Band 
I.
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Hesperus.

Unter dieser Disputazion hatte der edle Matz dieganze Gruppe unvermerkt in schwarzem Papiernachgeschnitten. »Ach! sagte Joachime, das istnicht das erstemal, daß er Gesellschaften schwarzabbildet.-- — Da aber Viktor Silhouettcngruppenniemals sehen konnte, ohne an unü zerrinnendeSchatten-Menschen, an dieses versiegende Zwerg-leben an die auf das Leben gezeichneten Nacht-stücke, und an die Schattenpartiecn, die manVölker nennt, zu denken — und da ihn daranaußer seiner Traurigkeit und außer einem Wachs-Skelet, von Mad. Bihervn, das im Naturalien-saale mit da stand, noch mehr die blasse GestaltKlvrildens erinnerte — und da diese, mit denvergleichenden Augen auf dem Gerippe und demSchatteubilde, leise zu Viktor sagte: „mich könn-ten zu einer andern Zeit so viele Aehnlichkeiten„traurig machen" — so durchschnitt sein vollesHerz der scharfe Schmerz über seine ewige Ar-muth, und über die Gewißheit: „dieses schöne„Herz bewegt sich nie für deines, und wenn ihr„Freund Emanuel gestorben ist, bleibst du immer„allein", — und er trat aus Fenster, drehte eshart auf, schlang den Nordwind ein, zerdrücktemit der Faust die zwei Augapfel, und ging mitden — vorigen Zügen wieder zu den Andern.

Aber für heute hatten solche Erschütterungentief in sein Herz hinein gerissen. Und da ihmKlotilde in einer einsamen Sekunde sagte, daß diePfarrerin und Agathe über sein Außenbleibenzürnten: so war er, dem sich bei diesen Namen dieganze bewölkte Vergangenheit wie ein Himmelaufthat, nicht im Stande eine Antwort zu ge-ben.

Als er nach Hause kam, redete KlotildensStimme, die er unter allen ihren Reizen am we-nigsten vergessen konnte, unaufhörlich und wiedas Echo eines Trauergesangs in seiner Seele...Leser, wenn das, was du liebtest, lange ver-schwunden ist aus der Erde oder aus deiner Phan-tasie, so wird doch in Trauerstunden die geliebteStimme wiederkommen und alle deine altenThränen mitbringen, und das trostlose Herz, dassie vergossen hat! . . . Aber nicht blos ihreStimme, sondern alles drängte sich im Finsternum seine Phantasie: ihr bescheidenes Auge, dasnicht hofmäßig blitzte und ertrotzte und suchte, wieder andern ihre; diese behntsame Feinheit, dieihm seit seinem Hofleben weder an ihr noch anseinem Vater mehr zu groß vorkam — dazu setzeman noch das Bild Joachimens und sein Chaosvon Widersprüchen, und die Bemerkung, daß einMensch, den die gewissesten Beweise, ungeliebt zusein, beruhigt haben, doch bei einem neuenwieder leitet: so kennt man die Bewegungen,die der Schlaf, Liese Meersiille des Lebens, beiihm stillen mußte. —

»Das war das letzte Fieberschauer» sagt' er amandern Morgen, und bauete auf sein jetzigesHerz, dessen Entzündungen wie die der Vulkanetäglich ihren Kessel mehr ausbrannten. Er gebotsich daher eine wöchentliche Flucht von der zu theu-ern Seele, in der Absicht, daß der neue Nach-klang seiner Liebe in seinem Herzen ausziktcreund alles wieder still werde darin.

Aber nach einer Woche sah' er sie wieder: wahr-

^ lich der Teufel saß wieder am Spieltisch und! spielte gegen ihn eine andere Farbe aus —N v t h.Klotilde sah nicht blaß, sondern, obwohl nur we-nig, roth aus. Dieses Roth machte an seineminnern Menschen einen großen Klecks, und ver-fälschte sein inneres Kolorit, wie Schwarz jedeMalerfarbe. Denn als er sie genesen wiederfand:so wars ihm nicht sowohl angenehm — denner sah, wie wenige Verdienste er mehr um ihreRuhe habe, wie sie ihn nicht einmal in diesemWarenlager von Menschen-Makulatnr aushebe,und wie dumm er gewesen, daß er sich heimlich, ganzheimlich träumen lassen, „ihre vorige Bleichheit»komme gar von ihrer vorgeblichen Sehnsucht nach»ihm seines Orts her» — desgleichen auch nicht warsihm unangenehm —denn er hätte all'sein Herz-blut dahin gegossen, um damit eine einzige Puls-ader in ihr wieder in den Gang zu bringen — ichsage, es war ihm nicht sowohl angenehm oder un-angenehm, als beides, als unerwartet, als einWink, des — Teufels zu werden. Sein Herzund das Bild, das zu lange darin war, wurdengar entzweigedrückt: »ES sei!» sagt' er und zerbißdie krampfhafte Lippe, womit ers sagte. - EinigeTage lang möcht' er nicht einmal Joachime sehen.»Hat diese denn ein Auge für die Natur und einHerz für die Ewigkeit?» fragt' er, und er wußtewohl die Antwort.

Jetzo ging eine Zeit für ihn an, die gerade dasGegentheil der Sabbathwvchen war — man kannsie die Renn wochen oder die Tarantel-Tanz st u n den der Besuche nennen. Es ist eineverdammte Zeit, der Mensch weiß nicht wo er ;sieht. Sie fiel bei Viktor gerade in die Winter- >monate, wo ohnehin die sausenden Butterwo- jchen der Städte und Höfe sind. Ich will sie jetztordentlich schildern.

Viktor suchte nämlich sein uneiniges unglückli-ches Herz zu überschreien und zu betäuben —nicht mit den Trommelwirbeln der Lustbarkeiten;unter diesen verblutete es vielmehr, so wie unterdem Trommeln die Wunden stärker fließen: son-dern — mit Menschen; Liess waren die blutstillen-den Schrauben, die er um seine Seele legte.Sein Leib war jetzt wie der katholische Neli-guienleib eines Apostels an allen Orten; er ver-lief den ganzen Tag, bald mit, bald ohne denFürsten.

In Flachsenfingen war zuletzt keine Dame mehr,der er nicht die Hand geküsset batte — und keinNachttisch mehr, wo ers dabei hätte bewendenlassen.

Er machte in den Rennwochen doppelteSchleifen — französische Pas — Tuxfdesseins— kleine Komödien — Charaden — Rezepte fürKanarienvogel — Verse für Fächer — tausendBesuche und noch mehr Morgen-Briefchen....

Letzte, die er bekam und schickte, waren franzö-sich geschrieben und französisch gebrochen — näm-lich zu Haarwickeln gequetscht: »es sind, sagt' er,»die Haarwickel weiblicher Gehirnfibern — die»Patronen voll Amors-Pulver — die Kokons»der liebenden Schmetterlinge» — er sprach vomSteigen und Fallen dieser weiblichen Papiere, undnannte sie noch die Aushängebogen LeS weiblichenHerzens, und die Schmutztitelblätter der koketten