Hesp
liebte» Namen legte sie tem Zünde des Seniorsbei, deS Miethherrn vom Flamin, um ihre Trau-ersehnsucht nach ihrer todten Giulia durch einenähnlichen Klang, durch den Rest eines Echo zuernähren. „Dieser Trauerten (sagte Viktor bei„sich) ist ja für sie das willkommene ferne Rollen„des Leichenwagens, der sie zu ihrer Jugendfreun-din holt; und ihre Erwartung eines ähnlichen„Schicksals ist ja der traurigste Beweis eines„ähnlichen Grams." Wenn noch etwas nöthigwar, seine Freundschaft von aller Liebe zu rei-nigen: so warS dieses schnelle Entblättern einerso schönen Passionblume;— gegen Leidende schämtman sich des kleinsten Eigennutzes. — Unter demGespräche, von dem sich die eifersüchtige Juliadurch die Unverständlichkeit ausgeschlossen fand;zupfte sie an der Bedientenklingel aus Verdruß;denn Mädchen machen schon um acht Jahre früherGcfallansprüche als Knaben. Klotilde verbot die-se» Ge'äute durch ein zu spätes Interdikt; dieKleine, erfreuet, das sie das Hereilende Kaminer-mädchen in Bewegung gesetzt, suchte wieder an derQuaste zu zupfen. Klotilde sagte auf französichzum Doktor : „Man darf ihr nichts zu monarchisch„befehlen; jetzt ruht sie nicht, bis ich mein äußer-„ftes Mittel versuche." — Julia! sagte sie nocheinmal mit einem weiten von Liebe übergvssenenAuge; aber umsonst. „Run sterb' ich!" sagte sieschon dahinsterbend, und lehnte das schöne, voneinem scheidenden Genius bewohnte Haupt an denStuhl zurück, und schloß die frommen Augen zu,die nur in einen, Himmel wieder aufzugehen ver-dienten. Indem Viktor bewegt und stumm vorder stillen Scheintotsten stand, und bei sich Lachte:„wenn sie nun nicht mehr erwachte und du die„starre Hand vergeblich rissest, und ihr" letztes„Wort aufdieser öden Erde gewesen wäre: „Nun„sterb ich" — v Gott, gäb es dann ein anderes„Mittel für die Trostlosigkeit ihres Freundes, als„ein Schwert und die letzte Wunde? Und ich faßte„mit der kalten Hand ihre Hand, und sagte: ich„gehe mit dir!" — indem er so dachte, und indemdie Kleine weinend die sinkende Rechte zog: sowurde das Angesicht wirklich bleicher, und die
Linke gleitete von, Schvvß herab-hier wurde
jene» Schwert mit der Schärfe überfein Herz ge-zogen — — Aber bald schlug sie wieder die irrenAugen auf, todesschlastrunken sich besinnend undschämend. Sie beschönigte die flüchtige Ohnmachtdurch die Bemerkung: --ich habe eS, wie jener--Schauspieler mit der Urne seines Kindes, ge->,macht: ich dachte mich an die Stelle meiner Giu-"l,a in ihrer letzten Minute, aber ein wenig zu"glücklich.»
Er wollte eben medizinische Hirtenbriefs gegendiese zernagende Schwärmerei abfassen — so sehrübersetzt eine unglückliche Liebe jedes weiblicheHerz aus den, mszorv Ton in den minoos Ton,sogar einer Klvtilde ihres, deren Stirn männlich,und deren Kinn sich fast mehr zu», Muth, als zurSchönheit erhob — als ganz andere Hirtenbriefekamen. Die Botenmeisterin derselben war Vik-tors glücklichere Freundin — Agathe. Lachewieder Leben, tu Unbefangne, in zwei Herzen,auf welche der Tod seine fliegenden Wvlken-Schatten geworfen! Sie fiel vertraut in zwei;
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freundschaftliche Arme; aber gegen ihren BruderDoktor, der so lange statt des ganzen Rumpfsnur seine Hand, d. h seine Briefe , nach St. Lünshatte gehen lassen, war sie „och scheu. Ich kannaber seinen Fehler, aus einem Hanse, das er einVierteljahr aus Gründen gemieden, nachher nochein zweites, ohne Gründe wegzubleiben, ichkann diesen Fehler nicht ganz verdammen, weilich ihn — selber habe. — Sie konnte sich nicht sattan ihm sehen; ihr blühendes Landgesicht wies ihmstatt seiner jetzigen Karwoche des Grames, eine R ö-th el z ei ch „ nn g seiner und ihrer dahin geflat-terten Freudenlage im Pfarrgarten. Er verhießihr feierlich, ihr Ostergast zu sein mit ihremBruder, und statt der Köpfe und Fenster ein-ander nichts einzuschlagen, als Eier; er rastetenicht, bis er der Alte wieder war, und sie dieAlte. Da sie die Langdnodez-Geschichte des Dor-fes und Vaters den beide» nur aus Liebe lächeln-den Hofleuten gar nicht als eine Ausmacherinoder in einer verstümmelten Ausgabe ablieferte,sondern in der Länge ihrer Nückenbänder: sofühlten Klvtilde lind Viktor, wie sanft ihnen diesesNiedersreigen von den bunten spitzen Hofglet-schern in die weichen Thäler der mittlern Standsthat, und sie sehnten sich beide weg von glattenHerzen an warme. Unter den Menschen undBorsdvrferäpfeln sind nicht die glatten die besten,sondern die rauhen mit einigen Warze». DiesesSehnen nach aufrichtigen Seelen war es auchwohl, was aus Klotilden die Behauptung preßte:es gebe nur Mißheirathen zwischen den Seelen,nicht zwischen den Stünden. Daher kam ihrewachsende Liebe gegen die außer dem Lvhkasteneines StanimbauniS, mir in der Gemeinhin grü-nende Agathe — welche Liebe einmal ich und derLeser im ersten Bande aus Scharfsicht für denDeckmantel einer andern Liebe gegen Flaminerklärt haben, und die uns beiden den Tadel gegeneine Heldin abgewöhnen sollte, die ihn hintennachimmer widerlegt.
Auf der dicken Brieftasche, die Agathe brachte,war die Handschrift der Aufschrift von — Ema-nuel, welchen Klotilde alles an die Pfarrerinüberschreiben ließ, um ihrer Stiefmutter das —Zumachen ihrer Briefe abzunehmen. Die FrauLe Baut hatte diese Einsicht der Akte», dieseSvkrakes - Hebammenkunst im Ministerium er-lernt, das ein Recht besitzt, Haussuchung in denBriefen aller Unterthanen zu thu», weil es sieentweder für Pestkranke oder für Gefangene hal-ten kann, wenn es will. Während die Stieftoch-ter im Nebenzimmer das äußere Packet erbrach,weil sie aus seiner Dicke einen Einschluß für denDoktor prophezeite: hauchte letzter aus Zufall —oder aus Absicht; den» seit einiger Zeit legte erüberall seine Entzifferkanzleien der Weiber a»,im engsten Winkel. in jeder Kleidfalte, in denSpuren gelesener Bücher — haucht' er, sagt' ich,zufälliger Weise an die Fensterscheiben, auf denenman sodann lesen kann, was ein warmer Fingerdaran geschrieben hat. Es traten nach dem un-willkürliche» Hauche lauter französische, mit demFingernagel skizzirle Anfang - S heraus. --S" —dacht' er — »Las ist sonderbar: ich fange michselber so an."