Band 
I.
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der. Lass eS bleiben, Doktor! Diese lieben Wesengehorchen leichter dem Manne — den zehn Gebo-ten — den Büchern — der Tugend — dem Teufelselber leichter, als dem Diätetiker. Klvtilde sagte:„die Mitternachtstunde» sind blos meine einzige„Freistunden. — Und Maienthal kann ich ja nievergessen." — Ach, wie könnte man Las? — sagt'er. Die Musik vor dem letzten Akte, und dietragische Stimmung und die Schmerzen begeister-ten sie, und sie fuhr fort: „trank man nicht Le-the, wenn man das Elysium betrat, und wennman es verließ?... (Sie hielt inne) ,Jch„tränke keine Lethe, nicht im ersten Falle, noch„weniger im letzten — nein!" Und nie wurdedas Nein leiser, sanfter gezogener gesagt. InViktors Herzen zog ein dreischneitiges Mitleidenschmerzlich hin und her, da er sich die schreibendeund weinende und vom Schicksal verspottete Klv-tilke in der Mitternacht unter dem vom Erdschat-ten zerstückten und bewölkten Mond vorstellre; ersagte nichts, er blickte starr in die trüben Szenender Bühne, und weinte noch fort, als sich auf ihrschon die frohen entwickelten.

Zu Hause machte er seine Gehirnfibern zuAriadnes Fäden, um aus dem Labyrinth der Ur-sachen ihres Kummers, und besonders des neuenzu komme», der sie bei seiner Eröffnung zu befal-len geschienen. Aber er blieb im Labyrinth; frei-lich erzeugte Gram die Krankheit, aber wererzeugte den Gram? — Es wäre schlimm fürdiese armen zarten Schmetterlinge, wenn es mehrals Eine» tödtlichen Kummer gäbe; in jeder Gasse,in jedem Hause findest du eine Frau oder eineTochter, die in die Kirche oder ins Trauerspielgehen muß, um zu seufzen, und die ins obereStockwerk steigen muß, um zu weinen; aber die-ser aufgehäufte Kummer wird lächelnd verschmerzt,und die Jahre nehmen lange neben den Thränenzu. Hingegen einen gibts, der sie abbricht —denke daran, lieber Viktor, in den freudigenStunden deiner Viel-Liebe, und denket ihr alledaran, die ihr einem solchen weichen Geschöpf dasschlagende Herz aus der Brnst mit warmen lie-benden Händen ziehet, um es in eure neben euremeignen Herzen aufzunehmen und ewig zu er-wärmen! — Wenn ihr dann dieses heiße Herz,wie einen Schmetterlinghonigrüssel, ausgeris-sen hinwerfet: so zuckt es noch wie dieser fort,aber es erkaltet dann und schlägt nicht langemehr. —

Unglückliche Liebe war also der nagende Honig-thau auf dieser Blume, schloß Sebastian. Natür-lich dacht' er an sich zuerst; aber schon längsthatten ihn alle seine feinsten Beobachtungen, seineihm jetzt geläufigern Nikoschet-Blicke ausdem Augenwinkel überwiesen, daß er dieAuszeichnung, die sie ihm nicht versagte, mehrihrer Unparteilichkeit, als ihrer Neigung zuzu-schreiben habe. Wer es sonst am Hofe sei — dasherauszubringen, stellt' er vergeblich einen Elek-trizitätzeiger nach dem andern auf. Auch wußteer voraus, daß er vergeblich aufstellen werde, daKlotilde alles Aushorchen ihres Innern vereitelnwürde, wenn sie eine unerwiderte Neigung hätte;die Vernunft war bei ihr das Wachs, daS manauf Las eine Ende der magnetischen Nadel klebet

um das Niedersinken (die Jnklinazi on) desandern aufzuheben oder zu verbergen. Gleichwohlnahm er sich vor, das nächstem«! einige Wünschel-ruten an ihre Seele zu halten.-

Ich muß hier einen Gedanken äußern, der ei-nigen Verstand verräth, und mein Berechnenüberhaupt. Mein Hund-Postmeister Knef sahwahrscheinlich nicht voraus, daß ich das Jahr unddie Länge dieser ganzen Geschichte blos aus derMondfinsterniß des 25sten Febr. Herausrechnenwürde, deren er Meldung that, so wie überhauptgroße Astronomen durch die Mondphasen sehr hin-ter die geographische Länge der Erde kamen. 17YZfiel das in diesem Kapitel Erzählte vor: ich lnnMann dafür; denn da sich überhaupt dieganze Ge-schichte, wiebekannt im nenntenJahrzehend des acht-zehnten Jahrhunderts begibt, und da darin keineMondfinsterniß von einem 25sten Febr. über-all zu finden ist, als im Jahre 179Z, d. h. im je-tzigen; so ist mein Satz gewiß. Zur Sicherheithielt ich alle in diesem Buche einfallende Mvnd-nnd Wetterveränderungen mit denen von 17Y2und 1793 zusammen; und alles passete schön ineinander — der Leser sollt' es auch nachrechnen.Ungemein ergötzend ist es für mich, daß sonach,da ich im Julius schreibe, die Geschichte ineinem halben Jahre meiner Beschreibung nach-kommt. —

Viktor zauderte mit seinem Gange zur Fürstinnicht, um bei ihr die schweigende Klotilde füreine vollständige Nervenpazientin zu erklären.Er lachte selber innerlich über den Ausdruck —und über die Aerzte — und über ihre Nervcnku-ren — und sagte: wie sonst die französischen Kö-nige bei ihren Heilanstalten gegen die Kröpfesagen mußten: --der König berührt dich, aber--Gott heilt dich,-- so sollten die Aerzte sagen: derStadt - und Landphysikus greift dir an den Puls,aber Gott macht die Kur. — Hier indessen gab ersie aus drei guten Absichten für eine Nervenlei-dende aus: erstlich um für sie die Aufhebung derHof-Leibeigenschaft, wenigstens die Befreiungvom genauen Hofdamen - Amt zu erlangen, weilin seinen: Herzen immer der hineingestocheneSplitter des Borwurfs eiterte: --du bist schuld,

- daß sie hier sein muß-- — ferner um ihr die Er-laubniß der Land - und Frühlingluft, falls sie ein-mal darum nachsuchte, im Voraus auszuwirken

— endlich, «m sie von der befohlnen Aeknlichkeitmit denen Damen zu erlösen, au deren bleifarbi-gen Gesichtern, wie an den Bleisoldaten der Kin-der, sich das Nöthe täglich abfärbt, so wie täglichansetzt. Da sich aber Agnola selber schminkte, somußt' er aus Höflichkeit es beiden auf einmalverbieten, als Arzt. Die Fürstin untersiegeltealle seine Bittschriften recht gütig; nur über denSchminkartikel gab sie in Rücksicht ihrer selbstgar keine Nesolnzivn, und in Rücksicht KlotildenS,diese: sie habe niäits dagegen, wenn sie bei ihr,ausgenommen an Courtagen und im Schauspiel,ohne Roth erscheine; und von der Anwesenheitbei beiden sei sie gerne dispensiert, bis sie wiedergenesen sei.

Er konnte kaum den Abschied erwarten, um die-sen Reichsabschied oder Schluß der geliebtenKranken zu bringen. Ihn selber nahm diese