Band 
I.
JPEG-Download
 

540

Hesp

weiß, daß er ein Hasenfuß ist. Besagter Fuß —ein Hase und der Teufel behalten, wenn auch dasganze Fell abgestreift ist, noch den Fuß — sah esgern, wenn ihn ein Herr von Hofe ausschmauseteund — auslachte; er konnte nicht bescheiden ver>bleiben, sobald ihn ein Vornehmer zum Narrenhatte. Der edle Matz benahm ihm daher seineBescheidenheit oft. Von diesem vertrug er wiedie Flachsenfinger alles, von Viktor nichts. Icherklär' es nur daraus, weil Viktors Satiren all-gemein und paffend, und für das Bessern waren;die Menschen aber vergeben lieber PaSquill alsSatire, lieber Verleumdung als Ermahnung,lieber Spotten über Orthodvre und Aristokra-ten als Vernünfteln darüber *. — Demunge-achtet, ob Zeusel gleich von Matthieu diesesmalwieder gehänselt und geprellet wurde, wollt' ersihm nicht recht vergeben, sondern bekam das Chi-ragra darüber.

Es war nämlich kurz vor dem ersten April —manche haben jährlich drei hundert fünf und sech-zig erste Aprile — als der Junker den Apothekerin jenen April schickte. In St. Lüns waren schondrei Bad- und Trinkgäste angekommen, dreijunge wilde Engländer, die sich für Drillingeausgaben, aber wahrscheinlich nur » a ch einander,nicht mit einander geborns Brüder waren. Blosihre Seelen schienen Drillinge des Gemein - undFreiheitgeistes zu sei»; sie waren so republikanisch,daß sie nicht einmal an dem Hose erschienen, undhielten wie jeder Engländer uns alle (mich undden Leser und den Eloquenz - Professor) für Ehri-stensklaven und die Freigelassenen für Stecken-knechte. Die Zauberkraft eines ähnlichen Herzenstrieb bald den Regierrath Flamin in ihre kartest«scheu Wirbel; sie waren kaum acht Tage da, sohatten sie mit ihm schon einen Klub beim Kaplangehalten. Er versprach ihnen auf Ostern das Ge-sicht ihres Lantsmanns Sebastian; und den edlenMatthieu hatt' er gleich anfangs mitgebracht.Matzens Freiheitbaum war blos ein satirischerDornstrauch; seine Satiren ersetzten die Grund-sätze. Nur ein einziger Drilling, den selber derBöse mit Hörnern und Bvckfüßen, nämlich derSatir, ritt, konnte den beißenden Evangelistenund falschen Freiheit-Apostel recht leiden; dennin einem heitern lichten Kopf nimmt jedes fremdeWitz- und Blitzwvrt einen großem Schimmeran, wie Johanniswürmchen in dephlogistisierterLuftart Heller glimmen.

Als Matthieu den Pfarrkutscher und den Lohn«lakai der Engländer, den Blasbalgtreter Zeusel— denZwillingbruder des Apothekers — erblickte:erfand er etwas, das ich eben erzählen werde.Der Apotheker mußte sich bekanntlich seines leib-lichen Bruders schämen, weil er ein bloßer Balg-treter war, und keinen andern Wind machte, alsmusikalischen — und weil er ferner schlechte innereOhren und außen gar keine hatte. Jedoch hatt' ersich wegen der letzten mit einem gerichtlichenZeugniß gedeckt, das ihm nachrühmte, daß er seineSchallmuscheln auf eine ehrliche Art durch einsnBader verloren, der ihm von seiner Schwerhörig-

" Daher war eö in Athen erlaubt, die Götter zu ver-spotten, aber nicht zu verneinen.

k bU v.

keit helfen wollen. Aber sein Kopf war sein Ohr.Wenn er einen Stab an den Redner oder anseinen Sessel hielt, oder wenn man gerate überseinem Kopfe predigte: so hörte er recht gut.Hall er erzählt ähnliche Beispiele, z. B. voneinem Tauben, der allemal einen langen Stockan die Kanzel als Leiter und Steg der Andachtstieß. Seine Taubheit, die ihn eher zu einemhöchsten Staatsbedienten, als zu einem Lohnbe-dienten berief, wendete ihm-gerade den Sieg überandere Wahlkanditaten zu, weil dem Kato demältern — so hieß sich der lustige Engländer —seine närrische Stellung gefiel.

Der edle Matthieu, dessen Herz eine ebensodunkle Farbe hatte, wie seine Haare und Augen,hing die Drillinge als Köderwürmchen an dieAngel, um den Apotheker zwischen seinem undFlamins Arm nach St. Lüne zu bringen. Zeuselging freudig mit und ähnele das Unglück nicht,das ihn erwartete, nämlich keinen Bruder, mitdem ers schon seit vielen Jahren gegen etwasGewisses ausgemacht hatte. Laß sie einander inGesellschaften gar nicht kennen wollten. DerBalgtreter begriff ohnehin aus Einfalt gar nicht,wie ein so vornehmer Mann wieZeusel sein Brudersein könnte, und verehrte ihn im Stillen von Wei-tem; nur eine Sache vertrug er nicht, trotz seinerblödsinnigen Geduld, die, daß sich der Apothekerfür den Erstgebornen ausgab: „bin ich nicht, sagt'er, um eine Viertelelle länger und eine Viertel-stunde älter als er?" Er schwur, in der Bibelsei es verboten, seine Erstgeburt zu verkaufen —und er war dann wie alle, denen eine dumme Ge-duld ausreißet, nicht mehr zu bändigen.

Der Apotheker bemerkte nach dem ersten Schre«cken über den dastehenden Bruder mit Vergnü-gen, daß niemand seine Verbrüderung kenne: erwollte es daher auch nachthun, und federte vomBruder-Bedienten so kalt wie jeder, zutrinken.Der Balgtreter besah, indem er den Kopf nieder-bog, damit der Bruder oben darüber die Befehlegäbe, mit Erstaunen und wahrer Achtung die sil-bernen Gatterthvre und Beinschellen auf den Fü-ßen seines Verwandten, und dessen Hüftgehenkvon Stahlguirlanden der Uhren. Zeusel hättesich gern — wäre dem Junker zu trauen gewesen— gegen die Britten angestellt, als betrög' er sichund hielte des Tauben Bücken für übertriebeneKriecherei gegen Hvffeute; er wäre dann imStande gewesen, dazu zusetzen, kerOpistho-tnnus gegen Niedere sei derselbe Kramxf wie derEmpro st hoto n u s * gegen Höhere — aber wiegesagt, der Henker traue Hofjunkern!

Die Britten indessen nahmen den Narrensammt seiner Geldbörse am Hintern kaum wahrund wunderten sich blos, was er da wolle. Ihrerepublikanischen Flammen schlugen mit Flamins sei-nen zusammen, und zwar so, daß der Hofjun-kersie für Franzosen und für Reisediener unLZir-kularbvlen der französischen Propaganda würde ge-nommen haben, wenn er nicht geglaubt hätte, nurein Narr könne eine versuchen und eine glauben.

' Emprosthotonus ist der Krampf, der den Menschenvorwärts krümmt — der OpisthoronuS bcuzt ihn rück-wärts.