Band 
I.
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534 Hesperus.

Seine Vermuthungen brach die mit einem selig-entwölkten Angesicht wiederkommende Klotildeab, die dem denkenden Medikus einen großenBrief von Emanuel reichte. Nach dieser zwei-ten Freude folgte statt der dritten eine Neuigkeit;sie eröffnete ihm jetzt, "daß endlich Emanuel sie--in Stand gesetzt, eine gehorsame, wen» auch"Nicht gläubige Pazientin zu sein." Sie hattenämlich bisher den Vorsatz ihres Gehorsams undihrer Frühlingkur so lange verschwiegen, bis ihrFreund in Maienthal ihr ei» Krankenzimmer —gerade Giulias ihres — bei der Aebtissi» auf ei-nige Lenzmonate ausgewirket hatte, damit dadas Wehen des Frühlings ihre gesunkenenSchwingen hebe, der Blumentuft das zerspaltneHerz ausheile und der große Freund die großeFreundin aufrichte.

Viktor entwich eilend, nicht allein aus Hungerund Durst nach dem Inhalte seiner Hand, son-dern weil eine neue Gedankenstut durch seine al-ten Gedankenreihen brach. — „Bastian! (sagte"Bastian unterwegs zu sich) -ach hielt dich oft für"dumm, aber für so dumm nicht, — Nein, es--ist sündlich, wenn ein Mann, ein Hof-Me-"dikus, ein Denker, Monate lang darüber spinti-"siert, oft halbe Abende, und doch die Sache--nicht eher herausbringt, als wenn er sie hört,"jetzt erst — Wahrlich sogar das Fenster-S passet--an!" — Ich und der Leser wollen ihm das ausden Händen nehmen, womit er sich hier vor unssteinigt; denn er wirst nach uns beiden eben sogut, weil wir eben so gut nichts errathen haben,wie er. Kurz, der versteckte Glückliche, der dieschöne Klvtilke zur Unglücklichen macht, und fürden sie ihre stumme scheue Seele ausseufzet, undder für ihre meisten Reize gar keine Augen hatist der blinde — Julius in Maienthal. Daherwill sie hin.

Ich wollt' einen Folioband mit den Beweisendavon vollbringen; Viktor zählte sie sich an seinenfünf Fingern ab. Beim Daumen sagt' er: --desJulius wegen sucht sie die kleine Julia , so ists--auch mitGiulia" — beim Schreibfinger sagt' er:--das französische Anfang-I sieht wie ein S»ohne Querstrich aus" — beim Mittelfinger: --die--Minerva hat ihm ja nicht blos die Flöte, son-»der» auch Minervens schönes Gesicht beschxert,»und in dieses blinde Amors-Gesicht konnte Klo--tilde sich ohne Erröthen vertiefen; schon aus»Liebe gegen seinen Freund Emanuel hätte sie ihn--geliebt" — Beim Ringfinger: daher ihre Ver-, "theidigung der Mißheirathen, da sein bürgerli-l »cher Ringfinger an ihren adeligen kommmen--soll" — Beim Ohrsinger: --beim Himmel! das--alles beweiset nicht das Geringste."

Denn nun überströmten ihn erst die ganzenBeweise: im ersten Bande dieses Buches kam oftein unbekannter Engel zu Julius, und sagte: --sei--fromm, ich schweb' um dich, ich beschirme deine»eingehüllte Seele — ich gehe in den Himmel„zurück." —

Zweitens: dieser Engel gab einmal Julius einBlatt und sagte: „ verbirg es, und nach einem,,Jahr, wenn die Birken im Tempel grünen, lass'„es dir von Klvtilden vorlesen: ich entfliehe und du„hörst mich nicht eher, als über ein Jahr."-

Alles das lag ja Klvtilden wie angegossen an;sie konnte dem Blinden nie ihr sterbendes Her;aufdecken — sie ging gerade jetzt (wie lange istnoch auf Pfingsten?) nach Maienthal, um dasBlatt, das sie ihm in der Karaktermaske einesEngels gereicht, selber vorzulesen — endlich ging

sie ja gerade da»,als nach St. Lüne ab-kurz

aufs Haar trifft alles zu.

Wenn der Lcbensbeschreiber ein Wort dareinsprechen dürfte: so wär' es dieses: Der Berghaupt-mann, der Lebensbcschreiber, glaubt seines Orts allesrecht gern; aber Klvtilden, die bisher aus jedemSchmutznebel weiß stralend herausging, und ander man, wie an der Sonne, so oft Wolken mitSo»neuflecken vermengte, kann er so langenicht tadeln, bis sie es selber vorher thut. Viktorhat sogar, wie ich in der ersten Auflage, mancheBeweise vergessen, die für Klvtildcns Liebe gegenJulius reden: z. B. den warmen Antheil an des-sen Blindheit, und ihren Wunsch seiner Heilung(im Briefe an Emanuel), Flamins veraltete Eifer-sucht in Maienthal, sogar die Wonne, mit der sieim Schauspielhaus das Thal ein Eden nennt unddie Lethe ausschlägt.

Viktor riß das Packet entzwei, und zwei Blätt-chen fielen aus einem großen Blatte heraus. DaSeins Blättchen und das große Blatt waren vonEmanuel, das zweite von, Lord. Er studiertedas letzte in doppelten Chiffern geschriebne zuerst;folgendes:

--Im Herbst komm ich, wenn dieAepfel reifen— Die Dreieinigkeit (der Lord meint des Fürstendrei Söhne) --ist gefunden ; aber die vierte Person--in der Gottheit (der vierte lustige Sohn) fehlet.-- — Fliehe aus dem Palaste der Kaiserin aller--Neuße» (— mit dieser Chiffer hatten beide denMinister Schleunes zu bezeichnen verabredet — )--aber die Großfürstin (Joachime) meide noch--mehr; ste will nicht lieben, sondern herrschen, sie--will kein Herz, sondern einen Fürstenhut. — I»»Rom (er meint Agnola) hüte dich vor dem Kru-cifix, aus dem ein Stilel springt! Denk an die--Insel, eh' du fohlest."

Viktor erstaunte anfangs über die zufällige An-gemeffenheit dieser Verbote; aber da er sich be-dachte, daß er sie ihm schon auf der Insel gegebenhaben würde, wen» sie sich nicht auf seine neuernBegebenheiten bezögen: so erstaunt' er noch mehrüber die Kanäle, durch welche seinem Vater dieSpionen-Depeschen von seinen jetzigen Verhält-nissen zugekommen sein mögen ( — könnte dennmein Korrejpondent und Spion nicht auch desVaters seiner sein?) — und am meisten überdie Warnung vor Joachimen. --O! wenn diesegegen mich falsch wäre!" sagte er seufzend, undmochte das trübe Bild und den Seufzer nicht voll-enden. -Sondern er vertrieb beide durch

das kleine Blatt von Emanuel, das so klang:

Mein Sohn,

Die Morgenröthe des Neujahrs schien über denSchnee an mein Angesicht, als ich das Papier hin-legte (Emanuels zweiten sogleich folgenden Brief)auf das ich zum letztcnmale meine Seele mit allenihren über diese Kugel Hinausreichenten Bildernabzudrücken suchte. Aber die Flammen meiner