Edikte von Nantes. »Ich behaupte dies" — setzt'er hinzu — »um mich vom Hofjunker Matthieu»zu unterscheiden, ders leugnet, weil er gar ver-,-ficht, anfangs dringe man den Schönen Briefe»auf, dann Dinge von mehr Kubikinhalt, z. B.»Fächer, Juwelen, Hände, dann endlich sich selber,»so wie die Posten anfangs nur Briefe ausnah-»men, dann Pakete, endlich Passagiere» —
Er fand diejenigen Weiber täglich amüsanter,die uns Leuten von Verstand das Herz aus derBrust und das Gehirn aus dem Kopf entwenden,und zwar (wie jener Edelmann anderes Zeug)nicht aus Liebe zum gestvhlnen Gute, sondern ausLiebe zum Rauben — sie schicke» wie der Edel-mann den andern Morgen das Gut dem Eignerredlich wieder zu. Ihre Feinheiten, — die seini-gen — seine Wendungen, um ihren auszuweichen— die Aufmerksamkeit, die man auf sich wendenmuß — die Gelegenheit, alle Empfindungen unterdie feinsten Trennmesser zu bringen, oder unterSonnen- und Mondmikroskops — die Leichtigkeit,den aufrichtigsten Wahrheiten den sauern Ge-schmack und den angenehmsten den süßlichen zubenehmen — — dieses machte ihm die Nachttischeder Weiber, besonders der koketten, zu Lektister-nien und Göttertischen: „beim Himmel, sagte derNachttischgänger oder Toiletten-Panist — „ein„Mann ist blos ein Holländer, höchstens ein„Deutscher, aber eine Frau ist eine geborne Fran-zösin oder gar eine Pariserin — der Mann ver-birgt seine moralische wie seine physische Brust„— Gedanken und Blumen, die nicht durch die„Naufen der vier Fakultäten durchfallen, Empfin-dungen, die nicht in den Akten oder in einem„ärztlichen Befundzettel können beschrieben wer-„ben, muß man wahrlich nur einer Frau und„keinem Manne sagen, zumal einem flachsenfingi-„schen" . . . oder einem scheerauischen. —
Um sich zu entschuldigen, daß er mit den Koket-ten aus dem Fuß eines Sammliebhabers umging,berief er sich auf seine Absicht — sie blos kennenlernen zu wollen — und auf den vortrefflichenFörster, der in Antwerpen vor Rubens Maria,die auf dem Altarblatt gen Himmel fäbrt, so gutwie ei» geborner Katholik hinkn iete, blos umsie näher zu beschauen.
Er hatte noch eine gefährlichere Entschuldigung:„der Mensch, sagte er, sollte alles sein, alles lernen,„alles versuchen —er sollte an der Vereini gung„der beiden Kirchen in seiner Seele arbeiten —„er sollte, wenn nur auf ein Paar Monate, ein„Stadtmusikus, Todtengräber, Galgenpater, ein„Ingenieur, Tragödiensteller, Oberhofmarschall,„ein Reichsvikarius, Vizelanrrichter, ein Rezensent,„eine Frau, kurz alles sollte der Mensch auf ei-„nige Tage gewesen sein, damit aus dem Farben-„prisma zuletzt die weiße vollkommns Farbe„zusammenflösse."—
Die Grundsätze werden desto gefährlicher beieinem wie er, der mit den hochgespannten Saitender unähnlichsten Kräfte bezogen, leicht Leu Toneines jeden angab, nicht aus Verstellung, sondernweil sich seine Umgangs - Dichtkraft tief in dieSeele des andern versetzen konnte — daher ge-wann , ertrug und kopierte er die unähnlichstenMenschen, ungeachtet seiner Aufrichtigkeit. Ich
bedaure ihn aber, daß er überall so viel zu ver-schweigen hatte, sein Errathen des Fürsten, seinHerz gegen Klotilde, seine Versöhnintriguen ge-gen Agnola, seine Wissenschaft von Flamins Ver-hältnissen u. s. w. Ach, Verschweigen und Ver-stellen fließen leicht zusammen, und müssen nichtTropfen in den festesten Karakter, sobald er im-mer unter der Traufe steht, endlich Narbengraben?
Nichts erkältet mehr die edelsten Theile deSinnern Menschen, als Umgang mit Personen, andenen man keinen Antheil nehmen kann. DiesesGastwirthleben am Hofe, täglich Leute zu sehen,die nicht einmal Ich sagen, deren Verhältnisseman so gleichgültig ankennt wie deren Talente,wenn sie nicht ein Bedürfniß sucht — dieses Ha-schen nur nach dem nächsten Augenblick — diesesVvrüberrennen der feinsten und geistreichstenFremden und Besuchameisen, die in drei Tagen ver-gessen sind — alles dieses, was die Pattäste zurussischen Eispallästen macht, wo sogar der Ofenvoll Naphtaflammen eine Eisscholle ist, wozu ichdas komische Salz gar nicht zu setzen brauche,das ohnehin alles warme Blut, wie glauberi-sches das heiße Wasser, erkältet, alles diesesmachte sein Herz öde, seine Tage kahl und lästig,seine Nächte beklommen, sein Betragen zu kaltgegen Gute, zu duldend gegen Schlimme.
Noch dazu schwieg sein Emanuel, und schloß,wie die Natur, seine Blumen in sich ein. Wendie Natur ernährt und erhebt, der ist im Winternicht so gut als im Sommer. Die Erde hatteihren Pudermantel von Schnee um, und denganze» Tag die Nachtkleidung an, die Bäume hat-ten ihre Knospen in die Flvckenvapillvten gewi-ckelt, und die Aeste sahen wie Haarnadeln aus —Viktors Seele war wie die Natur, o! der Himmelwärme bald in beiden die Blumen des Frühlingsan!
Da die Krankheitgeschichte meines Viktor michzu schmerzhaft an die versteckten Gifte im mensch-lichen Körper erinnert: so soll sie bald zu Ende sein.Es gefiel ihm, daß er durch das Herumflatternimmer galanter und kälter gegen alle weiblichePersonen wurde — das Seil der Liebe schneidetweniger tief in den Busen ein, wenn es in Fädenund Flocken ausgezupft um alle flattert. Er, derwie sein Namenvetter, der h. Sebastian, ganz mit(Amors) Pfeilen vollgeschossen aussah, ließ Pfeileanderer Art gegen das ganze Geschlecht, wiewohlnie gegen Einzelwesen, fliegen. In diesem letztenUmstand war seine Bitterkeit von Matthieusseiner unterschieden, der z. B. von seiner eignenBase, die ihre Schönheit durch späte Blatternverloren, sagen konnte: „ihre Schönheit hielt sich„recht tapfer gegen die Blattern, und trug auS„diesem Siege die herrlichsten Narben davon,„und zwar alle, wie Pompejus Ritter, von vornen ,„im Gesicht."
Wie Teufelsdreck zum Imut xoül gebraucht wird,so würzet man daS feinste srno-i' riv, <> rurch ei-nige kühne Unhöflichkeiten. Bastian war in derTarantelzeit durch nichts verlegen zu machen —er ging und kam wie ein Pariser ohne Umstände— er suchte oft kühne aber vortheilhafte Stellun-gen seines Körpers — unter dem Schauspiel that er
Jean Paul's Werke l.
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