Hesperus- 531
Bei der fürchterliche» Ungleichheit der Völkerin Macht, Reichthnm, Kultur, kaun nur ein allge-meines Stürmen aus allen Kompaßecken sich miteiner dauerhaften Windstille beschließen. Ein ewi-ges Gleichgewicht von Europa setzt ein Gleichge-wicht der vier übrigen Welttheile voraus, welchesman, kleine Librazionen abgerechnet, unserer Kugelversprechen kann. Mau wird künftig eben sowenig einen Wilden, als eine Insel entdecken.Ein Volk muß das andre aus seinen Tölpeljahrenziehen. Die gleichere Kultur wird die Kommer-zientraktate mit gleicher» Vortheilen abschließen.Die längsten Regenmonate der Menschheit —welche in die Völkerverpflanzungen allzeit fielen,so wie man Blumen allzeit an trüben Tagen ver-setzt — haben ausgewittert. Noch sieht ein Ge-spenst aus der Mitternacht da, das weit in dieZeiten des Lichts herein reicht — der Krieg. Aberden Wappen-Adlern wachsen Krallen und Schna-bel so lange, bis sie sich, wie Eberhauer, krümmenund sich selber unbrauchbar machen. Wie manvom Vesuv berechnete, daß er nur zu dreiund vierzig Entzündungen noch Stoff verschließe:so könnte man auch die künftigen Kriege zählen.Dieses lange Gewitter, das schon seit sechs Jahr-tausenden über unserer Kugel steht, stürmt fort,bis Wolken und Erde einander mit einem glei-chen Maaß von Blitzmaterie vollgeschlagen ha-ben.
A l l e Völker werden nur in gemeinschaft-licher Aufbrausung hell; und der Nieterschlagist Blut und Todtenknvchen. Wäre die Erde umdie Hälfte verengert: so wäre auch die Zeit ihrermoralischen — und physischen —Entwickelung umdie Hälfte verkürzt.
Mit den Kriegen sind die stärksten Hcmmkettender Wissenschaften abgeschnitten. Sonst warenKriegmaschinen die Säemaschine» neuer Kenntnisse,indeß sie alte Ernten unterdrückten; jetzo isis diePresse,.dieden Samenstaub weiter und sanfter wirft.Statt eines Alexanders brauchte nun Griechenlandnichts nach Asien zu schicken, als einen — Setzer;der Eroberer pelzet, der Schriftsteller säst.
Es ist eine Eigenheit der Aufklärung, daß sie,ob sie gleich den Einzelwesen noch die Täuschungund Schwäche des Lasters möglich lässet, doch Völ-ker von Kompagnie - Lastern und von Nazional-täuschungen — z. B. von Strandrecht, Sesraub— erlöset. Die besten und schlimmsten Thatenbegehen wir in Gesellschaft, ein Beispiel ist derKrieg. Der Negerhandel muß in unsern Tagen,es müßte denn der Unterthanenhandel anfangen,aufhören. *
Die höchsten steilsten Throne stehen wie diehöchsten Berge in den wärmste» Ländern. Diepolitischen Berge werden wie die physischen täglichkurzer (zumal wenn sie Feuer speien) und müssenendlich mit den Thälern in Einer — Ebene lie-gen.
Aus allem diesem folgt:
Es kommt einmal ein goldnes Zeitalter, dasjeder Weise und tugendhafte schon jetzo genießet,und wo die Menschen es leichter haben, gut zuleben, weil sie es leichter haben, überhaupt zu
" 2m Jahr 1792 geschrieben
leben, — wo Einzelne, aber nicht Völker sündigen
— wo die Menschen nicht mehr Freude (denndiesen Honig ziehen sie aus jeder Blume undBlattlaus) sondern mehr Tugend haben — wodas Volk am Denken, und der Denker am Arbei-ten * Antheil nimmt, damit er sich die Helotenerspare — wo man den kriegerischen und juristi-schen Mord verdammt, und nur zuweilen mit
dem Pfluge Kanonenkugeln aufackert.-Wenn
diese Zeit da ist: so stockt beim Uebergewicht desGuten die Maschine nicht mehr durch Reibungen.
— Wenn sie da ist: so liegt nicht nothwendig inder menschlichen Natur, daß sie wieder ausarteund wieder Gewitter aufziehe (denn bisher lagdas Edle blos im fliehenden Kampfe niit demübermächtigen Schlimmen), so wie es, nach För-ster, auch auf der heißen St. Helenen - Insel **kein Gewitter gibt —
Wenn diese Festzeit kömmt, dann sind unsreKindeskinter — nicht mehr. Wir stehen jetzo amAbend und sehen nach unserm dunkeln Tag dieSonne durchglühend untergehen, und uns denheitern stillen Sabbathtag der Menschheit hinterder letzte» Wolke versprechen; aber unsre Nach-kommenschaft geht »och durch eine Nacht vollWind und durch einen Nebel voll Gift, bis end-lich über eine glücklichere Erde ein ewiger Mor-genwind voll Blütengeister, vor der Sonne zie-hend, alle Wolken verdrängend, an Menschen ohneSeufzer weht. Die Astronomie verspricht derErde eine ewige Frühling-, Tag- und Nacht-gleiche 2**; und die Geschichte verspricht ihr einehöhere; vielleicht fallen beide ewige Frühlinge ineinander. —
Wir NieLerzesenkte, da der Mensch unter denMenschen verschwindet, müssen uns vor derMenschheit erbeben. Wenn ich an die GriechenLenke: so seh' ich daß unsre Hoffnungen schnellergehen, als das Schicksal. — Wie man mit Lich-ten, Nachts über die Alpen von Eis reiset, umnicht vor den Abgründen und vor dem langenWege zu erschrecken: so legt das Schicksal Nachtum uns, und reicht uns nur Fackeln für dennächsten Weg, damit wir uns nicht betrübenüber die Klüfte der Zukunft und über die Entfer-nung des Ziels. — Es gab Jahrhunderte, wo dieMenschheit mit verbundnen Augen geführt wurde
— von einem Gefängniß ins andere; — es gabandere Jahrhunderte, wo Gespenster die ganzeNacht polterten und umstürzten, und am Morgenwar nichts verrückt; es kann keine andern Jahr-hunderte geben, als solche, wo Einzelwesen sterben,wenn Völker steigen, wo Völker zerfallen, wenndas Menschengeschlecht steigt; wo dieses selbersinkt und stürzt, und endigt mit der verstiebendenKugel . . . Was tröstet uns? —
Ein verschleiertes Auge hinter der Zeit, einunendliches Herz jenseits der Welt. Es gibt eine
' Der Millionär setzt Bettler, der Gelehrte Helotenvoraus, die höhere Bildung der Einzelnen wird mit derVerwilderung der Menge erkauft.
" I7Y2 geschrieben. Jetzo liegt sogar das Gewitter,das sonst am Himmel über ganz Europa stand, dort aufplatter Erde.
"" Denn nach noo.ooo Jahren steht die Erdaxe, wieJupiter jetzt, senkrecht auf ihrer Bahn.