Band 
I.
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Hesperus. 547^

Der fürstliche Puls ging noch etwas erhitzter,als dessen seiner, der ihn hier beschreibt. Siehatte kurz vorher, eh' er kam, einen warmenVerband aus zerbratnen Aepfel» von den Augenabgenommen. Sie begehrte einen Zwischenver-band , indeß man das zubereiten würbe , was derDoktor verordnete. Er konnte aber jetzt in derNacht, bei diesem Wirrwarr des Helldunkels , inallen vier Kammern seines Gehirns und in denacht kleinern Gehirnen der vierten Gehirnkammerkeinen Augendoktor auftreiben, als den D.v. Ro-sen st ei n, welcher darin aufstand und ihm rieth,er solle rathen, Safranxulver, ein Fünftel Kampherund zerschmolzene Winterapfel auf gezupfte feineLinnen zu streichen. Die Kammerfrau wurdefortgeschickt , die Zubereitung des Rezeptes zu be-sorgen oder zu befehlen , nachdem sie vorher einschwarzes TaftbanL mit dem Aepfel-Ueberschlageum zwei der schönsten Augen vorgebunden hatte,die einer angenehmern Binde und Blindheit wür-dig waren. Ich bin lebhaft, wenn ich schreibe,der Ueberschlag schien aus dem Apfel der Schön-heit — und das schwarze Band aus aneinanderge-stoßenen Schminkmuschen gemacht zu sein. DerPater ging auch fort, sobald er die Hoffnung derbaldigen Heilung vom Doktor hatte. Für denMedikus wars aber wahrhaftig jetzt kein Kinder-spiel. einem italiänischen Rosen- und Madvnnen-gestcht gegenüber zu sitzen — noch dazu so nahe,daß er den Athem flüstern hören kann, nachdemer ihn vorher wachsen sehe» konnte — einem Ge-sicht gegenüber zu halten (mein' ich, war keinSpiel), auf dem Rvseu den Lilien eingeimpftsind, wie Abendröthe den lichten Mondwellen,und das ein malerischer Schatten , nämlich einschwarzes Ordenband, eine priesterliche Kvpfbinde,ein wahrer xosblUon <l'a«iouv so schön zertheiltund hebt — ein zugebundenes Gesicht, das errecht in einem fort anschauen kann, und das sich( in einer malerischen Halbstellung ) auf daSKopfkissen und auf die Hand, ihm zugerichtet,stützt. . .

Ich hätte eine Steigerung versuchen und bei Se-bastians Seele anfangen sollen, die heute aus ihrereignen Schwermut!), aus ihren Sorgen, aus ih-rer, durch die Zerfleische Verleumdung vergrößer-ten Liebe für Agnola lauter Schönheitlinien undflüssige Tuschen machte, um damit in dessen eignesGesicht ein so schönes neues hineinzumale» , als jeeine schöne Seele eines auf Leinwand, oder ameignen Kopf, oder an einem fremden erschaffenhat.

Agnola »»achte wohl diese Bemerkung eher alsich.

Es that freilich dem Paare schlechten Vorschub,daß es unter — nicht unter vier Augen < dennAgnola war zugehange») sondern unrer — zweiAugen war; denn die beiden andern Augen derHofdame im Kabinet, aus denen Viktor nichteher klug werden konnte, als jetzt, da die fürst-lichen zu waren, und er ohne Fragen durch Blickeund Anlächeln das starre Ding auf dem Sesseldrinnen im Kabinet untersuchen konnte, warenwahrhaftig gemalt und der Rumpf dazu, der sietrug.

Es frappierte ihn jetzo , daß er wider alle Hof-

ordnung allein bei der Fürstin sein durste; aberer sagte sich, sie ist eine Jtaliänerin — eine Pa-zientin — eine kleine schöne Phantasti» — (letzteswar sogar aus dem ungewöhnlichen Winternegligöund Sicilien-Feuer ersichtlich ). — Er konnte bis-her (und auch heute vor dem Verbände der Au-gen ) den rechten Ton gar nicht bei ihr treffen;denn da sie zu fein war für eins Deutsche, zuwenig zärtlich für eine Engländerin, zu lebhaftfür eine Spanierin : so hält' er auf sie freilichgeschrieben, l>. !>. k>° s pnssö irarpuris, welchesauf den über Paris gelaufnen Briefen steht), erhätt' es , sag' ich , wäre sie nicht wieder zu innig-leidenschaftlich gewesen für eine Pariserin. Da-ran stieß sichs. — Aber da zwei Menschen sichmuthiger und freier unterreden , wenn einer oderbeide im Finstern sitzen — und Agnola saß da:

— so war Viktor doch heute nicht ganz und garso einfältig wie ein Schaf. Noch dazu machte ihnder Kleinodienschrank beherzt, in dem er — siekonnt' es nicht sehen , daß er unhöflich herunflah

— zu seiner Freute unter zwanzig Uhren keinemoutrs N rügululeiiv auSfand. Sie fragte ihn,ob sie bis zum dritten Feiertage so hergestellt seinwerde, daß sie zum Vergnügen des Fürsten aufdem Balle etwas beitragen könne. Er bejaheteeS, ob er gleich wußte, sie trüge noch mehr bei ,wenn sie wegbliebe, und ob sie gleich dasselbewußte. — Hier dauerte sie ihn, und er wollt' ihralles offenbaren. Er wollte nicht etwa» plumpsagen: -an Großkussewiz ließ ich mich vom Teufel--breit schlage», daß ich in die Uhr Ew. Durch-"laucht einen Liebantrag eingeschwärzet": sonderner wollte im schönsten Seelenergusse mit dem po-chenden Busen niederfallen und sagen: --nicht aus--Furcht der Strafe, sondern aus Furcht, daß das--Geständniß meines Fehlers einige Aehnlichkeit,-mit der Wiederholung desselben erhalte, hab'--ichs bisher verborgen , daß ich einmal eine Hoch---achtung, in der ich nur Ihren Hof, und nicht»den Gebieter desselben nachahmen darf, weniger»zu stark, als zu kühn ausgedrückt habe, aber die--Starre der Gefühle wird leicht mit der Necht---mäßigkeit derselben verwechselt."

— Er setzte dieses Niederfallen noch aus, weiler hinter der Gardine einen goldnen Streif wahr-nahm, der der Anfang eines Bilderrahmens zu seinschien. Dieses Einfaßgewächs mußte dock um et-was herumlaufen, um ein Bild, mein' ich — undLas wollt' er gern wissen.

Der verdammte Hofapvtheker sammt seinerVerleumdung hatt' es zu verantworten, daß er daswollte; nicht als ob er glaubte, daß Matzens Ge-sicht umgoldet hinter dem Bette hinge: sondernweil ihm heute allerlei aufgefallen war. Er konnt'es, da ihres Auges Tapetenthür und Sprachgitterschwarz verhangen war, recht leicht machen: erdurfte nur die linke Hand leis' auf die Bettkantsaufstemmen und so hineingebogen , und über ihrmit gehaltenem Athem schwebend, mit der rechtenüber das Bette (es war schmal und er lang) hin-übergreifen und die Gardine ein wenig zupfen —so wußt' er, was dahinter hing. Ich sag' es nocheinmal ohne den Apotheker wärs ihm gar nichteingefallen. Ein Verleumder macht, daß man we-nigstens jede Handlung um ihren Paß befragt —