Band 
I.
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Hesperus

529

Sechster Schalttag.

Ueber die tviistr n»d das xelolne Land des «Ucn-sclienIefchleclsts.

Es gibt Pflanzenmenschen, Thiermsnschen, undGottmenschen. —

Als wir geträumt werden sollten: wurde einEngel düster, und entschlief und träumte. Es kamPhantasus * und bewegte gobrochne Lufter-scheinnnge», Dinge wie Nächte, Chaosstücke, zusam-mengeworfne Pflanzen vor ihm, und verschwanddamit.

Es kam Phvbetor und trieb thierische Heer-den, die unter dem Gehen würgten und graseten,vor ihm vorüber, und verschwand damit.

ES kam Morpheus und spielte mit seligenKindern, mit bekränzten Müttern, mit küssendenGestalten ünd mit fliegenden Menschen vor ihm,und als die Entzückung den Engel weckte, warMorpheus und das Menschengeschlecht und dieWeltgeschichte verschwunden . . .

— Jetzo schläft und' träumt der Engel noch —wir sind noch in seinem Traum — erst Phobe-tv r ist bei ihm, und Morpheus wartet noch dar-auf, daß Phvbetor niit seinen Thieren ver-schwinde . ..

Aber lasset uns, statt zu träumen, denken undhoffen; und jetzt fragen: werten auf Pflan'z'en-menschen, auf Tstiermenschen endlich Gott-menschen kommen? Verräth der Gang derWelt-Uhr so viel Zweck wie der Bau derselben,und hat sie ein. Zifferblatt-Rad und einenZeiger?

Man kann nicht (wie ein bekannter Philosoph)von Endabsichten in der Physik so fort auf End-absichten in der Geschichte schließen — sowenigals ich, im Einzelne», aus dem teleologischen (ab-sichtvvllen) Ban eines Menschen eine teleolvgischeLebensgeschichte desselben folgern kann, oder ;owenig, als ich aus dem weisen Bau der Thiere aufeinen svrtlmssenden Plan in der Weltgeschichtederselben schließen darf. Die Natur ist eisern,immer dieselbe, und die Weisheit in ihrem Baubleibt unverdunkelt; das Menschengeschlecht istfrei, und nimmt wie das Aufgußthier, die vielge-staltete Vvrticelle, in jedem Augenblick bald regel-mäßige, bald regellose Figuren an. Jede physischeUnordnung ist nur die Hülse einer Ordnung, jedertrübe Frühling die Hülse eines heitern Herbstes;aber sind denn unsere Laster die Blütcnknospen un-serer Tugenden, und ist der Erdfall eines fortsin-kenden Bvsewichts denn nichts, als eine verborgneHimmelfahrt desselben? — Und ist im Leben einesNerv ein Zweck? Dann könnt' ich eben so gut

* Dcr Gott des Schlafes wurde von drei Wesen um-geben, von Phantasus, der sich nur in leblose Dingeverwandeln konnte, von Phobctor, der alle Thicrgesial-tcn, und vonMorphcus, dcr alle Menschengestalten anneh-men und vorgaukeln konnte. steMmorssi. I,. tl. lsi>b. IN.

alles zurückgeben und umkehren, und Tugenden zuHerzblättern versteckter Laster machen. Wennman aber, wie mancher den Sprachmißbrauch soweit treibt, daß man moral ische Höhe und Tiefewie die geometrische nach dem Standort um-kehret, wie positive und negative Größen:wenn also alle Gichtknoten, Fleckfieber uud Blei-oder Silberkvliken deö Menschengeschlechtsnichts sind, als eine andere Art von Wohlbefin-den: so brauchen wir ja nicht zu fragen, ob es jegenesen werde — es könnte ja kann in allen mög-lichen Krankheiten doch nichts sein, als gesund.

Wenn sich ein Mönch des zehnten Jahrhun-derts schwermüthig eingeschlossen, und über dieErde, aber nicht über ihr Ende, sondern überihre Zukunft nachgedacht hätte; wäre nicht in sei-nen Träumen das dreizehnte Jahrhundert schonein helleres gewesen, und das achtzehnte blos ei»verklärtes zehntes?

Unsere Wetterprophezeiungen aus der gegen-wärtigen Temperatur sind logisch richtig undhistorisch falsch, weil neue Zufälle, ein Erdbeben,ein Komet, die Ströme des ganzen Dunstkreisesumwenden. Kann der gedachte Mönch richtigberechnen, wenn er solche künftige Größen wieAmerika, Schießpulver uud Druckerschwärze nichtansetzt? — Eine neue Religion — ein neuerAlexander — eine neue Krankheit — ein neuerFranklin kann den Waldstrom, dessen Weg undInhalt wir auf unserer Nechenhaut verjüngenwolle», brechen, verschlucken, dämmen, umlenken

— Noch liegen vier Welttheile voll angeketteterwilder Völker — ihre Kette wird täglich dünner

— die Zeit schließet sie los — welche Verwüstung,wenigstens Veränderungen, müssen diese nichtauf dem kleinen kovrluisveen unserer kultivier-ten Länder anrichten? — Gleichwohl müssen alleVölker der Erde einmal zusammengegossen wer-den, und sich in gemeinschaftlicher Gährung ab-klären, wenn einmal dieser Lebens - Dunstkreisheiter werden soll.

Können wir von einigen mit Eisenfeile undScheidewasser (hier Lettern und Druckschwärze)selbst angelegten Miniatur-Erdbeben und Vulkanenauf die Aetnas - Ausbrüche schließen, d. h. von denUmwälzungen der wenigen gebildeten Völker aufdie der ungebildeten? Da wir setzen dürfen, daß dasMenichsngeschlecht so viele Jahrtausende lebt,als der Mensch Jahre: dürfen wir schon aus demsechsten Jahre dem Jüngling-und Mannalter dieNativität stellen? Dazu kömmt, daß die Lebens-beschreibung dieses KindeSalters gerade am mager-sten ist, und daß aufgewachte Völker — fast alleWelttheile liegen voll Schlafender — in EinemJahre mehr historischen Stoff und folglich mehrHistoriker erzeugen, als ein eingeschlafenes Afrikain einem Jahrhundert. Wir werden also aus derallgemeinen Welthistorie dann am besten prophe-zeien können, wenn die erwachenden Völker ihrePaar Millionen Nachtragbände gar dazu gebun-den haben werden. — Alle wilde Völker scheinennur unter Einem Prägstock gewesen zu sein; hin-gegen die Nändelmaschine der Kultur münzet je-des anders aus. Der Nvrdamerikaner und deralte Deutsche gleichen sich stärker, als Deutscheeinander aus benachbarten Jahrhunderten. We-

Jean Paul'S Werke. I

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