Band 
I.
JPEG-Download
 

Hesp erus.

513

Predigern am meisten zuläuft, die es am stärkstenverdammen. Joachime wurde täglich zornfähiger— welches er größerer Liebe zuschrieb — aber erauch. Sie konnten den ganzen Besuch im schönstenReichs-und Hausfrieden verbracht haben: beimAbschiede wurde alles auf den Kriegetat gesetzt,die Gesandten zurückberufen, und die Beurlaubte»,wenn mir diese poetischen Ausdrücke erlaubt sind.Mit dem zornigen Bodensatz im Herzen zog erdann ab, und konnte kaum den Augenblick desWiedersehens— d. h. seiner oder ihrer Rechtferti-gung — erwarten. So brachten sie ihre Stundenmit dem Schreiben der Friedinsirumente undder Manifeste zu. Die streitige Sache war sosonderbar wie der Streit: es betraf ihre Fede-rungen der Freundschaft; jedes bewie-Z, das andrewäre der Schuldner, und fodere zu viel. Wasu»sern Medikus am meisten erboste, war, daß siedem feine» und den: wohlriechenden Narren, ihrdie Hand zu küssen, erlaubte/ ihm aber verbot,und zwar ohne alle Eutscheidgründe. »Wenn sienur löge und mir sagte: darum, oder darum! sowärs doch was» sagt' er; aber sie that ihm denGefallen nicht. Für mein Geschlecht ist Abschla-gen ohne Gründe, sogar ohne errathene, einSchwefelpfuhl, ein dreifacher Tod; auf Joachimewirkten Gründe und Kabinetpredigten gleichviel.

Extrablatt darüber.

Ich habe hundertmal mit meinem juristischenVIIU8 I>rolini«!l (Last zu beweisen) auf dem Buckelan die Weiber gedacht, die im Stande sind, durcheinige Anstrengung sowohl ohne alle Gründe zuhandeln als zu glauben. Denn am Ende mußkoch jeder (nach allen Philosophen ) sich zu Hand-lungen und Meinungen bequemen, denen Gründefehle»; denn da jeder Gruno sich auf einen neuenberuft, und dieser sich wieder auf einen stützt, deruns zu einem schickt, welcher wieder seinen habenmuß: so müssen wir (wenn wir nicht ewig gehenj und suche» wollen) endlich zu einem gelangen, den> wir ohne allen Grund annehmen. Nur fehlet derGelehrte darin, daß er gerade die wichtigsten Wahr-heiten — die obersten Prinzipien der Moral,der Methaphystk w. — ohne Gründe glaubt,und sie in der Angst—er will sich dadurch helfen-nothwendige Wahrheiten benennt. Die Frau hin-gegen macht kleinere Wahrheiten — z. V. eS mußmorgen weggefahren, eingeladen, gewaschen wer-den :c. — zu nothwendigen Wahrheiten, die ohnedie Assekuranz und Reassekuranz der Gründe ange-nommen werden müssen—und dies ists eben, wasihr einen solchen Schein von Gründlichkeit an-streicht.--Ihnen wirdbs leicht, sich vom Phi-

losophen zu unterscheiden, der denkt, und dem dieWahrheitsonne so wagrecht in die Augen flammt,daß er darüber weder Weg noch Gegend sieht. DerPhilosoph muß in den wichtigsten Handlungen,in den moralischen, sein eigner Gesetzgeber undGesetzhalter sein. ohne daß ihm sein Gewissendie Gründe dazu sagt. Bei einer Frau ist jedeNeigung ein kleines Gewissen und hasset Hetero-nomieen, und sagt weiter keine Gründe, so gutwie das große Gewissen. Und durch diese Gabe,mehr aus eigner Machtvollkommenheit, als aus

Gründen zu handeln, paffen eben die Weiber rechtfür die Männer, weil Liese lieber ihnen zehn Be-fehle als drei Gründe geben.

Ende des Extrablattes darüber.

Was eben so schlimm war, ist daß Joachimeihm endlich, um nur seine Aktenstöße von Be-schwerden und Reichs - Sl-nvsniinibus wegzu-bringen, die Finger ließ, ohne nur den geringstenGrund dazu zu sagen. Er konnte also keinen Titelseines Besitzstandes ausweisen, und hätte im Noth-fall niemand gehabt, der ihn darin schützen können.

Es ist aber eine gegründete Rechtsregel oder einmännliches Brokardikon daß alles bei den Weibernfester werde, wenn man daraus bauet, und daßuns eine kleine gestvhlne Gunst rechtmäßig gehöresobald wir um eine größere anhalten. Die Nechts-regel gründet sich darauf daß die Mädchen unswie den Juden im Handel, allemal die Hälfteabbrechen, und nur ein Paar Finger geben, wennwir die Hand haben wollen. Hat man aber dieFinger: so tritt ein neuer Titel aus den Jnsiitu-zionen ein, der uns die Hand zuerkennt; die Handgibt ein Recht auf den Arm, und der Artn aufalles, was daran hängt, als secessorlum. Somüssen diese Dingo betrieben werden, wenn RechtRecht bleiben soll. Es muß überhaupt von miroder von einem andern ehrlichen Mann ein klei-nes Lesebuch geschrieben werden, worin man demweiblichen Geschlecht die Modos (Arten), solcheszu akquirieren (zu erwerben) mit der juristischenFackel vorträgt und aufhellt. Viele Modi kommensonst ab. So bin ich z. B. nach dem bürgerlichenRechte rechtmäßiger Besitzer einer beweglichenSache, wenn sie vor dreißig Jahren gestohlen wor-den (im Grunde, sollt' es eher sein, und es solltemir nichts schaden, daß man später zu stehlen an-gefangen) — eben so fällt mir durch eine Verjäh-rung von dreißig Minuten (die Zeit ist relativ)alles von einer Schönen rechtmäßig anheim, wasich ihr Bewegliches (und an ihr ist alles beweglich)entwendet, und man kann daher nicht früh genugzu stehlen anfangen, weil sonst vor deni Diebstahldie Verjährung nicht anheben kann.

Spezifikazion ist ein guter Modus. Nur mußman wie ich ein Prvkulejaner sein, und glauben,daß eine fremde Sache dem, der ihr eine andreForm ertheilt, zugehöre, z. B. mir die Hand,die ich durch den Druck in eine andre Form ge-bracht.

Der sel. Siegwart sagte: eonkumo (Vermi-schung der Thränen) ist mein Modus. Aber euin-inixlio (Vermischung trockner Sachen, z. B. derFinger, der Haare) ist jetzt fast unser aller morliisseignii'siiili.

Ich wollt' einmal die ganze Sache nach der Lehrevon den Servituten, wo eine Frau tausend Dingezu leiden hat, behandeln (wiewohl alle diese Ser-vituten Lurch die Konsolidazion der Ehe gänzlicherlöschen); aber ich weiß die Lehre von den Ser-vituten selber nicht mehr recht, und wollte lieberdarin examinieren, als examiniert werden. — —

Ich kehre zum Medikus zurück. Da er alsowußte daß eine geküßte Hand ein Schenkbrief derWangen ist — die Wangen aber die Opfertafelnder Lippen sind — diese der Augen — die Augen

Jean Paul's Werke. I