet der Stachel abund bleibt zurück.

2. Jämmerliche Erde, die drei, vier große oderkühne Mensche» verbessern und erschüttern können!Du bist ei» wahres Theater: auf dem Vorgrundsind einige fechtende Spieler und einige Zelte ausLeinwand, im Hintergrund wimmeltS von gemal-ten Soldaten und Zelten! —

3. Staaten und Diamanten werden jetzt, wennsie Flecken haben, in kleine zerschnitten — undda

ü. die Menschen i» großen Staaten und dieBienen in große» Stöcken Muth und Wärme ein-büßen : so Hefter man jetzt an kleine Länder an-dre kleine Länder, wie an Bienenstöcke Kolouie-siöcke.

5. Der Mensch hält sein Leiden für daS derMenschheit, wie die Bienen das Tropfen ihresBienenstandes, wenn schon die Sonne wiederscheint, für Regen nehmen und nicht ausflie-sen ;

6. Aber er begeht täglich einen kleinernIrrthum : anfangs hält er für eine Ewigkeit,(für kiese aristotelische Zeiteinheit des Schauspielsdes Seins) seine gegenwärtige Stunde — dannseine Jugend — dann sein Leben — dann seinJahrhundert — dann die Dauer des Erd-balls — dann der Sonne ihre — dann derHimmel ihre — dann (das ist der kleinste Irr-thum) die Zeit... .

7. An dem Menschen sind vorn und hinten, wiean den Büchern, zwei leere weiße Buchbinder-blätter — Kindheit und Greisenalter; und an denHundpositagen auch: siehe das Ende dieses Tagesund den Anfang des nächsten.